Selbst, aber nicht allein

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Eltern zu sein, ist großes Glück und große Herausforderung. Wenn wir ganz für unsere Kinder da sein wollen, dürfen wir auch uns selbst nicht vergessen, empfiehlt der Achtsamkeitslehrer Lienhard Valentin.

Lienhard Valentin, sehen Sie Ihre Arbeit mit Eltern und Familien als spirituelle Tätigkeit?
Das hängt von der Definition dieses Begriffes ab, mit dem ich sehr vorsichtig geworden bin. Ich selbst bin seit 30 Jahren in der buddhistischen Achtsamkeitsmeditation verwurzelt, die auch in meinen Kursen vermittle. In Ausbildungssituationen ist es gut, regelmäßig die Gesprächsebene zu verlassen und ins Spüren zu kommen. Man darf nicht vergessen, dass die traditionellen Formen von Männern für Männer in Klöstern entwickelt worden sind. Täglich drei Stunden sitzende Meditation lässt sich nicht 1:1 auf Frauen mit Kindern im heutigen Leben anwenden.
Die meisten Teilnehmer meiner Workshops motiviert keine konkrete spirituelle Praxis, sondern ihre tägliche Praxis als Eltern. Im Alltag sind gesunder Menschenverstand und Menschlichkeit genauso hilfreich. Für mich besteht eine große Aufgabe der Familie darin, Achtsamkeit, Mitgefühl und bedingungslose Liebe zu verkörpern – so gut es im jeweiligen Moment geht. Jede Praxis, die dem dient, ist gut – ob sie nun spirituell ist oder nicht. Stillen, Wickeln, Baden, Spielen: Man kann jede Tätigkeit, bei der man wirklich präsent ist, zur Achtsamkeitspraxis gestalten.

Im Sinne inneren Wachstums ist das Elternsein sicher bereits für sich eine spirituelle Praxis.
Und zwar eine sehr fortgeschrittene. Wenn man die Praxis des Elternseins darin sieht, die Kinder darin zu bestärken, sie selbst bleiben zu können, ist das eine anstrengende Aufgabe, die ohne regelmäßiges Verbinden mit einer inneren Quelle fast nicht vorstellbar ist. Sicher ist das ein spirituelles Thema, aber nicht in einer bestimmten Tradition oder Form, sondern in der Herausforderung, die individuell wirksame Quelle zu finden. Ich bin überzeugt davon, dass es hier keinen „richtigen“ Weg gibt, obwohl es im Bereich der so genannten Kinder-„Erziehung“ – wir nennen es lieber „Begleitung“ – erstaunlich viele, vermeintlich verbindliche Wahrheiten gibt.

Wenn sich besonders Mütter Zeit und Raum für Selbsterfahrung nehmen, wird das oft als Egotrip gewertet.
Es ist allerdings wichtig, in sich einen weiten Raum zu entdecken und in ihm zu verweilen. Je weiter wir innerlich sind, desto flexibler können wir mit herausfordernden Situationen umgehen. Je enger wir sind, desto weniger Möglichkeiten haben wir. Als Egotrip werte ich eher das Selbstbild vieler Praktizierender, „weiter“ zu sein als andere. Entwaffnend finde ich es, wenn sich in meinen Gruppen Menschen öffnen und vor der Erkenntnis stehen: „Jetzt meditiere ich schon 20 Jahre, aber stehe oft vor meinem Kind und weiß nicht, was ich machen soll.“ Dann entsteht die Frage: Ist das vielleicht normal?

Was ist das Spezielle am Elternsein, das uns im Positiven und Negativen so sehr erschüttern kann?
Es ist eine komplexe und extrem tiefe Liebesbeziehung, die das Herz, aber auch seine alten Verletzungen öffnen kann. Sie ruft alte Muster in uns wach, von denen wir denken, dass wir sie lange hinter uns gelassen haben. Aber dann ertappt man sich dabei, dass man dem Kind Dinge sagt, die man selbst in der Kindheit gehört und eigentlich als bescheuert empfunden hat. Kinder bieten uns die wertvolle Möglichkeit, tief an diese wunden Punkte zu gelangen und dort Heilung zu finden, wo wir sonst vielleicht gar nicht hingesehen hätten.

Die eigene Herkunft erhält ganz neue Bedeutung.
Dazu die Fragen: „Wer bin ich wirklich?“ und „Wie will ich wirklich leben?“ Wir haben im Laufe unserer Geschichte Teile weggesteckt, die keine Resonanz gefunden haben, und einen Kokon gesponnen, um unser Herz zu schützen. Der Psychologe Charles Tart vergleicht das mit einer gesellschaftlichen Trance.

Worin besteht die Arbeit, aus dieser Trance zu erwachen?
In dieser Arbeit geht es darum, wieder mit unserer Essenz in Berührung zu kommen. Konventionelle Erziehungsmethoden haben als Ziel, Kinder möglichst schnell in den gleichen Schlaf zu versetzen, damit wir gemütlich weiterschlafen können. Solche lebendigen Wesen nerven ja auch (lacht). Die große Chance besteht darin, das nicht als Störung oder Ungehorsam zu sehen, sondern als Weckruf, die Verkrustung um unser Herz aufzulösen. Kinder wollen uns wach und präsent haben. Sie wollen unsere Essenz.

Das macht sie zu echten Lehrern.
Kinder sind noch sehr mit sich selbst verbunden und eventuell mit etwas Größerem. Es ist aber auch natürlich, dass sie das verlieren – an dem Punkt, wo das Denken anfängt. Mit dem Denken kommt die Trennung, die Vertreibung aus dem Paradies. Dann sind wir zunehmend mit Begriffen in Kontakt und nicht mehr mit dem, was dahinter steht – besonders in unserer Kultur, in der das patriarchalische Prinzip das Göttliche weg aus der Natur und hoch in den Himmel verbannt hat. Kinder spiegeln uns sofort, wenn wir nicht mit unserem Herzen verbunden sind. Dadurch können sie sehr strenge Zen-Lehrer sein.

Wie steht es mit dem starken Wunsch, nur das Beste für die Kinder und alles absolut richtig machen zu wollen?
Oft gehen wir mit uns viel strenger um als mit anderen, was natürlich darin begründet ist, wie wir selbst als Kinder gesehen wurden. Durch dieses strenge Über-Ich fehlt uns das Selbstmitgefühl. Wir sind immer auf der Hut, nichts falsch zu machen, und nehmen uns dadurch die Möglichkeit nachzusehen, was eigentlich los ist: Was möchte ich, was möchte das Kind? Zwischen dem vermeintlichen „Problem“ und der ach so wichtigen „Lösung“ liegt ein wichtiger Ort, den es zu besetzen gilt. Wenn wir freundlicher mit uns selbst sind, wird auch der Umgang mit dem Kind achtsamer, flexibler und kreativer. Mitgefühl kann sich auch in einem klaren Nein äußern.

Wie weit sollte der Schutz durch die Eltern gehen und wann begrenzt er die Freiheit des Kindes?
Achtsamkeit bedeutet nicht, eine Hab-acht-Stellung einzunehmen. Wenn ein Kind das Gefühl vermittelt bekommt, Quell der Freude für seine Eltern zu sein, wenn es sich als individuelle Persönlichkeit gesehen fühlt, hat es die wichtigste Sicherheit. Unser Gehirn hat die Tendenz, auf das zu schauen, was angeblich nicht stimmt. Seltener fragen wir uns: Was läuft eigentlich gut? Es ist wichtig, Kinder nicht nur als empfindliche Wesen zu sehen. Sie haben große Kraft und können fast jede Situation gut verarbeiten – wenn sie damit sie selbst, aber nicht allein sind. Und sie wollen auf keinen Fall perfekte Eltern haben.

Die heutigen Erziehungsmodelle entwickeln sich glückicherweise zunehmend von verbindlichen Prinzipien zu größerer Offenheit.
Man darf nicht vergessen, dass sogar Freud noch angenommen hat, dass Säuglinge keine Gefühle haben. Früher war eigentlich nur der Mann ein Mensch und nach der Frauenbewegung richtet sich nun das Augenmerk auf die Kinder. Es ist wichtig, dass sie sie selbst sein können, statt nur zu funktionieren, und dass man sie in ihrem eigenen Entdeckungsraum wachsen lässt, statt wie der berühmte Helikopter über ihnen zu kreisen. Dazu brauchen wir innere Orientierung, die uns beispielsweise die Achtsamkeit bieten kann. Mit ihr können wir lernen, in schwierigen Situationen zu verweilen, statt automatisch zu reagieren. Diese Techniken können auch problemlos an kindliche Bedürfnisse angepasst werden: Dann sind sie unendlich viel besser als Ritalin und alle Drogen, die zum Funktionieren bringen. //


Lienhard Valentin ist Verleger, Gestaltpädagoge und in Beratung und Fortbildung von Erziehern, Lehrern und Eltern tätig. Der in Freiburg lebende Vater eines Sohnes hat eng mit Jack Kornfield und Jon Kabat-Zinn zusammengearbeitet und die Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“ gegründet.

www.mit-kindern-wachsen.de