Wann man ein Lehrer wird

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Reicht Yoga-Philosophie aus, um mit wirklichen Schwierigkeiten umzugehen? Im Yoga wird oft betont wird, dass ein „Guru“ wichtig ist. Aber was macht einen Menschen zum Lehrer?

Eigentlich ist die Sache mit der menschlichen Existenz ganz einfach. Wir sind nicht dieser Körper, heißt es in den Upanishaden. „Alles klar“, sagen wir uns, „dann ist es ja auch nicht schlimm, wenn wir sterben“. Solange das Ende unseres eigenen Aufenthaltes auf der Erde noch relativ abstrakt ist, hat der Tod wenig Schrecken für uns, und wir kommen mit der Lehre des Vedanta gut klar. Aber was ist, wenn jemand stirbt, der uns lieb ist? Wie viel Trost gibt uns die Philosophie dann noch?

Manchmal bekommen Worte eine besondere Kraft, wenn Sie in einem ungewohnten oder sogar falschen Zusammenhang stehen. In Asien kann man das erleben, wenn jemand gebrochenes Englisch benutzt. Ein Lama in einem tibetischen Kloster erzählte während meiner Ausbildung die Geschichte von Marpa, einem buddhistischen Lehrer aus dem 11. Jahrhundert, um die Diskrepanz zwischen Wissen und Gefühlen beim Thema Tod zu verdeutlichen. Marpas Sohn war schwer verwundet und lag im Sterben. Der gebildete Vater sang ihm letzte buddhistische Instruktionen vor, wie er sein Bewusstsein von seinem Körper befreien sollte, um eine neue Inkarnation anzunehmen. Dabei begann er sehr zu weinen.

Für ein Ehepaar aus dem Dorf schien das nicht mit seinen Lehren zusammenzupassen. Jahre vorher hatten sie ihr einziges Kind verloren. Damals hatte Marpa versucht, ihre Trauer zu erleichtern, indem er die Analogie des Traumes benutzte: „Wenn du nur träumtest, dass dein Liebstes von dir genommen wird, dann fühlst du im Traum auch Schmerz. Doch du würdest leiden an etwas, das in Wirklichkeit gar nicht geschehen wäre. Letztendlich ist auch deine jetzige Trauer um dein Kind nichts anderes als das. Sieh es als einen Traum, eine Illusion, und sei nicht traurig.“

Nun sagten ihm diese beiden: „Aber Lama, als unser einziges Kind starb, sagtest du, es sei nur eine Illusion gewesen. Jetzt, wo dein Sohn stirbt, sei auch du nicht traurig.“ Marpa blieb nichts, als zu antworten: „Es war mein eigener Sohn. Es war eine Super-Illusion.“ Das Wort „Super-Illusion“ klingt seltsam in diesem Zusammenhang. Vielleicht, weil die Übersetzung aus dem Tibetischen, die der Lama benutzte, nicht ganz passt. Aber es drückt die Gefühle aus, die den Vater überwältigt haben müssen.

Die Philosophie, dass alles, was wir auf der physischen Ebene erleben, eine Illusion ist, kann etwas Entspannendes haben. Wir können – wenn wir in leicht verdaulichen Portionen damit arbeiten – viele Schwierigkeiten aus einer anderen Perspektive sehen. Wenn aber das Leben mit seiner ganzen Wucht auf uns prallt und wir einen geliebten Menschen verlieren, dann ist der Perspektivenwechsel Traum/Realität nicht immer leicht. 

Marpa wuchs dadurch, dass er lernte, die Bedeutung seiner Lehren selbst zu fühlen. Erst dadurch, dass sich Mitgefühl in ihm entwickelte, erfüllte er sein Wissen mit Leben. Sein berühmtester Schüler wurde einige Jahre später Milarepa, ein mehrfacher Mörder. Nachdem er das Leid, das er anderen zugefügt hatte, erkannt und durch den liebevollen Beistand seines Lehrers auch selbst durchlebt hatte, wurde er zum größten Yogi Tibets. Dabei hatte Marpa es ihm nicht besonders einfach gemacht.

Philosophie können wir uns aus Büchern und Schriften besorgen. Unser Leben verändert sich aber erst, wenn wir sie integrieren. Das geht am besten, wenn wir in schwierigen Zeiten jemanden an unserer Seite haben, der unsere Schmerzen kennt. Dann wird der „Guru“ wirklich zu jemandem, der die Dunkelheit beseitigt. Weil er auch wenn es uns nicht gut geht, oder wir uns nicht von unserer strahlenden Seite zeigen das Licht in uns sieht; weil er seinen eigenen Schatten kennt. Wir brauchen Wissen und Gefühl. In schwierigen Zeiten ist es gut, wenn wir einen Menschen kennen, der uns einfach in den Arm nehmen kann, oder in dessen Präsenz wir Ruhe finden. 

Lehrer zu sein ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Schrecken Sie trotzdem nicht davor zurück, selber einmal ein Licht für andere sein zu wollen. Es ist immer noch einer der schönsten Berufe, die man sich vorstellen kann.


Ralf Sturm lebt und arbeitet im Yoga Vidya Seminarhaus in Bad Meinberg.