6 Weisheits-Tipps für rasante Zeiten

62

Fühlen Sie sich manchmal aufgrund der vielen Unsicherheiten und rasanten Umbrüche im Leben wie allein auf hoher See? In schwierigen Zeiten suche ich Halt in meiner Yoga-Praxis. In der Hoffnung auf praktische Lebenshilfe im Umgang mit der aktuellen Situation habe ich sechs Yoga-Lehrer befragt, die für Weisheit und Pragmatismus stehen. Meine Frage lautete: Auf welche Weise kann Yoga uns genau jetzt Stärke und Flexibilität verleihen? Wie kann dieser Weg dabei helfen, mutig und kreativ mit den gesellschaftlichen Herausforderungen umzugehen?

In einem Punkt waren sich alle einig: Neben der beruhigenden und stabilisierenden Wirkung des Yoga hilft uns unsere Praxis zu erkennen, dass auch oder gerade schwierige Zeiten immer die Chance zu positiver Veränderung bieten. Hier sind ihre gesammelten Vorschläge zur Entschärfung der Krisenstimmung.


1. Abstand gewinnen, dann entscheiden

Wirtschaftliche Krisen können intensive Gefühle wie Angst, Unsicherheit, Neid oder sogar Feindschaft an die Oberfläche bringen. Der erste Schritt besteht darin, diese Gefühle nicht zu verdrängen, sondern genau wahrzunehmen – und voreilige Reaktionen zu vermeiden. „Treffen Sie keine wichtigen finanziellen Entscheidungen, wenn sie emotional aufgewühlt sind“, rät Brent Kessel, langjähriger Yogi, Finanzplaner und Autor des spirituellen Finanz-Ratgebers „It’s Not About The Money“. „Versuchen Sie vorher, Abstand zu gewinnen und sich zu beruhigen.“ Seiner Erfahrung nach haben viele Menschen ein sogenanntes „Worst Case“-Szenario im Kopf, das sie in Panik versetzt und vor dem sie ständig auf der Flucht sind.

„Gesünder ist es, sich dieser Schreckensvision zu stellen, indem man sie konsequent weiterentwickelt. Dabei erkennen wir schnell, dass wir im Ernstfall doch einen Weg finden würden, mit der Situation umzugehen.“ Ist der Arbeitsplatz gefährdet, empfiehlt Kessel, verfügbares Vermögen für die kommenden sechs Monate zurückzulegen. Spontane und ungeplante Ausgaben sollten vermieden werden. Im Falle einer Entlassung haben wir somit einen finanziellen Spielraum und sind nicht darauf angewiesen, den erstbesten Job anzunehmen. Stattdessen können wir uns in Ruhe nach einer Beschäftigung umsehen, die uns gefällt. Außerdem sollte man sich laut Kessel gerade in einer Wirtschaftskrise die folgenden Fragen stellen: Wie habe ich bisher gelebt und will ich so auch in Zukunft leben? Fühlt sich mein Leben im Hinblick auf das Streben nach einem gewissen Standard authentisch und wahrhaftig an? Kessel ist überzeugt: Niemand sollte sich vor innerem Wachstum verschließen, auch nicht in Zeiten der Krise. „Wenn uns das Leben eine Tür anbietet, sollten wir sie öffnen und erforschen, was sich dahinter verbirgt.“


2. Eine stabile Basis schaffen

Möchten wir durch unsere Yoga-Praxis Geist und Körper beruhigen, kommt es weniger darauf an, welche Asanas wir üben, als auf die Energie und die Einstellung, mit der wir sie ausführen, meint Scott Blossom, Yoga-Lehrer und Ayurveda-Therapeut im kalifornischen Berkeley. „Dies ist ein guter Zeitpunkt, unsere Yoga-Praxis großzügig zu gestalten und Asanas zu wählen, die sich für uns am besten anfühlen“, empfiehlt er. Versuchen Sie, Erdung und Stabilität zu etablieren – besonders in den Stehpositionen. „Spüren Sie, wie sich die vier Eckpunkte der Füße mit dem Boden verbinden, während die Fußmitte entspannt bleibt.“ Einfaches Stehen lehrt uns, auch angesichts stürmischer Zeiten ruhig zu bleiben, nicht wegzulaufen. Yoga-Haltungen wie Tadasana (Berghaltung) fördern das Gefühl von Verbundenheit mit etwas Größerem, das uns umgibt und unterstützt. „So erinnern wir uns daran, dass wir nicht allein sind, und dass die Welt Realitäten einschließt, die wir mit der begrenzten Vorstellungskraft unseres Egos nicht erfassen können“, so Blossom. Darüber hinaus empfiehlt er Asanas, die bestimmte Verhaltens-Tendenzen in Krisensituationen ausgleichen. Wenn Sie beispielsweise dazu neigen, angesichts von schwierigen Situationen in Apathie zu verfallen, fördern anregende Übungsabfolgen oder eine Serie mit herausfordernden Armbalancen Mut und Flexibilität.

Beruhigende Yoga-Sequenzen helfen uns dagegen, in stressigen Situationen gelassener zu bleiben und ohne Kampf die jeweiligen Gegebenheiten anzunehmen. „Wem es gelingt, über seine Yoga-Praxis Frieden, Zufriedenheit und Schönheit zu erfahren, macht sich unabhängiger von äußeren Umständen“, so Blossom. „Auf diesem Weg schärfen wir unser Bewusstsein dafür, dass wir bereits alles in uns tragen, um zurecht zu kommen.“


3. Klarheit durch Meditation

Mit Meditation fördern wir unsere innere Stabilität,die eine positivere Sichtweise und mehr Klarheit bewirken kann. Bei aufkommenden Ängsten oder negativen Gedanken empfiehlt der Meditations- und Philosophie-Lehrer Carlos Pomeda aus Austin, Texas das stille Sitzen. „Versuchen Sie nicht zu fliehen oder sich abzulenken. Stellen Sie sich den unangenehmen Empfindungen. Was immer Ihnen auch Unbehagen bereitet, bleiben Sie sitzen, ohne Ihren Geist von Ihrer Angst oder Ihren Sorgen einnehmen zu lassen.“ Wer dies übt, kann eine Transformation negativer Energie erleben. „Sie kann sich in Freude oder das Gefühl von Frieden verwandeln. Manchmal löst sie sich auch einfach auf.“ Auch die klassische Technik der Visualisierung bietet sich an. „Stellen Sie sich vor, im Ozean zu schwimmen. Obwohl an der Meeresoberfläche ein Sturm tobt, ist das Wasser darunter friedlich und klar. Während Sie hinabtauchen, tauchen Sie tiefer in sich ein und damit in ein Gefühl grenzenlosen Friedens.“ Dieses Bild lässt sich leicht auf unser Leben übertragen. Egal, wie stark die Stürme auch über uns hinwegfegen: In uns gibt es einen Ort der Ruhe, den wir jederzeit aufsuchen können. „Nichts dauert ewig“, sagt Carlos Pomeda. „Jede Krise hat ein Ende. Meditation hilft in unsicheren Zeiten, geistig beweglich zu bleiben und auf das, was ist, mit klarem Verstand und Besonnenheit reagieren zu können.“


4. Zur Ruhe kommen

„Zeiten wie diese erfordern einen behutsamen Umgang mit unseren Ressourcen“, sagt Ann Dyer, Yoga- und Chanting-Lehrerin aus Oakland, Kalifornien. Dyer hat sich auf eine Yoga- Richtung spezialisiert, die tiefen, erholsamen Schlaf fördert– eines der besten Mittel, um das Nervensystem zu beruhigen. „Alle Vorwärtsbeugen, bei denen man den Kopf auf einen Block legen kann, haben eine sehr entspannende Wirkung“, sagt die Yoga-Lehrerin. Reicht die Flexibilität dazu nicht aus, lässt man den Kopf auf der Sitzfläche eines Stuhles ruhen. Haltungen wie Uttanasana (Vorwärtsbeuge im Stehen), Paschimottanasana (Vorwärtsbeuge im Sitzen) und die einfache Vorwärtsbeuge aus Sukhasana eignen sich hierfür hervorragend. Vor dem Schlafengehen rät Dyer zu Viparita Karani (auf dem Rücken liegend die Beinrückseiten gestreckt an die Wand bringen). Das Wichtigste ist, sich während der Praxis nicht unter Druck zu setzen. „Hier geht es nicht darum, Herausforderungen zu meistern, sondern um Loslassen,“ betont Dyer.

Darüber hinaus empfiehlt sie:

• Treffen Sie die bewusste Entscheidung, die Geschehnisse des Tages hinter sich zu lassen: Machen Sie wirklich „Feierabend“. Schalten Sie den Computer aus, checken Sie keine E-Mails mehr.

• Entwickeln Sie ein entspannendes Ritual, bevor Sie zu Bett gehen. Mindestens eine halbe Stunde, bevor Sie das Licht ausschalten, sollten Sie sich keinen starken Sinneseindrücken mehr aussetzen.

• Wenn sie mitten in der Nacht aufwachen, stehen Sie nicht auf. Bleiben Sie liegen und praktizieren Sie folgende einfache Pranayama- Technik: Nehmen Sie zehn tiefe Atemzüge und verlängern Sie die Ausatmung jedes Mal ein bisschen mehr.


5. Geben lernen

„Karma Yoga ermöglicht uns, unser Tun mit unserer Spiritualität in Gleichklang zu bringen“, meint Swami Ramananda, Vorsitzender des Integral Yoga Institute in New York. Besonders in Krisenzeiten sei das Yoga des Dienens wichtig – einer Phase, in der wir eigentlich lieber unsere eigenen Interessen verfolgen und uns zurückziehen wollen. „Wenn wir uns verschließen, kappen wir die Verbindung zum Universum. Wenn wir das Bewusstsein dafür verlieren, dass wir nicht alleine sind, büßen wir eine unserer größten Kraftquellen ein.“

Durch den Akt des Gebens treten wir in Kontakt mit der Umgebung. Und wir wachsen durch die Erkenntnis, dass andere unsere Bedürfnisse teilen. „Liebevolles Geben öffnet uns ein neues Gefühl für Raum. Wir entwickeln das Vertrauen, dass das Universum uns auffangen wird und dass uns mehr Möglichkeiten offen stehen als wir denken. Mit dieser Erkenntnis lösen sich nach und nach selbst gesteckte Grenzen auf“, so Ramananda.

Gemäß seiner Überzeugung haben wir alle eine natürliche Neigung zum selbstlosen Handeln. So empfiehlt er, sich für eine Sache zu engagieren, die einem wirklich am Herzen liegt – im Umgang mit anderen Menschen, Tieren oder der Umwelt. Ein offenes Herz und Fürsorge beseitigen Sorgen und Ängste zwar nicht automatisch, sorgen aber dafür, dass wir besser mit diesen unangenehmen Gefühlen umgehen können: Sie fließen durch uns hindurch, anstatt sich ins uns festzukrallen. Dadurch können wir beobachten, dass Angst einfach Teil der menschlichen Erfahrung ist. Anderen zu helfen, wenn man sich selber gerade als bedürftig empfindet, verbindet uns mit der wahren Quelle unserer Kraft: unserem unveränderlichen wahren Selbst. „Anderen beizustehen ist eine der wirkungsvollsten Methoden, um uns selbst zu heilen“, so Swami Ramananda.


6. Einfach leben

„Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, sich zu fragen: Wann ist es genug?“, meint Gurmukh Kaur Khalsa, Kundalini Yoga-Lehrerin und Leiterin des Studios Golden Bridge Yoga in Los Angeles. „Noch immer setzen die meisten Menschen Glück mit Geld gleich – auch wenn wir immer wieder sehen, dass die Jagd nach materiellen Gütern nicht glücklich macht. Im Gegenteil: Sie ist einer der größten Konfliktherde unserer Zeit.“

Der Gegenentwurf zur Gier nach Geld und materiellen Besitztümern ist Aparigraha, der fünfte Verhaltensvorschlag im Yoga-Sutra des Patanjali. Aparigraha wird häufig mit „Nicht-Begehren“ übersetzt. Die Essenz dieses Hinweises bildet das Loslassen von Besitztümern und dem Gedanken, dass unser persönliches Glück von unserem Besitz abhängt. „Wir leben in einer Phase des Übergangs, in der wir uns zunehmend mit Fragen wie ‚Was ist wirklich wichtig?‘ oder ‚Was macht mich wirklich glücklich?‘ beschäftigen“, beobachtet Khalsa. „Ich bin glücklich, wenn ich Zeit zuhause und in der Natur verbringen kann. Ich liebe es, selbst zu kochen, meist einfache Gerichte aus biologischem Anbau. Ich konzentriere mich mehr auf Familie und Freunde. Vermeintlich unspektakuläre Aktivitäten sind oft viel erfüllender, als wir vermuten.“ Je mehr wir lernen, uns an etwas zu erfreuen, ohne es besitzen zu müssen, desto mehr verändert sich unsere Beziehung zu der Welt, in der wir leben – davon ist Khalsa überzeugt. Mit dieser schöpferischen Einstellung erlangen wir die Kraft, unser Schicksal zu maßgeblich mitzuprägen.


Den gesamten Artikel lesen Sie in unserem Heft 05
Foto: unsplash.com