Moby: „Das Glück in der Traurigkeit.“

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Asanas waren gestern: Jetzt übt Moby regelmäßig Kickboxen. Seine Musik, sein Lebensstil und seine Lebenssicht sind dennoch pures Yoga, wie YOGA JOURNAL im Interview mit dem Ex-Punkrocker herausfand.

Anlässlich der Vorstellung des Moby-Albums „Wait For Me“ in Berlin sprach Michi Kern mit dem New Yorker Spezialisten für flächigen, emotionalen Sound über Authentizität, Kreativität, wunderbare Traurigkeit und militantes Atmen.

YOGA JOURNAL: Magst du dieses Hotelzimmer? Ich finde es schrecklich – diese Farben!
MOBY: Wirklich? Ich mag es eigentlich sehr. Das ist eines meiner Lieblingshotelzimmer. Das Internet funktioniert, das Bett ist bequem, und außerdem habe ich meine Ruhe. Ich kann Grünflächen sehen und – das ist das Wichtigste überhaupt – die Fenster ganz weit öffnen, um frische Luft zu bekommen.

Das YOGA JOURNAL titelte zuletzt „Herzöffner Musik“. Würdest du da zustimmen?
Ja, das stimmt. Jede Woche erzählen mir Freunde, dass sie meine Musik in Yogastunden gehört oder selber aufgelegt haben. Als ich noch regelmäßig Yoga geübt habe, praktizierte ich allerdings Ashtanga, bei dem keine Musik involviert ist.
Es gibt so viele verschiedene Yoga-Stile und Wege. Ich glaube, dass es da kein Richtig oder Falsch gibt – aber es gibt für jeden eine Form, die wirkt. Zurück zur Frage: Musik ist definitiv ein Herzöffner. Musik besitzt eine heilende Kraft, und das meine ich nicht in diesem New Age-Sinn. In New York arbeite ich mit dem „Institut für Musik und ihre neurologische Funktion“ zusammen, das sich genau mit dieser therapeutischen Wirkung der Musik befasst. Musik ist nicht nur Spaß, sondern sie wirkt wie Medizin. Ich bin sehr glücklich darüber, dass es offenbar manchen Menschen durch meine Musik besser geht.

Als ich jetzt deine neue Platte, die noch niemand kennen konnte, im
Yoga-Unterricht spielte, kamen hinterher Schüler zu mir, die sie genau als Moby-Sound identifizierten. Mehr noch: Es gibt meiner Beobachtung nach eine spezielle Qualität in deiner Musik, die sehr gut mit Yoga zusammenwirkt. Was könnte das sein?
Ehrlich gesagt weiß ich das nicht genau, denn ich habe einen sehr merkwürdigen musikalischen Hintergrund. Als ich noch sehr jung war, spielte ich nur klassische Musik. Später war ich Mitglied einer Punkrock-Band, und danach interessierte ich mich eher für Dance und elektronische Musik. Die Musik, die mir aber am meisten liegt, ist sehr viel mehr emotionaler, wärmer und persönlicher. Das war auch das, was ich auf meinem Album „Wait For Me“ umsetzen wollte. Es ist schwer für mich, den Klang meiner Stücke zu verallgemeinern. Vielleicht ist meine Musik wegen meines konventionellen, klassischen Hintergrunds melodischer als andere. Eine Rockband neigt zu extrem gitarrenlastigem Sound, DJs hingegen orientieren sich am Beat. Mein Hintergrund war klassische Musik, und deswegen nähere ich mich wahrscheinlich auf eine melodischere Weise an die Musik an.

Für welche Situation ist deine Musik der Soundtrack?
Ich schrieb früher sehr viele Lieder, die in die Rave-Richtung gingen, aber „Wait For Me“ eignet sich definitiv eher dazu, an einem Sonntagmorgen alleine zu Hause zu sitzen, während es draußen regnet. Es ist keine Party-Musik. Es ist Musik für stille, bewölkte Tage.

Ist deine Musik also pessimistisch?
Nein, das würde ich nicht sagen. Meine Musik enthält nur sehr viel Traurigkeit. Das ist für mich ein Gefühl, das sowohl positiv als auch negativ sein kann. Traurigkeit ist sehr rein und birgt eine gewisse Schönheit. Bezogen auf die Musik dieses Albums könnte man sagen, dass es viel Traurigkeit gibt, aber keinen Ärger, keinen Hass und keine Rache. Ich finde es unrealistisch, von einem Menschen einen konstanten Glückszustand zu erwarten. Ich glaube – so merkwürdig das auch klingen mag – auch an ein gewisses Glück in der Traurigkeit. Sie birgt nämlich auch sehr viel Wärme. Die Zeiten, in der ich beispielsweise meiner Ex-Freundin besonders nah war, waren die, in denen einer von uns beiden sehr traurig war. Traurigkeit provoziert sehr viel Bindung und Kommunikation. Sie ist eben einfach da. Wir sind nur für eine sehr begrenzte Zeitspanne auf diesem interessanten Planeten, and auch wenn wir uns ständig darin üben, nicht an Dingen festzuhalten, lieben wir manches sehr und wollen es nicht ziehen lassen. Wenn beispielsweise dein Hund stirbt, der dir sehr lieb war, kannst du dir natürlich einreden, dass ihn nun ein anderes, schöneres Leben erwartet und dass das der Lauf der Welt sei – aber trotzdem ist da Traurigkeit. Diese Traurigkeit anzuerkennen, bedeutet für mich, das Leben als die, die wir sind, anzuerkennen.

Sowohl im Yoga als auch in der Musik spielen Prozesse von Kreativität­ und ­Authentizität­ eine­ wichtige­ Rolle.­ Wie­ schaffst­du­ für dich einen Zustand der Kreativität?
Meine Annäherung an die Kreativität ist erstens, dass ich liebe, was ich tue. Zweitens, dass es nichts anderes gibt, was ich tun könnte, und drittens eine gesunde Arbeitsethik, die ich versuche einzuhalten. Viele Künstler sind eine Inspiration für mich, vor allem diejenigen, die jeden Tag oder sechs Tage pro Woche arbeiten. Ich versuche, immer zu arbeiten, immer für verschiedene Einflüsse offen zu bleiben und dann zu sehen, ob etwas Gutes dabei herausgekommen ist.

Bist du also sehr diszipliniert? Kann man das aufs Yoga zurückführen?
Einer meiner ältesten Freunde unterrichtete Jivamukti Yoga. Er stand jeden Morgen um acht Uhr auf, um seine Übungen zu machen. Ausnahmen waren nicht erlaubt! Wenn ich diese Disziplin in Bezug auf meine Arbeit habe, bin ich ein glücklicherer Mensch. Wenn ich diese Disziplin auf alles erweitere – Meditation, gesunde Ernährung – bin ich ein besserer Mensch und mein Leben ist glücklicher. Nicht, dass ich glaube, dass es falsch ist, nicht diszipliniert zu sein, aber ich bin für mich ein glücklicherer Mensch, wenn mein Leben diszipliniert verläuft.

Lebst du noch vegan?
Das hat für mich nichts mehr mit Disziplin zu tun, denn nach einiger Zeit wird es einfach zu deinem Leben. Oft kommen Leute zu mir, die mich fragen, ob es schwierig sei, vegan zu leben und meine Antwort ist immer: Nein, denn ich lebe seit 23 Jahren so. Schwer wäre es für mich eher, nicht mehr vegan zu leben. Aber trotzdem verurteile ich andere Menschen nicht, auch nicht, wenn sie Fleisch essen. Das sehe ich nicht als meine Aufgabe. Ich kann nur für mich sagen, dass ich es nicht tun könnte. Wenn das andere Menschen tun, ist das ihre Entscheidung und gut so, aber ich bin dazu einfach nicht in der Lage.

Du propagierst diesen Lifestyle aber auch vehement, oder?
Ja, schon. Aber es gibt da auch diese Idee der Anziehung. Ich versuche zu leben und damit ein gutes Beispiel für die Dinge zu sein, an die ich glaube. Jemand erzählte mir, dass eine große Berliner Zeitung über mein Konzert heute Abend berichtete und mich als „militanten Veganer“ beschrieb. Das finde ich sehr lustig, denn ich bin in keinster Weise militant – es sei denn, es geht ums Atmen. Denn wenn ich nicht atme, sterbe ich. Aber bei allem anderen gibt es keine Militanz.

Sondern eher Inspiration?
Ja, und eine Art Forschung. Vielleicht spricht da der alte Punk-Rocker in mir: Alles kann hinterfragt werden, aber es gibt kein Dogma und keinen Glauben um des Glaubens Willen, denn das wäre militant. Militant ist der starre Glaube an etwas, das richtig sein soll. Diesen Glauben habe ich nicht. Alles kann sich jederzeit verändern.

Das klingt sehr nach Yoga-Philosophie. Praktizierst du noch jeden Tag?
Nein. Ich habe früher mit einem Freund Asanas geübt, aber dann entdeckte ich das Kickboxen und entschied mich dafür, weil ich es lieber mochte. Ich übe noch eine Art Basic- Yoga, zehn Minuten am Tag. Ich sollte das eigentlich gar nicht sagen, weil es für viele nicht als Praxis gelten würde, für mich ist es aber genug.

Klingt nach einer sinnvollen Einstellung …
Ich habe lange Zeit 90-Minuten-Sequenzen geübt, die jedoch nicht das Richtige für mich waren. Vielleicht sind sie das irgendwann, möglicherweise wache ich morgen auf und will jeden Tag 90 Minuten Yoga machen, wer weiß. Ich kann nur nicht jetzt über das entscheiden, was morgen passieren wird. In den USA und vor allem in New York ist Yoga total angesagt, und ich kenne sehr viele Leute, die Yoga beinahe als Konkurrenzkampf praktizieren. Eine Freundin übt irgendeine Form des Ashtanga und ist wahnsinnig stolz darauf, dass sie es „so gut kann“. Ich finde das nur lustig.

Ja, das ist wirklich lustig. Pattabhi Jois sagte, dass seine schwierigsten Sequenzen für jene gedacht seien, die nach den einfacheren immer noch nicht ruhig sitzen und still sein können. Und dass die Menschen aus dem Westen einfach nur immer mehr und mehr wollen, wo andere vielleicht damit zufrieden sind, einfach zu entspannen.

So. Bei deinem aktuellen Video hast du mit David Lynch zusammengearbeitet.
Wir sind schon seit einigen Jahren befreundet, und ich finde ihn großartig. Ich liebe seine Filme, ich liebe seine Kreativität. Er arbeitet experimentell und extrem emotional. Selbst wenn seine Filme etwas dunkel und gewaltsam sein können, finde ich sie immer sehr bemerkenswert. Interessant an unserer Kooperation war die Arbeit für die David Lynch-Foundation, eine Organisation, die sich dafür einsetzt, Schulkinder in transzendentaler Meditation zu unterrichten. Im Zuge dessen habe ich auch Meditationsstunden in Davids Haus genommen. Gemeinsam mit Paul McCartney, Ben Harper, Eddie Vedder, Sheryl Crow und einer Menge anderer Leute stellten wir in New York schließlich ein Benefiz-Konzert auf die Beine.

Da steckt ja eine ganze Theorie dahinter. David Lynch erklärte das vor einiger Zeit in Berlin: Die Atmosphäre eines westlichen Landes wie Deutschland wäre eine völlig andere, würden nur ein paar tausend Menschen meditieren. Das würde ausreichen, um alles zu ändern.
Ich weiß nicht. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Das Einzige, worüber ich wirklich etwas sagen kann, ist meine eigene Erfahrung. Ich würde sagen, dass es mir besser geht, wenn ich zehn, 20 Minuten oder eine Stunde am Tag meditiere. Das muss gar keine transzendentale Meditation sein, es gibt sehr viele verschiedene Arten der Meditation und ich glaube, sie sind alle ganz gut.

Und hat das einen Einfluss auf deine Musik?
Vielleicht. Hoffentlich doch bei gerade diesem Album eine Sensibilität für Raum. Man könnte es so beschreiben: Wenn ich nicht meditiere, ist mein Kopf voll bis obenhin. Er ist gefüllt mit zu vielen verschiedenen Gedanken. Wenn ich aber meditiere, ist einfach sehr viel mehr Raum. Und auf diesem Album gibt es zwar ein paar Lieder, die ein bisschen belebt sind, aber verglichen mit den vergangenen Alben habe ich den Eindruck, dass dieses nun etwas mehr atmet.

Das klingt schön. Zwei Fragen zum Abschluss: Welches ist dein liebstes veganes Restaurant?
In Berlin ist es das „Hans Wurst“, da war ich gestern Abend essen. Das ist ein kleines, punkrock-veganes Restaurant. In New York ist es schwer zu sagen, weil es so viele vegane und vegetarische Restaurants gibt. Am ehesten wahrscheinlich das „Blossom“. Aber mein Lieblingsrestaurant der ganzen Welt ist in Philadelphia und heißt „Horizons“. Das ist eigentlich kein besonders guter Name für ein Restaurant, aber das Essen dort ist großartig. Es hat südamerikanisches Flair.

Und was bedeutet eigentlich der Titel deines Songs „JLTF“?
Hm. Ich habe ja sehr lange Zeit in New York gelebt. Und in New York gibt es wie in Berlin sehr viele Menschen, die Drogen nehmen. Als ich aufgewachsen bin, wurden Heroinabhängige wie Schwerkriminelle behandelt. Aber als ich älter wurde und viele meiner Freunde drogenabhängig wurden, realisierte ich, dass es keine Kriminellen sind, sondern nur Menschen, die große Probleme mit der Realität haben. Für mich machen es zum Beispiel Sport, Meditation und das Musikhören leichter, mit der Realität umzugehen. Das Tolle an ihnen ist die Nachhaltigkeit. Du kannst es jeden Tag tun, ohne dich dabei selbst zu verletzen. Ein Drogenabhängiger tut eigentlich das Gleiche wie jemand, der Yoga macht, aber auf eine nicht nachhaltige, destruktive Art und Weise. „JLTF“ steht für „junkies love to fuck“. All meine heroinabhängigen Freunde setzten sich einen Schuss und gingen anschließend miteinander ins Bett.

Aha. Ein toller T-Shirt-Aufdruck…
Finde ich auch.


Moby alias Richard Melville Hall lebt in New York und war jahrelang direkter Nachbar von David Bowie. Sein Künstlername leitet sich von seinem Ur-Ur-Großonkel ab, dem „Moby Dick“-Autoren Herman Melville. Berühmt ist der überzeugte Veganer aber für seine melodiöse Dance-Musik, für die er in über 30 Ländern mit Goldenen und Silbernen Schallplatten ausgezeichnet wurde. Sein erfolgreichstes Album ist „Play“ von 1999, das sich über zehn Millionen mal verkaufte, der bekannteste T itel daraus „Why Does My H eart Feel So Bad?“. S ein neuestes Album „Wait For Me“ ist laut Moby sein persönlichstes bisher.