Hilfe zur Selbsthilfe – Mitgefühl

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Es gibt bedeutende Gründe dafür, warum die spirituellen Traditionen des Buddhismus und des Yoga die Fähigkeit zu Mitgefühl für eine so wesentliche Eigenschaft halten. Mitgefühl zu praktizieren, ist keinesfalls das Vorrecht erleuchteter Wesen. Es ist ebenso sehr das, was Evolutionsbiologen „adaptiv“ nennen. Und es ist einer der Faktoren, die das Leben freudvoll, aber auch schmerzhaft machen. Der Dalai Lama sagte einmal: „Wenn du glücklich sein willst, dann praktiziere Mitgefühl.“

Die Forschung über Empathie und Mitgefühl steht noch am Anfang, aber schon heute sind sich Neurowissenschaftler sicher, dass die Fähigkeit, das Leid anderer Wesen zu spüren, nicht erlernt wird, sondern fest einprogrammiert ist. Empathie entsteht offenbar aufgrund der Wirkung so genannter Spiegelneuronen. Diese Funktion ist nicht nur menschlich, sondern allen Säugetieren eigen. So tauchte die Katze meiner Nachbarin eine Zeit lang immer gerade dann bei mir auf, wenn ich krank war oder mich schlecht fühlte. Dann sprang sie auf meinen Schoß und ließ sich ausgiebig streicheln – während sie mir sonst die kalte Schulter zeigte.

Der Drang, Leid in unserer näheren Umgebung zu lindern, ist im limbischen System angelegt. Er steht nicht nur mit den empathischen Spiegelneuronen in Zusammenhang sondern auch mit der Produktion eines im Gehirn erzeugten Stoffes namens Oxytocin. Dieses „Liebeshormon“ spielt eine wichtige Rolle für die frühe Mutter-Kind-Bindung, es wird beim Stillen und Kuscheln freigesetzt und es sorgt dafür, dass man mitten in der Nacht aufsteht, um seinem kranken Freund eine Tasse Tee zu machen. Oxytocin besänftigt, es gibt einem das Gefühl, getragen, angenommen und geborgen zu sein.

Das bedeutet: Wenn man sich um jemanden kümmert oder sich emotional mit jemandem verbindet, dann fühlt sich das nicht nur gut für den Menschen an, der umsorgt wird, sondern auch für denjenigen, der den anderen umsorgt.

Gesundes Mitgefühl
Aber wo genau liegt das richtige Maß? Und wie kann man Mitgefühl in sich entstehen lassen, wenn man es eigentlich nicht empfindet – zum Beispiel weil man es mit einem schwierigen Menschen zu tun hat, oder mit jemandem, der einen verletzt hat? Evolutionsbiologen behaupten, Mitgefühl sei dem Menschen angeboren – und das stimmt auch. Aber wie kommt man an dieses natürliche Gefühl heran? Und wie unterscheidet man echtes Mitgefühl von dem, was ein spiritueller Lehrer einmal „idiotisches Mitgefühl“ genannt hat, nämlich jener Art von selbstloser Freundlichkeit, die das destruktive oder gestörte Verhalten mancher Menschen überhaupt erst ermöglicht?

Im Duden wird Mitgefühl definiert als „Anteilnahme am Leid, an der Not oder Ähnlichem anderer“. Damit einher geht häufig der Wunsch, dieses Leid zu lindern. Mitgefühl zu empfinden, bedeutet also, dass man erkennt, es geht einem anderen Menschen schlecht, und dass man etwas dagegen tun möchte. Diese Fähigkeit, sich in das Leid anderer Menschen hineinzuversetzen, ist instinktgesteuert. Schon Charles Darwin schrieb, dass Sympathie (hier ein Synonym für Mitgefühl) und nicht etwa die Aggression der stärkste Instinkt sei. Er glaubte sogar, dass diejenige Spezies mit dem größten Mitgefühl den größten Erfolg haben würde.

Mit einem anderen zu leiden, ist eine Herausforderung. Ganz besonders, wenn es sich um ein Familienmitglied, einen engen Freund oder Partner handelt. Häufig ist es viel einfacher, mit einem Fremden mitzufühlen, als mit jemandem, der einem nahe steht. Aber selbst dann kann die Erfahrung dieses Schmerzes die Angst vor eigenem Schmerz wachrufen, eine Angst, die man oft vor sich selbst versteckt. Indem man sich bewusst macht, dass ein anderer Mensch genau so ist wie man selbst, gesteht man sich auch ein, dass man selbst in dessen Situation sein könnte. Man erkennt die eigene Verletzlichkeit. Man erkennt, dass jeder Mensch leiden kann. Wenn man in diesem Moment nicht nur die Gemeinsamkeiten sieht, sondern auch ein inneres Bedürfnis empfindet, zu helfen, dann wurde aus Empathie, also Einfühlung, Mitgefühl.

Die Grenzen auflösen
Die meisten Menschen bemerken, dass sie, sobald sie Mitgefühl in sich wecken, anders mit ihrem Umfeld sprechen und anders darin handeln. Ähnliches gilt übrigens für die Meditation: Erst kürzlich hat eine Studie der University of Wisconsin gezeigt, dass Menschen, die regelmäßig meditieren, zum Beispiel signifikant häufiger dazu bereit waren, einem humpelnden Fremden ihren Platz im Bus zu überlassen. Noch interessanter ist die Tatsache, dass dieses Handeln aus Mitgefühl einen auch selbst verändern kann. Es öffnet uns für Fähigkeiten, von denen wir nicht einmal wussten, dass wir sie überhaupt besitzen, Kräfte, die von außerhalb der eigenen Persönlichkeit zu kommen scheinen.

Eine Freundin, die 2004 beim Tsunami in Thailand 36 Stunden am Stück dabei half, verschüttete oder eingeschlossene Menschen zu retten, erzählte mir, dass sie irgendwann bemerkte, dass gar nicht mehr „sie“ half. „Etwas anderes übernahm an meiner Stelle“, berichtet sie. „Ich selber verfüge gar nicht über solche Kräfte. Ich spürte auch keinen Unterschied mehr zwischen diesen Menschen und mir selbst. Es war, als ob ich mich selbst retten würde.“ Meine Freundin hat einen Zustand erlebt, der im Buddhismus Bodhichitta, erwachtes Bewusstsein, genannt wird. Dabei lösen sich die Grenzen zwischen einem selbst und anderen auf und man erfährt – eher ganz tatsächlich als intellektuell – eine tiefe Verbundenheit.

Bodhichitta kann man kultivieren, indem man das Bewusstsein der grundlegenden Gemeinsamkeit in sich wachruft. Man meditiert zum Beispiel über die Tatsache, dass wir alle miteinander verbunden sind, dass wir alle leiden und alle vom Universum umfasst werden. Irgendwann beginnt man zu begreifen, dass alle Menschen die selben Bedürfnisse, die selben Sehnsüchte, Zweifel und Konflikte in sich tragen. Wenn man dann jemandem hilft, dann hilft nicht mehr das „Ich“ dem „Du“. Viel eher helfe „ich“ einer anderen Gestalt meiner selbst.


Übung: Mitgefühl entwickeln
Dies ist eine der klassischen Übungen zum Entwickeln von Mitgefühl. Sie eignet sich vor allem dann, wenn man, zu Mitgefühl gegenüber einem Menschen finden möchte, den man nicht mag oder dem man grollt.

– Richten Sie Ihren Geist auf eine Person, die in Schwierigkeiten steckt oder Schmerz erleidet. (Das kann übrigens nicht nur jemand aus Ihrem nahen Umfeld sein, sondern auch ein entfernter Bekannter oder sogar ein Mensch, den Sie nur aus dem Fernsehen kennen.)

– Richten Sie folgende Gedanken auf diese Person:

Genau wie ich sehnt sie sich nach Glück.
Genau wie ich will sie frei von Leid sein.
Genau wie ich hat sie Trauer, Einsamkeit und Sorge erfahren.
Genau wie ich versucht sie das zu erlangen, was sie im Leben braucht.
Genau wie ich entwickelt sie sich weiter.

– Denken Sie über das Leid der Person nach. Stellen Sie sich vor, Sie würden auf die selbe Weise leiden. Wie würden Sie sich fühlen? Wie sehr würden Sie sich wünschen, frei von Leid zu sein?

– Als nächstes stellen Sie sich vor, wie viel weniger alleine Sie sich fühlen würden, wenn jemand aktiv mit Ihrem Schmerz mitfühlen und ihn beenden wollen würde. Können Sie das für diesen Menschen tun? Können Sie aktiv wünschen, dass sein Leiden endet?

– Versetzen Sie sich in die Lage der betreffenden Person und spüren Sie einen Moment lang, dass deren Schmerz auch der Ihre ist. Spüren Sie den Wunsch, dass das Leid ein Ende hat.

– Wenn möglich, tun Sie etwas für die Person. Rufen Sie an, machen Sie ein Geschenk, gehen Sie Essen einkaufen oder laden Sie sie zum Essen ein. Es ist wichtig, etwas zu tun. Das muss überhaupt nichts Großartiges sein, aber es braucht eine Geste in der konkreten Welt.

Diese Übung kann so transformierend wirken, dass man sie eigentlich täglich machen sollte. Sehr schnell werden Sie feststellen, wie es Ihre Meinungen und den Kontakt zu sämtlichen Menschen in Ihrem Leben verändert. Der Grund dafür liegt darin, dass der wahre Schlüssel zum Mitgefühl das Gefühl ist, dass wir alle miteinander verbunden und gleich sind.


Anderen helfen – sich selbst helfen
Wenn Sie echtes, dauerhaftes Mitgefühl in sich wecken möchten, dann müssen Sie zunächst mitfühlend mit sich selbst sein. Lisas Unduldsamkeit gegenüber ihrem Vater hatte ihre Ursache auch in einer Unduldsamkeit gegenüber Teilen ihrer eigenen Persönlichkeit. Wenn man nicht gelernt hat, seine eigenen Unzulänglichkeiten mit Mitgefühl zu betrachten, dann wird man auch andere nicht ansehen können, ohne sie zu bewerten. Egal wie nett Sie dann zu jemandem sind, ein Teil Ihrer selbst wird immer auch die Fehler des Gegenübers registrieren, er wird ungeduldig auf dessen Versagen reagieren und sich insgeheim fragen, ob sich diese Person ihre Schwierigkeit im Grunde nicht  selbst zuzuschreiben hat. So gesehen ist mehr Mitgefühl gegenüber sich selbst die Voraussetzung für Mitgefühl gegenüber anderen Menschen.


Übung: Selbstmitgefühl entwickeln

Wenn Sie es gewohnt sind, selbst Ihr schärfster Kritiker zu sein, kann die Entwicklung von Selbstmitgefühl eine große Herausforderung sein. Bei dieser Übung behandeln Sie sich selbst mit der selben Fürsorge und Liebe wie ein kleines Kind.

– Setzen Sie sich bequem und ruhig hin und beobachten Sie einige Minuten lang Ihren Atem.

– Rufen Sie sich eine Zeit in Erinnerung, in der Sie sich umsorgt gefühlt haben – und sei es in der unspektakulärsten Weise. Beobachten Sie, ob es Ihnen gelingt, dieses Gefühl, dass jemand für Sie sorgt, in sich wachzurufen. Dann beobachten Sie, wie sich Ihr Herz dabei anfühlt und was Ihr Körper zurückmeldet.

– Stellen Sie sich vor, Sie seien wieder Kind. Sie können sich auch an eine Zeit erinnern, in der Sie als Kind unglücklich waren.

– Stellen Sie sich vor, Ihr erwachsenes Selbst wiege dieses Kind in seinem Schoß. Spüren Sie den Instinkt, sich um dieses Kind zu kümmern. Sagen Sie ihm: „Ich bin da.“ Erzählen Sie ihm, dass Sie die unschuldige, liebevolle, begabte Essenz in seinem Wesen sehen. Dieser Teil der Übung ist sehr bedeutsam. Sie sollen sich dabei der Einzigartigkeit Ihres kindlichen Selbstes bewusst werden, einer Einzigartigkeit, die Sie bis heute in sich tragen.

– Beobachten Sie, welche Wirkung dies auf Ihr Herz hat.

 


Die Autorin Sally Kempton unterrichtet weltweit Meditation, sie schreibt regelmäßig für das amerikanische YOGA JOURNAL und hat mehrere Bücher zur Meditation und eines zur Erweckung der Shakti-Kraft verfasst. (www.sallykempton.com)

 


Mitgefühl, Mitleid, Empathie
oftmals werden die Begriffe nur sehr unscharf voneinander getrennt und das führt leicht zu Missverständnissen. Im modernen Sprachgebrauch sind folgende Unterscheidungen gebräuchlich:

Empathie
Die Fähigkeit und Bereitschaft zur Einfühlung in andere Wesen. Empathie ist ein neutraler Begriff, sie kann sich nicht nur auf Schmerz und Leid beziehen, sondern auch auf positive Gefühle oder auf Denkweisen oder Einstellungen.

Mitgefühl
Entwickelt sich aus der Empathie und meint eine teilnehmende Sorge. Mitgefühl ist auf das Du bezogen, das heißt, es handelt sich um eine Beziehung zwischen Gleichen. Sie ist häufig, aber nicht zwingend, verbunden mit dem Wunsch, das Leid des anderen zu lindern. (Der u. a. von Charles Darwin verwendete lateinische Begriff für Mitgefühl, Sympathie, wird im Deutschen heute eher als eine spontan entstehende Zuneigung verstanden.)

Mitleid
Im Unterschied zu Mitgefühl ist Mitleid eher auf das Ich bezogen. Es besteht eine bewusste oder unbewusste Fallhöhe zwischen demjenigen, der Mitleid empfindet, und demjenigen, der Mitleid erregt.

Selbstmitgefühl
Im Unterschied zu Selbstmitleid ein positives Gefühl. Es durchbricht unproduktives Kreisen um den eigenen Schmerz, baut Druck und hohe Anforderungen ab und ermutigt zu Wachstum und Veränderung.


Den gesamten Beitrag finden Sie im Heft 06/2014