Rund um die Mala

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Als Hilfsmittel bei der Japa-Meditation fungiert sie wie eine Antenne, die den Meditierenden mit dem Göttlichen verbindet. Im yogischen Lifestyle dient sie auch einfach als inspirierendes Schmuckstück: die Mala. Ob aus Holz, Samen, Mineralien oder Kristall gefertigt – jede Gebetskette besteht aus genau 108 Perlen, einer Guru-Perle und einer Stupa.

Foto: Nintaanzi Mala

Ich komme mir vor wie auf einer Geheimveranstaltung. Mehrere Kundalini-Yoginis sitzen verschwörerisch in einem Kreis um Simran Kaur, die extra aus Italien angereist ist, um einen Mala-Workshop zu halten. Ich merke bald, dass es sich hier keinesfalls um einen Do it- yourself-Kurs handelt, den ich auch in der Volkshochschule hätte belegen können. Nein, hier wird ein jahrhundertealtes Wissen vermittelt, das es zu zelebrieren und zu würdigen gilt. Ich lerne schnell, dass Mala nicht gleich Mala ist. Zwar gibt es die Gebetsketten in mannigfaltiger Ausfertigung, heilende Wirkung entfalten jedoch nur solche, die aus Heilsteinen hergestellt werden.

Dazu gehört meine Mala aus „energetisch toten“ Glasperlen definitiv nicht. Die habe ich zum Workshop mitgebracht. Ihre orangefarbenen Steine sind einem Karneol nachempfunden. Meine Nachbarin trägt dagegen eine Handmala aus echtem Karneol. Beide Ketten werden zum Vergleich durch den Sitzkreis gereicht und alle sind sich einig, dass sich meine Steine „leer“ anfühlen. Ich merke davon erst einmal nichts, bekomme aber für die Rezitationspraxis eine blaue Kurzmala gereicht: Sie besteht aus Chalzedon, einem Mineral, das dem fünften Chakra zugeordnet wird. Es soll die Kommunikation des Herzens öffnen und das Selbstvertrauen fördern. Die Steine fühlen sich schwer an, wärmend und kühlend zugleich. Mit ihrer polierten Oberfläche liegen sie sehr angenehm in meiner Hand. Nach einiger Zeit beginnen sie zwischen meinen Fingern zu vibirieren. Ob das von der minutenlangen Rezitation kommt oder von den Steinen selbst, kann ich nur erahnen. Als ich die Kette dann zusätzlich zu meiner Mala ums Handgelenk lege, fühlt sich der Unterschied jedoch tatsächlich ungefähr so an, als würde ich ein echtes Tier neben ein ausgestopftes legen.

Durch ihr Wissen als Sat-Nam-Rasayan-Heilerin hat Simran erfahren, dass durch die Malas Heilung möglich ist. „Es ist so, als würdest du einen Samen pflanzen. Du kannst einem Objekt deine Heilenergie übertragen.“ Jedes Material hat dabei seine eigene Energie. Während Perlmutt Licht und Kraft auf Gefühlsebene schenken, Weiblichkeit verstärken und Grazie vermitteln soll, heißt es von Fluoriden, dass sie das Denken befreien und zu einem freien Geist verhelfen. Simran warnt uns: Es gibt kein billiges Türkis oder Lapislazuli. Oft ist es nur mit türkiser Paste verklebter Leim, energetisch tot also. Ein echter Türkis stirbt zwar auch ab, jedoch auf natürliche Weise – und dann verfärbt er sich grün. Simran erklärt, dass die Steine mit dem Träger eine Verbindung eingehen, in der Energie zirkuliert. Ob man auch verschiedene Steine in einer Kette vereinen kann – zur doppelten Wirkkraft sozusagen? „Wenn du weißt, was du tust, kannst du gerne mit den Steinen spielen“, verrät sie mit einem Augenzwinkern.

Fakt ist: Soll die Mala nur eine Rezitationshilfe sein, reicht eine einfache Mala, die aus 108 Perlen besteht. In der Regel werden Malas aus Naturmaterialien gefertigt. Bei Holzmalas sind Rotholz, Rosenholz oder Sandelholz beliebt, während bei Samenmalas meist Tulsi oder die aus Nepal stammenden Rudraksha-Samen verwendet werden. Im Buddhismus greift man gerne zu Bodhibaum-Holzperlen, da Buddha unter einem Bodhi-Baum Erleuchtung erlangte. Soll eine Mala allerdings als Heilgegenstand dienen, braucht es für die Wahl eine gewisse Kenntnis der Kristalltherapie. Zudem sollte die Qualität des verwendeten Steins mit der Qualität des rezitierten Mantras übereinstimmen.

Aber wie findet man nun die perfekte persönliche Mala? Simran Kaur meint: „Ich würde mich über dein Geburtsdatum, also mithilfe der Numerologie, mit dir in Verbindung setzen. Anhand dessen würde ich dir sagen, wo du in deinem Leben Hilfe brauchst und welcher Stein dafür der Richtige ist. Wenn du eine Mala für dich selbst aussuchst, dann musst du wirklich auf dein eigenes Gefühl und deine Intuition vertrauen. Du solltest genau hinspüren, anfassen, anschauen. Gefällt dir irgendein Stein ganz besonders, hat er für dich in diesem Moment eine besondere Bedeutung und wird dir dienen.“

Der vedische Astrologe und Autor unserer „Sternstunde“, Bernd Rößler, rät allerdings im Umgang mit Steinen zur Vorsicht: „Steine haben einen Effekt. Ob dieser Effekt förderlich oder nachteilig ist, hängt von vielen Faktoren ab. Nach der Analyse eines Horoskops kommt es öfter vor, dass ich Klienten überrede, auf das Tragen mancher Steine zu verzichten. Oder den Stein nur zu bestimmten Zeiten zu tragen, damit negative Effekte nicht länger das Leben erschweren. Es ist ein bisschen wie mit Medizin: In der richtigen Dosis kann das richtige Medikament sehr hilfreich sein, ansonsten ist es schädlich.“

Mit Malas, die nicht ganz zu ihrem Träger passen, hat Heike Wasem Hassos, die unter dem Namen Sharanam Malas ihre eigenen Malas herstellt, schon einige Erfahrungen gemacht: „Es kann vorkommen, dass sich meine Kunden bestimmte Perlen aussuchen und ich dann beim Knüpfen merke, dass sie eigentlich überhaupt nicht zu der Person passen. In solchen Fällen fertige ich eine weitere Kette mit völlig anderen Perlen an und lasse den Kunden anschließend selbst hineinspüren. Häufig wählt ein Kunde seinen individuellen Ist-Zustand, ich aber spüre oft den Schritt in die Zukunft.“ Deshalb kann es auch vorkommen, dass die Kunden bei Heike nach einem Jahr eine neue Mala bestellen, weil nun ein anderes Thema zu bearbeiten ist. Die Edelsteinperlen haben ihre jeweiligen Schwingungsfrequenzen, die auf den physischen, emotionalen, seelischen und spirituellen Körper der Träger wirken und Transformations- und Stabilisationsprozesse begleiten.

Ich besuche die Regisseurin, Yogalehrerin und selbsterlernte Malaknüpferin Heike Wasem Hassos in ihrer Münchener Arbeitsstube. „Ich wollte schon immer Schmuck machen, der natürlich ist und natürliche Formen nachahmt“. Ihre Sharanam-Malas sind edel, aber auf eine Art auch ganz ruhig. Sie arbeitet nicht mit schrillen Steinen, sondern verwendet, was ihr die Natur zur Verfügung stellt. Zum Einsatz kommen daher Steine, die sie auf Mineralienmessen besorgt: „Ich achte darauf, dass die Qualität sehr gut und Fairtrade ist. Wir reden hier natürlich von Minenarbeit.“

Die Perlenstränge werden zu Hause erst einmal in eine Schüssel voll Hämatit – ein magnetisch wirkender Stein – gelegt, um sie energetisch zu reinigen. Danach geht es in eine Schüssel voll Bergkristall, wo sie zu ihrer Urenergie zurückgebracht und aufgeladen werden. Steine können auch bei Mond- oder Sonnenlicht aufgeladen werden, allerdings sollte man sich zuvor genau informieren, welcher Stein unter welchem Licht seine maximale Strahl- und Heilkraft regeneriert. „Es kann sein, dass eine Kette erst am Träger zu strahlen beginnt, weil sie energetisch mit ihm zusammenpasst.“ Das Knüpfen der Malas ist für Heike ein kontemplativer, spielerischer Vorgang und eine Form der Meditation mit den Steinen. „Wenn ich eine Mala lege, sitze ich hier in Ruhe, nur in Gesellschaft unserer Katze, rezitiere zu den Steinen passende Mantras oder höre schöne Musik, spüre in die Kette hinein und verbinde mich mit dem zukünftigen Träger. Ich lerne von den Steinen, dass sie eigentlich mit mir sprechen. Ich knüpfe nur, wenn ich nicht gestresst bin, denn ich habe den Eindruck, dass diese Information auch in die Kette geht. Daher ist es sehr wichtig, dass die Malas mit Freude gemacht sind!“

Auf der Homepage eines Malaversandes lese ich den Hinweis, dass die Wirkung von Heilsteinen, Mineralien und Kristallen wissenschaftlich nicht nachweisbar oder medizinisch anerkannt sei. Ich beschließe für mich, auf der Suche nach der perfekten Mala weiterhin auf den Rat der Experten zu vertrauen. Ich selbst möchte unvoreingenommen an die Wirksamkeit der Steine glauben. Auch Heike ist überzeugt: „Ich glaube, Steine sind Lebewesen, die nur eben sehr viel langsamer wachsen. Aber sie tragen wie Pflanzen Informationen und man braucht eben eine gewisse Offenheit für ihre Wirkung.“

 

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