Menstruation und Yoga

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Warum ist während der Menstruation eine andere Yogapraxis sinnvoll?

Kaum ein anderes weibliches Thema ist so sehr tabuisiert und mystifiziert worden wie die Periode. Dabei gehört sie untrennbar zur Körperlichkeit der Frau. Durch die gesamte Geschichte kann man verfolgen, dass menstruierende Frauen isoliert, gefürchtet, gemieden, beneidet, beleidigt oder auch angebetet wurden. Die Menstruation ist jedoch nicht immer als „gefürchteter Fluch“ oder als „biologische Unumgänglichkeit“, die man am besten ignoriert, verschmäht worden: In frauenfreundlichen Kulturen wurden die Tage des Zyklus als kostbare Zeit für innere Erkenntnis und Selbsterneuerung angesehen. Die ersten Schamanen, Propheten und Priester waren weiblichen Geschlechts, unter anderem wegen ihrer Fähigkeit zu gebären. In Bezug auf die Yoga-Praxis gibt es während der Menstruation keine dogmatischen oder einheitlichen Empfehlungen.

Was für eine gesunde, menstruierende Frau passend ist, kann für eine Frau mit Menstruationsproblemen (Krämpfe oder zu starke, unregelmäßige oder ausbleibende Blutungen) unangenehm oder sogar schädlich sein. Dennoch gibt es einige allgemeine Hinweise, die in jedem Fall hilfreich sein können:

Im Ayurveda wird die Menstruation als Regulierungsprozess gesehen, der alle Ungleichgewichte beseitigt, die sich im Laufe des Zyklus angesammelt haben. Dieser Regulierungs- und Reinigungsprozess soll durch die Yoga-Praxis unterstützt und nicht etwa ignoriert oder gestört werden. Für die Zeit der Menstruation wird empfohlen, ganz auf Umkehrhaltungen (Kopfstand, Schulterstand, Handstand etc.) zu verzichten, damit der Reinigungsprozess mit seiner ausscheidenden, abwärts fließenden Energie nicht gestört wird. Außerdem sind intensive Rückbeugen und gedrehte Stellungen, die den Unterleib zusammenpressen, ungeeignet. Alles, was den Unterleib und damit die Gebärmutter oder die Eierstöcke intensiv beansprucht, sollte man während der Periode vermeiden. Da die bereitstehende Energie einer menstruierenden Frau ohnehin geringer ist als zu anderen Zeiten des Zyklus, sollte auf anstrengende Haltungen verzichtet werden.

Empfehlenswert sind gestützte liegende Haltungen, gestützte Vorwärtsstreckungen, gestützte Rückbeugen sowie gestützte Stehhaltungen, darunter Utthita Trikonasana (Ausgestrecktes Dreieck) und Ardha Chandrasana (Halbmond). Die Zeit der Menstruation kann auch sehr sinnvoll genutzt werden, um an Schulter- und Hüftgelenksflexibilität zu arbeiten. Alle Asanas sollten dabei einen entspannten Zustand im Unterleib gewährleisten. Um die Energie anzuheben und gleichzeitig Nerven und Geist zu beruhigen, eignen sich Atemtechniken wie Ujjayi (stimmhafte bzw. ozeanische Atmung) und Viloma (durch Pausen unterbrochene Atmung) im Liegen. Unmittelbar nach den Tagen hilft dagegen eine Yoga-Praxis mit reichlich Umkehrhaltungen dabei, dass sich die Gebärmutter wieder erholen kann.

Besonders wichtig ist die umsichtige Menstruationspraxis, wenn Myome oder Zysten vorhanden sind. Eine fehlerhafte Yoga-Praxis kann bestehende Beschwerden verschlimmern. Angepasstes Yoga (auch außerhalb der Menstruation) kann diese hormonell bedingten Veränderungen jedoch äußerst positiv beeinflussen.

Durch Yoga-Übungen können wir lernen, eine bessere Selbstwahrnehmung zu kultivieren und die Periode nicht als „notwendiges Übel“, sondern als kostbare Zeit für innere Erkenntnis und Selbsterneuerung zu sehen. Sie kann helfen, uns auf die Zeit der speziellen Tage einzustimmen. Eine gute Menstruationspraxis kann durchaus ein Schritt hin zu einer spirituellen Yoga-Praxis sein.

Margareta Eckl lebt in München und leitet das Studio iYoga. Sie praktiziert Yoga seit 1972, ist zertifizierte Iyengar Yoga-Lehrerin und besucht laufend Fortbildungen in Europa, USA sowie direkt bei B.K.S. und Geeta Iyengar in Indien.

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