Nie mehr perfekt – Yogapionierin Angela Farmer

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Soviel ich wusste, gab es im England der 1950er-Jahre niemanden, der Yoga unterrichtete. Das Wort „Yoga“ wurde mit argwöhnischer Verachtung ausgesprochen und war mit Assoziationen wie „ein nackter Inder auf einem Nagelbett“ oder stundenlangem Betrachten des eigenen Nabels verbunden. Als Teenager hatte ich in einem Buch von Aldous Huxley ein paar Zeilen über die Praxis gelesen, die mich fasziniert und neugierig gemacht hatten. Eine von ihnen lautete: „Der Lehrer erscheint, wenn der Schüler bereit ist“. Und so wartete ich, studierte, reiste nach Griechenland und Ägypten und trat einer esoterischen Gemeinschaft in London bei. Ich war 28, als endlich meine erste Yogalehrerin auf der Bildfläche erschien, eine starke, mütterliche und freundliche Frau namens Diana Clifton, eine der ersten westlichen Schülerinnen von B. K. S. Iyengar. Wie eine durstige Pflanze sog ich dieses Yoga in mir auf, das mir auf uralte Weise vertraut erschien. Wir waren eine Gruppe von acht bis zehn Schülern und trafen uns einmal pro Woche in einem ärmlichen, schlecht beleuchteten Keller im Nordwesten Londons. Nach ein paar Monaten sagte Diana, dass dies nur der „Kindergarten“ sei und wir im Rahmen seines kommenden Besuchs nun direkt von ihrem Lehrer Iyengar lernen müssten.

Begegnung mit B.K.S. Iyengar
Als ich dann zu der Schule in Hampstead ging, wo der Workshop stattfinden sollte, kam ich an einem kleinen Inder vobei, der gerade einen Umschlag in einen roten „Royal Mail“-Briefkasten warf. Kurz danach saß ich mit etwa zwanzig ordentlich aufgereihten Schülern ganz hinten in der Schulturnhalle, als eben dieser Mann in sehr kurzen Hosen erschien: B. K. S. Iyengar. Seine Präsenz und Energie erfüllte den ganzen Raum und seine kraftvolle Stimme schien von den Wänden widerzuhallen. Wir dehnten uns nach vorne in Pashchimottanasana, als er mir eine Korrektur zubellte und ich mich sofort fragte: „Wie kann es sein, dass er zwischen all diesen Körpern nicht nur mich sieht, sondern auch mitbekommt, dass ein Bein nicht vollständig gestreckt ist?“ Ich fühlte mich vollständig wahrgenommen, war durch und durch inspiriert und zwei Jahre später, nachdem ich jeden möglichen Penny gespart und alles verkauft hatte, machte ich mich auf den Weg nach Indien. Die Projektionen auf einen großen spirituellen Guru, die ich so ehrgeizig auf Iyengar übertragen hatte, verblassten bald. Es war eine harte Zeit, die mich auch durch private Verluste an meine körperlichen und emotionalen Grenzen führte. Ich begriff erst später, dass dieser Zustand von Verzweiflung und Leere das größtmögliche Geschenk für mich war.

Glaubenssätze und Traumata
Ein fester Glaubenssatz meiner Erziehung war gewesen, dass Männer privilegiert sind und Frauen ihnen als gehorsame Ehefrauen, Töchter und Schülerinnen zu Diensten sein müssten. Gott und die Propheten waren männliche Figuren. Einem männlichen Lehrer zu folgen, fühlte sich also sehr vertraut an. Der sensiblere, verletzte, angsterfüllte Teil von mir, der „weiblich“ genannt werden kann, konnte sich dadurch noch stärker hinter einem dicken Schutzschuld von rigider Aktivität, Erfolg und Abgrenzung verstecken. Meine Praxis war hart und mein innerer Kritiker streng und fordernd. Mein Körper litt unter frühen Traumata, chirurgischen Eingriffen und dem Fokus auf äußerer Ausrichtung, der wiederum Verletzungen bewirkte. Ich brauchte eine Alternative! Vielleicht führte mich noch härtere Arbeit dorthin? Ich praktizierte fast ununterbrochen – bis ich eines Tages völlig erschöpft auf dem Boden lag und mir eingestehen musste, dass dieses Yoga innerlich nichts verändert hatte. Obwohl ich eine bekannte Yogapersönlichkeit geworden war, mich durch Unterricht finanzieren konnte, Artikel für Fachzeitschriften schrieb und auf dem Titel des amerikanischen Yoga Journal zu sehen war, plagten mich die alten Unsicherheiten, Ängste und Schamgefühle.

Im Körper zuhause
Auf dem Markt von Pune wurde mir deutlich, was ich in meiner Praxis und meinem Leben vermisste. Auf dem Boden saßen ein paar gut gelaunte, in farbenprächtige Saris gekleidete Frauen vor ihren Obst- und Gewürzstapeln. Sie wirkten so unangestrengt bei sich und ruhten mit Leichtigkeit in ihren Körpern, ruhig, stabil und flüssig in ihren Bewegungen. Atemlos stand ich da und bewunderte ihre Schönheit. „Das ist es, was ich will“, dachte ich. „Mich einfach in meinem Körper zuhause fühlen.“ Etwas in mir war aufgewacht.

Freude an der Weiblichkeit
Das Problem war nur, dass ich nicht wusste, wie ich dorthin gelangen könnte. Ich brauchte doch einen Lehrer! Ich besuchte Patthabi Jois in Mysore und den Dalai Lama in Dharamsala, aber das wichtigste, lebensentscheidendste Erlebnis hatte ich an einem Tempel an der Ostküste des indischen Bundesstaats Odisha. Ich beobachte, wie die Sonne scheinbar aus dem Meer heraus aufging und die ersten Lichtstrahlen auf Wandskulpturen mit wunderschönen Göttinnen fielen. Mit ihren runden Brüsten und Bäuchen und ihrem seligen Gesichtsausdruck schienen sie mir voller Fülle und Anmut. Schlagartig wurde mir klar, dass ich jede Freude an meiner Weiblichkeit verloren hatte. In mir flüsterte eine Stimme: „Diese Frauen sind Yogis!“ An diesem Wendepunkt meines Lebens begann meine Reise zurück zu mir selbst: Ich war bereit, mich meinem gebrochenen Körper zuzuwenden, ihn zu ehren und zu akzeptieren.

Warten gehört zur Entwicklung
Besonders zu Beginn verlief die Entwicklung langsam, denn im Kopf hörte ich konstant die Stimme der Gurus: „Es ist eine Sünde, den Pfad zu verlassen. Für wen hältst du dich eigentlich? Du weißt nichts! Du wirst versagen und dich in falschen Lehren und Gefühlsduselei verstricken.“ Trotzdem wusste ich jetzt, dass es auch eine andere Stimme gab. Ich hatte mein Leben lang auf sie gewartet habe, aber noch war sie zu schwach, um sich Gehör zu schaffen. Also wartete ich erneut.

Die eigene Praxis finden
Währenddessen veränderte sich meine Praxis: Ich verabschiedete mich vom Gedanken der „perfekten“ Asana. Stattdessen hörte ich intensiv auf die Bedürfnisse meines Körpers, ging in einer Haltung nur bis zur Schmerzgrenze, um dann das kennenzulernen, was blockiert, beschädigt, angsterfüllt oder einfach unbekannt war. Meine Asanas wurden flüssiger und kleine Bewegungen machten mit Hilfe des Atems Gelenke und Muskeln geschmeidiger. Ich nahm mir die Zeit, Variationen auszuprobieren, die nicht in Büchern beschrieben waren. Meine Praxis wurde zum Weg, Frieden und Freundschaft in meinem Körper zu finden. Die klassischen Haltungen interessierten mich nur noch als Ausgangspunkt für meine innere Entdeckungsreise und als Chance, an blockierteund versteckte Orte zu gelangen, wo sich alte Verletzungen verbargen.

Alles, was uns im Leben passiert, ist in unserem Körper gespeichert. Daher wird der Prozess des Entspannens, Zuhörens und Anerkennens unserer „inneren Stimmen“ ein Weg, neue Verbindung mit ihm einzugehen. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass alles heilt. Für einen Yogi oder eine Yogini ist es ein wichtiger Schritt, die eigenen Schatten zu integrieren – ohne Bedürfnis, sie überwinden oder verstecken zu müssen: „Das bin ich, und meine Yogapraxis hilft mir, mich als Ganzes zu sehen und zu lieben.“//

„Yoga ist eine Reise in unsere Unterwelt“: Angela Farmer, lebt auf der griechischen Insel Lesbos und unterrichtet ihr einzigartiges Yoga weltweit.

www.angela-victor.com