Nichts ist in Stein gemeißelt – Yoga-Pionierin Anna Trökes

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Yoga war schon immer ein lebendiges System, weiß Anna Trökes. Seit über 40 Jahren ist sie in vielerlei Hinsicht als Pionierin in der Yogawelt bekannt. Viele Erfahrungen und 30 Bücher später erzählt sie YOGA JOURNAL, wie es dazu kam, dass die Praxis seit langem ihr Leben ist.

Eine Turnhalle, dicke Ledermatten und ein Inder, der wundersame Dinge tut. Es sind die 1960er-Jahre. Anna Trökes begleitet ihre Mutter zur Berliner Volkshochschule, die bereits etliche Yogakurse anbietet. Anna ist die jüngste Teilnehmerin, die älteste ist 80 plus. „Alle haben versucht, sich in den Lotossitz zu brezeln“, erinnert sie sich. Für sie als Kind gut machbar. Volkshochschulen und Universitäten sind damals in Deutschland die Vorreiter in Sachen Yoga. Bereits 1974 unterrichtet Anna selbst Yoga an der Technischen Universität.

Aber bevor es dazu kommt, dass Anna Trökes sich für den Weg des Yoga entscheidet, ziehen noch Jahre ins Land. Die Mutter geht irgendwann nicht mehr in den Unterricht, und auch für Anna gerät das Ganze zunächst in Vergessenheit – bis zu einem Unfall beim Training fürs Sportabitur. Die Wirbelsäule ist gebrochen und verheilt nur schlecht, Ärzte stellen ihr ein Leben im Rollstuhl in Aussicht. Im Verlauf der Reha fällt ihr Yoga wieder ein. Um sich zu erholen, fährt sie 1972 mit ihrer Mutter in den Club Med nach Mallorca. Dort übt sie jeden Tag mehrere Stunden Yoga und merkt wieder, wie gut es ihr tut.

Zufälligerweise findet dort gleichzeitig das Ausbildungscamp des französischen Yogalehrer-Verbandes statt. Sie lernt den Besitzer des Club Med kennen, Gérard Blitz, einen der großen Brückenbauer zwischen Indien und Europa und Schüler von Krishnamacharya. Der Funke ist entfacht. 1973 reist sie zum europäischen Yogakongress nach Zinal ins Wallis, ebenfalls von Gérard Blitz ins Leben gerufen. Durch Blitz lernt sie auch T. K. V. Desikachar kennen. Neben ihm prägen sie vor allem der französische Lehrer Patrick Tomatis, der in den späten 1970ern und Anfang der 80er in Deutschland sehr bekannt ist, sowie Anneliese Harfs und ihre allmorgendliche Yoga-Radiosendung im Südwestfunk. Auch die Lehren vom „Yoga der Energie“ nach Roger Clerc und Iyengars „Licht auf Yoga“ sind wichtige Einflüsse.

Bis sie ausschließlich von Yoga leben kann, ist es noch ein weiter Weg: Die für das Lehramt ausgebildete Pädagogin fährt in Berlin Taxi, übersetzt Bücher aus dem Französischen und unterrichtet Yoga an verschiedenen Orten. Heute kann sie schmunzelnd sagen: „Statt Deutsch und Geschichte habe ich eben Yoga unterrichtet.“ 1984 beauftragt sie der Berufsverband der Yogalehrenden (BDY), die Lehrerausbildung auf neue Füße zu stellen. Sie entwickelt ein Bausteinsystem und begleitet die Lehrergruppen über viele Jahre hinweg, so wächst sie immer mehr in die Arbeit des BDY hinein.

Yoga früher und heute

„Früher war Yoga langsam. Über die Jahre ist er schneller, sportlicher geworden.“ Vielleicht zu schnell? „Yoga gegen Stress“ heißt nicht umsonst eines der aktuellen Bücher von Anna Trökes. Ein dynamischer Flow habe zwar den Effekt, den Geist kurzfristig woanders hinzubringen, im Grunde bleibe das Nervensystem aber im Betriebstempo des Alltags, meint Trökes. Ihr Credo: „Es ist wichtig, Yoga zu einer Achtsamkeitspraxis werden zu lassen“.

Die Motivation, Yoga zu üben, sieht sie damals wie heute in der Sehnsucht nach Entspannung.  Die umfassende Verbreitung findet sie positiv: „Wenn Menschen sich wirklich darauf einlassen, es ernst nehmen und umsetzten, kann sich einiges in der Welt verändern“.

In jedem Fall geändert hat sich nach Trökes Auffassung die Sorglosigkeit, mit der früher geübt wurde: „Mit vielen Asanas ist man sehr unbedarft umgegangen. Diese Zeit der Unschuld ist vorbei“. In ihrer Anfangszeit hat Anna in ihren Stunden noch regelmäßig Schulterstand und Pflug angeleitet. Doch mit den Jahren stellte sie fest, dass das nicht mehr geht: „Fast alle haben heute eine belastete Halswirbelsäule, was Haltungen wie den Pflug ungünstig macht.“

Der Lotossitz gehört für sie zur Kategorie „Wenn es leicht fällt, gerne!“ Wenn nicht, sei er tendenziell fatal: „Wir haben das früher auf Teufel komm raus gemacht. Dann kam wirklich der Teufel raus: Der Meniskus sprang einem entgegen. Es hat wirklich viele Langzeitschäden gegeben.“ Auch übermäßig lange Atempausen in Pranayama würde sie heute nicht mehr empfehlen: „Gerade in den letzten Jahrzehnten haben die Menschen in der Atemmuskulatur an Anspannung zugelegt.“ Wenn ihr bewusst wird, dass etwas nicht (mehr) gut tut, macht sie es anders. Im Yoga sei, wie sie betont, nichts in Stein gemeißelt.

In der Lehrerausbildung beim BDY achtet sie darauf, medizinische Grundlagen als festen Bestandteil einzubinden. Yoga müsse vor allem sicher sein. Auffallend für sie ist der Machbarkeitswahn, der im modernen Yoga entstanden ist: „Viele scheinen zu denken, dass mit viel Anstrengung und genügend Hilfsmitteln jede Asana zu meistern sei.“ In der Überzeugung, dass nicht jede Asana für jeden Menschen gut ist, gibt sie ihren Schülern die aufmerksame Beobachtung des Atems als Indikator an die Hand. „Wenn sich der Atem nicht entfalten kann, ist die Asana nicht passend.“

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Happy Yoga

Neben Workshops und Ausbildungen hat Anna Trökes allein in den letzten 10 Jahren 30 Bücher und zahlreiche DVDs veröffentlicht, zuletzt „Achtsamkeit für mehr Gelassenheit im Leben“ (WVG Medien, ca. 14 Euro) mit stressreduzierenden Yoga- und Meditationssequenzen. Ein ungewöhnlich hoher Output: Während sie schreibe, kristallisiere sich schon das Thema für das nächste Werk heraus, erzählt die Erfolgsautorin. Bei „Neuro-Yoga“ wurde ihr klar, dass die Glückswissenschaft im Yoga noch wenig Raum habe. „Nach der Yogastunde geht es uns besser, aber warum eigentlich?“ Deshalb soll es im nächsten Buch um die „Neurobiologie des Glücks“ gehen, Arbeitstitel: „Happy Yoga“. Ebenfalls in Planung ist eine Arbeit über Yoga und Verbundenheit. „Obwohl Yoga einzeln auf der Matte praktiziert wird, können sich Menschen auf diese Weise begegnen. Die Praxis macht sie achtsam für das Zusammensein.“


Nach ihrem Mittagessen mit Anna Trökes ist YJ-Redakteurin Stefanie Kissner erleichtert: Sie fühlt sich in ihrer eigenen Intuition bestätigt, dass sie sich nicht in den Lotossitz brezeln muss, wenn es ihr nicht gut tut.

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