Von der Kobra an die Krücke

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0Die Kobra ist nur eine von etlichen Asanas, die für negative Schlagzeilen sorgt. Verletzungsgefahren beim Yoga ist immer wieder Thema in den Medien – und sorgt von Zeit zu Zeit für Diskussionen. Ein Zwischenruf.

Eine Aufregungswelle begann im Januar 2012 mit einem Artikel in der „New York Times“. Er schilderte schockierende Fälle schwerer Gesundheitsschäden durch Yoga und löste in der amerikanischen Yogaszene einen Sturm der Entrüstung aus. Der Autor William J. Broad wurde als Skandaljournalist beschimpft, der mit extrem seltenen Einzelfällen PR für sein kurz darauf erschienenes Buch „The Science of Yoga“ mache. Wenig später sorgte das Thema auch in den deutschsprachigen Medien für Wirbel. „Von der Yogamatte an die Krücke?“ titelte gewohnt griffig die „Bild“. „Tagesspiegel“, „Süddeutsche Zeitung“, „Stern“, „Fit for Fun“ und andere auflagenstarke Blätter zogen nach. Alle unterstrichen die Risiken beim Yoga, für die „Bild“ war gar der „Trendsport in Verruf“ geraten. Dabei stellte keiner der Artikel die überwiegenden gesundheitlichen Nutzen von Yoga in Frage, ebenso wenig wie Yogalehrer und Internet-Kommentatoren die Gefahren grundsätzlich leugnen. Warum also die ganze Aufregung, könnte man fragen? Vielleicht weil die Warnungen angesichts der relativ geringen Fallzahlen überzogen schienen? Weil manches einseitig und oberflächlich aufbereitet und nur mangelhaft belegt war? Oder vielleicht nur, weil wir unser blütenreines, schickes Image allzu lieb gewonnen haben? Dabei bringt die durch die Artikel ausgelöste Diskussion in meinen Augen mehr Nutzen als Schaden. Nicht nur, weil sie Yoga-Übende für die zweifellos bestehenden Verletzungsgefahren sensibilisiert. Sie trägt hoffentlich auch dazu bei, das oberflächliche Bild von Yoga in der Öffentlichkeit etwas zu differenzieren. Und sie könnte den Blick schärfen für das, was Yoga eigentlich auszeichnet.

„Wohlfühlsport“, „Meditationssport“, oder „Trendsport“ – das sind die Bezeichnungen, mit denen Yoga in Massenblättern fast immer beschrieben wird. Darin verbinden sich auf unheilvolle Art gleich zwei Klischees. Das eine reduziert Yoga auf eine rein körperliche Praxis und ordnet es dem Sport zu. Wenn man Yoga aber als Sportart ansieht und betreibt, dann sind Ehrgeiz und Leistungsdenken nur die logische Folge. Einige der fundierteren Zeitungsartikel haben zurecht darauf hingewiesen, dass Ehrgeiz in Kombination mit schlechter Anleitung das größte Verletzungsrisiko darstellt. Vernünftige Standards in der Yogalehrer-Ausbildung sind ein wichtiges Thema (auch wenn die Verhältnisse in Europa weitaus besser sind als in den USA). Ein unqualifizierter oder verantwortungsloser Lehrer kann seinen Schülern Schaden zufügen. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch der beste Yogalehrer Verletzungen nicht sicher verhindern kann, vor allem, wenn ein Schüler oder eine Schülerin unachtsam übt, wenn Vorschädigungen ignoriert werden oder der Einzelne unbedingt mit der Gruppe mithalten will. Wir alle sind so sehr vom Leistungsdenken geprägt, dass es viel naheliegender ist, mittels Training und Willenskraft eine schwierige Asana zu meistern, als einfach mal „nur“ den Atem zu beobachten und Körpergefühl auszubilden. Für die meisten von uns ist es eine echte Herausforderung, sich auch dann spüren zu lernen, wenn wir nicht an unsere Grenzen gehen, wenn wir bewusst sogar mal hinter unseren Möglichkeiten bleiben und kein Erfolgserlebnis suchen. Noch schwieriger ist es, sich selbst dabei zu beobachten, wenn Ehrgeiz und Eitelkeit das Ruder an sich reißen. Genau diese Themen muss ein guter Yogaunterricht aufgreifen, denn erst da beginnt Yoga überhaupt. Ohne diese Idee der Selbsterforschung sind Kobra, Kopfstand und Krähe nichts als akrobatische Gymnastik – und Verletzungen unvermeidlich.

Gleichzeitig verknüpft sich mit dieser geistigen Komponente aber das zweite unselige Klischee: Dem „Trendsport“ wird ein diffuser spiritueller Mehrwert beigemessen. Und genau der macht Yoga in unserer entzauberten, auf Konsum und Erfolg getrimmten Zeit vielleicht erst so attraktiv – selbst (oder gerade?) wenn sich die „Spiritualität“ oft auf ein paar Buddha-Figuren, Räucherstäbchen und Om-Klänge beschränkt. Das sanfte Wohlfühl-Image von Yoga und die Zuordnung zum Esoterik- und Wellness- Markt weckt bei vielen Menschen ein fast kindliches Vertrauen. Sie sind davon überzeugt, dass Yoga ihnen „einfach nur gut tut“. Wer ermutigt wird, in dieser Haltung zu üben, kommt nicht so leicht auf den Gedanken, achtsam sein und auf sich aufpassen zu müssen. Auch deshalb ist es so wichtig, dass bei der Vermittlung von Yoga nicht Eso-Klischees bedient, sondern die Wahrnehmung geschärft und die Eigenverantwortung gestärkt werden. Ich will nicht behaupten, dass sich dann niemand mehr verletzen würde, aber die Chancen, zu einem wirklich angemessenen, bewussten und sicheren Üben zu finden, stünden besser.