Lernen von den Göttern: Wie frei will ich sein?

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Mit Yoga kommt eine große Freiheit. Und mit ihr eine große Verantwortung …
Wenn man mich fragt, warum ich mit Yoga begonnen habe, dann denke ich meist kurz zurück an mein Gefühl im Leben „vorher“. Und ich erinnere mich, dass ich einfach nicht zufrieden war damit. Ich hatte keine klare Position in meinem Leben eingenommen und war auf der Suche nach etwas, ohne zu wissen wonach. Wenn ich diese grundlegende Unzufriedenheit genauer betrachte, vermisste ich es, mich „verbunden“ zu fühlen. Hätte man mich damals gefragt, hätte ich gesagt: „Ich möchte einfach nicht mehr Single sein.“ Mit Yoga kam dann vor vielen Jahren aber plötzlich ein viel größeres Geschenk als nur eine Partnerschaft. Ich fühlte mich an eine höhere Kraft angebunden, nach der ich nie zu suchen gewagt hätte.

Verbindung und Verbindlichkeit
Die Philosophen sagen, dass die Silbe „Yug“ in „Yoga“ etwas mit Anbinden zu tun hat. Manche betonen, dass es wörtlich sogar „unterjochen“ bedeutet. In meinem neuen Freundeskreis wurde aber immer das Wort „Freiheit“ betont. Und ich bemerkte, wie sehnsüchtig viele Menschen um mich herum um diesen Begriff zu kämpfen begannen. Auch heute scheinen noch manche Yogalehrer Freiheit als einziges und höchstes Ziel zu sehen. Und die Menschen folgen ihnen; manchmal mehr, manchmal weniger selbstreflektiert.

Wandlungsfähige Götter
Bei den Göttern scheint das alles so einfach zu sein. Vish­nu etwa war sogar so frei, seine Erscheinungsform zu wählen. Einst musste er eine List anwenden, damit der Nektar des Lebens nicht in die Hände der Dämonen gelangen konnte. Er verwandelte sich in die wunderschöne Tänzerin Mohini und tanzte mit dem Krug zwischen den himmlischen Heerscharen und den wilden Unholden hindurch. Dabei gab er nur den Göttern vom Nektar zu trinken. Die Dämonen waren so blind vor Lust auf die Erscheinung der schönen Tänzerin, dass sie gar nicht merkten, dass sie von Vishnu gerade um das eigentlich Kostbarste betrogen wurden. Sie hatten Unsterblichkeit gegen einen kurzfristigen Kick eingetauscht.

Wachstum vs. Freiheitsdrang
In vielen Partnerschaften um mich herum habe ich in den letzten Jahren eine ähnliche Dynamik bemerkt. Vielversprechende Verbindungen werden einem Freiheitsbegriff geopfert, der mir manchmal mehr wie eine kindliche Trotzhaltung erscheint, als dass diese Freiheit einem wirklich offenen Geist und einen offenen Herzen entspringt. Sobald eine Beziehung unbequem wird – was oft dann passiert, wenn wirkliches gemeinsames Wachstum beginnt – werden spirituelle Weisheiten zitiert, die zu betonen scheinen, dass man „nicht anhaften“ soll. Man reklamiert für sich, „mit allem eins“ zu sein und dass die Liebe fließen soll, wohin sie will. Vielleicht sogar zu einem anderen Partner.

Menschliche Beziehungen und göttliches Streben
Wir vergessen dabei, dass wir Menschen sind und keine Götter. Unser Nervensystem schlägt Alarm, wenn unsere Beziehungen leiden. Auf der Suche nach Freiheit fügen wir Menschen, die wir lieben, mitunter großes Leid zu. Das musste auch Shiva erfahren. Denn obwohl wir ihn zu den Göttern zählen, gibt auch er sich manchmal einfach der Lust hin. Und so verliebte er sich in Mohini – in der doch eigentlich Vishnu steckte – und war drauf und dran, Parvati zu verlassen. In manchen indischen Tempeln sieht man Bilder davon, wie Shiva verzaubert von seiner Frau abschweift, die das Spiel mit sehr trauriger Miene ansieht. Ihr Blick zeigt: Was Shiva tut, schmerzt selbst die Göttin, die weibliche Kraft, die das Leben auf Erden verkörpert. Die Geschichte ist also keine Aufforderung, allen Wünschen der Sinne ungezähmt nachzugehen.

Wir sind Menschen, keine Götter. Mir tut es gut, in der Meditation die Freiheit meines Geistes zu erleben. Und in den Asanas meinem Körper jeden Tag wieder ein Stück Freiheit zu schenken. In meiner Beziehung schätze ich die Verbundenheit durch ein Versprechen, das ich nicht immer wieder in Frage stelle, wenn es schwierig wird. Ich zähle darauf, dass meine wirkliche Freiheit wächst, wenn ich nicht jedem Impuls nachgehe. Verbindlich zu sein, bringt uns meiner Meinung nach immer näher zu der Kraft, die wir eigentlich suchen. Ich glaube, wir nennen sie: Liebe.


RALF STURMs Geschichten von den Göttern gibt es zusammen mit Yoga-Übungen von Katharina Middendorf im Buch und auf der CD „Götter-Yoga“. Mehr zu ihm und seiner Arbeit unter www.ralfsturm.de