Welche Musik zu welcher Asana?

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Wenn man sich dafür entschieden hat, Musik im Yogaunterricht zu spielen, braucht man für die richtige Auswahl vor allem Zeit, Kreativität und das Wissen über Zusammenhänge zwischen Klang und Körper. „Leben ist Schwingung“ betont die Yogalehrerin Andrea „Qbi“ Kubasch und gibt Tipps, welche Musik Sie für welche Asana verwendet können.

Die Frage ist sicher berechtigt:
Braucht man überhaupt Musik im Yoga? Darauf gibt es verschiedene Antworten. Nein, würden die Anhänger mancher Stile sagen, zu denen Musik im Unterricht nicht unbedingt passt, oder deren meditativer Ansatz darauf abzielt, dass sich die Übenden ausschließlich auf sich selbst und die Ansagen des Lehrers konzentrieren. Ein klares Ja würde man vermutlich vor allem von Yogalehrern dynamischer Vinyasa-Stile hören, die Musik einsetzen, um den yogischen Fluss oder die (emotionale) Wirkung der Asanas zu unterstützen.
Ähnlich wie unsere eigenen Gedanken und Vorstellungen kann uns auch Musik in verschiedene Stimmungen versetzen und innere Ausgeglichenheit schaffen. Kein Wunder, dass alle Naturvölker dieser Welt Techniken und Rituale kennen, um mit Klang, Worten, Musik und Gesängen zu heilen, zu beeinflussen oder zu „verzaubern“. Auch zum Yoga gehören Klänge – und das schon immer. Mantras und Singen werden genutzt, um sich auf das Göttliche zu besinnen und eine Verbindung zu einem höheren Bewusstsein zu schaffen. Ursprünglich wurden die Mantras in den alten Traditionen geheimgehalten und nur persönlich durch den Meister an den Schüler weitergegeben. Das berühmte Gayatri-Mantra galt beispielsweise als derart heilig und kraftvoll, dass es ausschließlich ausgewählten männlichen Angehörigen der drei obersten Kasten zugänglich war. Wie bedeutend Klänge für unser gesamtes Leben sind, betont die Yogalehrerin Andrea „Qbi“ Kubasch aus Hamburg, die Power Yoga Germany leitet: „Unsere ganze Welt, unser ganzes Universum schwingt. Diese Schwingung erzeugt Wellen, die uns erreichen und beeinflussen. Einige hörbare Frequenzen dringen in unser Ohr und wir nehmen sie als Geräusche oder Musik wahr. Selbst in scheinbar festen Körpern, wie Steinen, vibrieren die Atomkerne und erzeugen Schwingungen, die wir auf feinstofflicher Ebene wahrnehmen. Auch unsere Erde schwingt auf einer bestimmten Frequenz – im Allgemeinen  wird ihr die Frequenz 136,10 Hz zugeordnet. Auf der Tonleiter entspricht das in etwa dem Cis. Berechnet wird sie aus dem Zeitraum, den die Erde benötigt, um einmal die Sonne zu umkreisen (Jahreston). Auch unser eigener Körper ist ständig in Bewegung und in einem Rhythmus, auch wenn wir still sitzen und uns vermeintlich nicht rühren. Das Herz schlägt, das Blut fließt und der Atem strömt ein und aus. Im Yoga streben wir nach Vereinigung, und die Synchronisation verschiedener Schwingungen von unterschiedlichen Menschen zu Beginn einer Yogaklasse, beispielsweise durch ein gemeinsam gesungenes Om oder Aum, kann ein Teil dieser Praxis sein. Ein sehr schönes Beispiel verwendet Anodea Judith in ihrem Buch ‚Lebensräder‘ (Verlag Goldmann Arkana). Sie beschreibt einen Automotor, der – wenn man ihn von außen betrachtet – ruhig und gleichmäßig läuft, surrt und vibriert. Die Bewegung der Kolben, Zylinder und Flüssigkeiten können wir nicht sehen. Trotzdem erkennen wir an der Schwingung, ob er gut läuft oder etwas nicht in Ordnung ist. Ebenso ergeht es uns mit anderen Menschen oder Situationen, wir spüren die Schwingung, auch ohne die Einzelheiten zu kennen.“

Musik und Energiezentren
musik_energiezentrenDie Vorstellung, dass sich in unserem Körper einzelne Energiekanäle (Nadis) und Energiezentren (Chakras) befinden, ist Voraussetzung für das Verständnis, dass man mit gemeinsamem Chanten Harmonie im Körper schaffen kann. „Die Chakren in unserem Körper repräsentieren jedes für sich einen bestimmten Schwingungsbereich. Er wird immer niedriger, je weiter sich das Chakra der Erde nähert. Den Chakren sind ebenfalls bestimmte  Selbstlaute (Vokale) zugeordnet (siehe Bild links).

Das Singen bestimmter Mantren spricht verschiedene Energiezentren in unserem Körper an. Das wohl bekannteste Mantra ‚Om‘, das eigentlich als ‚Aum‘ gesungen wird, zielt auf die harmonische Einheit der Chakren ab: Zum Erleuchtungschakra auf der Krone des Kopfes gehört der Vokal ‚M‘, zum Herzchakra das ‚A‘ und zum Wurzelchakra das ‚U‘. Das gesungene Aum verbindet, ausgehend vom Herzen, die Erde und das göttliche durch bedingungslose Liebe. Das Singen dieses Mantras erinnert uns daran, diesen Weg zu gehen.“ Als ehemalige Musikmanagerin beschäftigt sich Qbi seit langem mit dem Thema „Yoga und Musik“. In ihren Stunden gehört Musik selbstverständlich dazu. Nicht nur Chanten, Mantren und Kirtan können uns in eine bestimmte Stimmung versetzen – auch Musik während der Yogaklasse beeinflusst uns. „Menschen nehmen Musik unbewusst als passend oder unpassend wahr. Für Entspannung, ein romantisches Abendessen oder für den Marathonlauf wird jeder eine bestimmte Art von Musik als stimmig empfinden. Man kann Musik auch den sieben Elementen – Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther, Akasha, Subtilstes – zuordnen. Meist sind wir instinktiv und automatisch bemüht, diese auszugleichen.“

Der Einsatz von Musik in der Yogapraxis
Für eine passende Playlist zu einer Yogaklasse sollten zunächst der Inhalt und das Thema der Stunde feststehen. Egal ob in der Klasse Chakren erklärt werden, ob sie energetisieren oder beruhigen soll: Für die YOGA JOURNAL-Leser hat Qbi folgende Tabelle entworfen, anhand derer einzelnen Asanas der passende Sound zugeordnet werden kann.

Welche Musik für welche Asanas?

 Element  Eigenschaft  Lautstärke  Tonhöhe  Vokal  Asanas
Subtiles Stille Stille M Kopfstand
Akasha spaciger Sound laut wie leise hoch wie tief I Kindeshaltung
Äther spaciger Sound  laut wie leise hoch wie tief E Schulterstand, Pflug, Fisch
Luft sehr schnell sehr laut hoch A Rückbeugen, Balancehaltungen
Feuer mittel bis schnell mittellaut mäßig bis mittel O („Sonne“) Drehungen, Vinyasa Krama
Wasser mäßig langsam eher leise eher tief O („Mond) Vorwärtsbeugen, Hüftöffner
 Erde  sehr langsam  sehr leise sehr tief  U Stehhaltungen

 

Die Musikauswahl
Qbi sieht die Zeit für einen kreativen Umgang mit Musik im Yogaunterricht gekommen. „Vor etwa 30 Jahren dachte man noch, lediglich New Age-Musik besitze eine heilende Wirkung. Die Sounds klangen meistens nach dem Element Wasser, wie eine Seeoberfläche mit kleinen Wellen, auf die man an einem ruhigen Tag schaut. Sie ist als Ausgleich zu unserem hektischen Alltag gedacht, in dem wir von Termin zu Termin hetzen und keine Zeit zum Essen oder Luftholen finden.“ Man muss sich überlegen, ob dieser Ausgleich grundsätzlich für alle Teilnehmer passend ist. „Es ist nicht zwangsläufig so, dass es nur eine einzige Art von Musik gibt, die uns harmonisiert. Wenn unser Alltag sowieso schon ruhig dahinfließt, bringt uns zu sanfte Musik keine Balance, im Gegenteil, dann ist etwas mehr Action gefragt. Das größte Heavy Metal-Festival der Welt in Wacken, Schleswig-Holstein, ist ein gutes Beispiel. Dort kommen jedes Jahr im Spätsommer bis zu 100.000 ‚Metalheads‘ zusammen. Mein Geschäftspartner, der neben unseren Yogastudios eine Sicherheitsfirma betreibt, hat mich vor ein paar Jahren dorthin eingeladen. Vorurteile verliert man dort schnell, denn mit ihrer Musik aktivieren die Fans endlich einmal die rechte Gehirnhälfte, die für Intuition, Emotion und Kreativität zuständig ist. Sie können sich wild und unbeschwert fühlen. Und das tun sie dann übrigens auch – drei Tage lang! Genauso können wir mit unserer Musikwahl unsere Yogaschüler oder in unserer eigenen Praxis uns selbst wieder harmonisieren und helfen, den Fokus nach innen zu richten. Das ist ja sowieso das Ziel jeglichen Yoga-Übens.“

Unterstützen, nicht Ablenken
Zu manchen Stilen, wie zu fließendem Vinyasa Yoga, passt Musik besser, als zum Beispiel zu meditativem Sivananda Yoga. Nichtsdestotrotz sollte auch in dynamischen Klassen nicht durchgehend Musik spielen, um den Teilnehmern Raum zu geben, sich nach innen zurückzuziehen. Oft sind es gerade die „leisen“ Momente – etwa in einer Vorbeuge – oder das rauschende Geräusch der eigenen der Ujjayi-Atmung im nach unten schauenden Hund, was einem auch nach der Stunde in Erinnerung bleibt. Diese Phasen haben genauso ihre Berechtigung wie ein mitreißendes Lied während einer intensiven Rückbeuge. Oft ist es diese Mischung, die eine gelungene Stunde ausmacht. Generell ist es nicht nur wichtig, welchen Song, sondern auch, weshalb man ihn spielt. Die Musik sollte die Yogapraxis unterstützen und nicht von ihr ablenken.


Andrea „Qbi“ Kubasch ist die Gründerin und Leiterin von Power Yoga Germany in Hamburg. Zum Thema „Musik im Yogaunterricht“ leitet die ehemalige Musikmanagerin mehrere Workshops.