Lernkurve – die Schüler-Lehrer-Beziehung im Yoga stärken

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Um in einer modernen, gesunden Schüler-Lehrer-Beziehung Yoga lernen zu können, muss man einige Punkte beachten. Sally Kempton, unsere Expertin für Philosophie und Meditation, geht diesem schwierigen Thema auf den Grund.

Als ich Mitte 20 war, lernte ich bei einem alten chinesischen Meister Tai-Chi. Er war in jüngeren Jahren General der berüchtigten Kuomintang-Armee gewesen und forderte die Hingabe seiner Schüler in einem Maß, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Jeden Morgen um 6 Uhr trafen wir uns in einem Park. Dort unterrichtete er uns, drillte uns und kritisierte uns gnadenlos. Neben den morgendlichen Treffen mit dem Meister übte ich noch vier oder fünf Mal am Tag alleine und das über ein Jahr lang. Doch in typischer Kampfkunst-Manier lobte mich mein Lehrer nie. Im Gegenteil: In regelmäßigen Abständen rügte er meine angeblich mangelnde Ernsthaftigkeit in Sachen Tai-Chi. Seine Worte verletzten mich, aber sie sorgten auch dafür, dass ich weiter hart trainierte. Während dieser Zeit veränderten sich meine Energie und mein Körpergefühl – doch die wichtigste Lektion, die ich lernte, war eine andere: Mir wurde klar, was es bedeutet, Schüler zu sein.

Auf den ersten Blick mag das selbstverständlich erscheinen: Wenn man Unterricht nimmt, ist man ein Schüler. Doch so einfach ist es nicht. Schülerschaft ist eine Fähigkeit. Selbst wenn Sie nur hin und wieder bei Ihrem wöchentlichen Yogakurs aufkreuzen, werden Ihre Erfahrungen dort in einem hohen Maß davon abhängen, wie gut Sie Anweisungen annehmen und umsetzen können, welche Art von Fragen Sie stellen und welche Haltung Sie Ihrem Lehrer gegenüber einnehmen. Nicht ohne Grund näherte sich in früheren Tagen ein Schüler seinem zukünftigen Lehrer mit der Frage: „Bist du wirklich mein Lehrer?“ Und der Lehrer fragte zurück: „Bist du wirklich mein Schüler?“ Diese Gegenfrage war keineswegs rhetorisch gemeint. Im Schüler-Lehrer-Verhältnis liegt der Ball letztlich immer im Feld des Schülers. Niemand kann Sie unterrichten, wenn Sie kein Schüler sein wollen. Wahr ist aber auch: Ein motivierter Schüler kann sogar von einem mittelmäßigen Lehrer etwas lernen. Und wenn ein wirklicher Schüler auf einen wirklichen Lehrer trifft, dann ändert sich die Welt des Schülers grundlegend.

Heute leben wir in einer Zeit des intensiven Paradigmenwechsels im Schüler-Lehrer-Verhältnis. Traditionell arbeitete ein Lehrer mit ein paar wenigen festen Schülern. Er prüfte sie sorgfältig und forderte viel von ihnen. Die Eigenschaften eines guten Schülers sind in vielen yogischen Quellentexten beschrieben: Loslösung, Duldsamkeit, Hingabe, Demut, die Fähigkeit, Härten standzuhalten, und vieles mehr. Vor allem aber musste der Schüler die Autorität seines Lehrers bedingungslos anerkennen, zumindest während der Zeit seiner Ausbildung. Im Gegenzug konnte er darauf zählen, dass ihm sein Lehrer nicht nur sein vollständiges Wissen vermittelte, sondern ihm auch seinen feinstofflichen Zustand, seine yogischen Errungenschaften übertrug. All dies konnte Jahre in Anspruch nehmen. Daher verpflichteten sich Schüler und Lehrer, zusammenzubleiben, so lange es nötig war – und oftmals darüber hinaus.

Aber genau wie sich das traditionelle Familienmodell verändert hat, so wandelt sich auch das Schüler-Lehrer-Modell. Zumindest im Westen haben wir einen grundlegenden Bruch in unserem Verhältnis zu Autorität erlebt. Kürzlich beschrieb mir meine Freundin Anna eine Szene mit ihrem Yogalehrer: Nachdem sie eine seiner Anweisungen in Frage gestellt hatte, nahm er sie beiseite und sagte ihr, sie müsse lernen, sich seiner Führung zu beugen. „Ich hab lange darüber nachgedacht“, berichtete mir Anna, „und ich sehe ein, dass er auf gewisse Weise Recht hat. Andererseits praktiziere ich seit vielen Jahren und weiß, dass ich meine eigene innere Führung habe. Muss ich die übergehen, nur weil er eine andere Meinung hat?“

Genau wie Anna sind viele Menschen aus freien demokratischen Gesellschaften misstrauisch gegenüber ausgeprägten Hierarchien und allem, was danach riecht, seine Selbständigkeit und Eigenverantwortung aufzugeben. Und obwohl es in letzter Zeit üblich geworden ist, manche Yogalehrer wie Rockstars zu verehren, fühlen sich viele moderne Yogis sehr unwohl beim Gedanken an die patriarchale Tradition vom omnipotenten Meister und demütigen Schüler. Oftmals ist es einem lieber, den Lehrer als etwas fortgeschritteneren Freund anzusehen – zumal die in regelmäßigen Abständen bekannt werdenden Skandale offenbar belegen, dass man sich selbst den angesehensten Lehrern nicht blindlings anvertrauen kann, da auch sie ihre Macht zu häufig missbrauchen. Dennoch haben selbst in der demokratischsten Yogaklasse viele der alten Wahrheiten über Schülerschaft noch ihre Gültigkeit: Echtes Bestreben, die Fähigkeit zur Hingabe und der Respekt gegenüber dem Lehrer und seinen Lehren sind heute genauso entscheidend wie eh und je. Ebenso wichtig ist es aber, sich einige grundsätzliche Fragen zu stellen und sich von den Antworten auf diese Fragen auch leiten zu lassen. Um sicher durch die Paradoxien des modernen Schüler-Lehrer-Verhältnisses navigieren zu können, habe ich versucht, eine Art praktischen Leitfaden herauszufiltern. Einige der Punkte stammen aus klassischen Texten der Yogatradition. Andere sind das Ergebnis meiner eigenen Erfahrungen – als Schülerin und als Lehrerin.

Das Fundament legen
Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: In einer gesunden Schüler-Lehrer-Dynamik ist es die Aufgabe des Lehrers zu unterrichten und die des Schülers zu lernen. Der Lehrer sollte zwar zugänglich sein, dennoch muss er feste und angemessene Grenzen gegenüber seinen Schülern wahren. Der Schüler wiederum versteht, dass sein Lehrer bzw. seine Lehrerin nicht beste Freundin, Liebhaber oder Ersatzmutter sein kann. Der Schüler scheut sich nicht, Fragen zu stellen und der Lehrer kann eigene Fehler eingestehen. Es gibt also auf beiden Seiten eine ethische Transparenz. Damit geht einher, dass der Schüler eine grundsätzliche Affinität zu seinem Lehrer spüren sollte. Ein Lehrer kann hoch qualifiziert sein, er kann sogar ein Meister sein und ist vielleicht dennoch nicht der richtige Mentor für Sie. Das heißt, unabhängig von Ihrem Willem zu lernen und seinem zu lehren, muss die Chemie stimmen. Je mehr Sie das Gefühl haben, von Ihrem Lehrer „gesehen“ und akzeptiert zu werden, desto leichter wird es Ihnen fallen, damit umzugehen, dass sie von ihm unterwiesen und gefordert werden.

Eigenes Bestreben kultivieren
Wenn Sie wirklich lernen und sich entwickeln wollen, wird dieses Bestreben sie immer leiten – auch dann, wenn Ihr Lehrer vielleicht nicht perfekt ist. Das alte Sprichwort „Ist der Schüler bereit, so ist der Lehrer nicht weit“ hat auf jeder Ebene der Praxis Gültigkeit. Je mehr Priorität Sie Ihrer Yogapraxis einräumen, desto offener werden Sie dafür sein, Lehren zu empfangen, wo immer sie Ihnen begegnen.

Eine Entscheidung treffen
Einige Traditionen empfehlen, mindestens ein Jahr lang Unterricht zu nehmen, bevor man sich endgültig für oder gegen einen Lehrer entscheidet. Da das Leben heute wesentlich schneller getaktet ist, würde ich eher zu sechs Monaten raten. Während dieser Zeit legen Sie sich unter Vorbehalt fest, die Anweisungen dieses Lehrers so genau wie möglich zu befolgen. Das bedeutet nicht, dass man keine kritischen Fragen stellen, Zweifel hegen und sein Gegenüber nicht zuweilen auch herausfordern darf. Doch sobald diese Zweifel ausgeräumt sind, ist es wichtig, dies auch zu würdigen. Die einzige Art, herauszufinden, ob ein Lehrer der richtige für Sie ist, besteht darin, sich dem Prozess so lange auszusetzen, bis seine Auswirkungen deutlich werden.
Es mag eine Zeit kommen, wo die Führung aus Ihrem Inneren diejenige des Lehrers ablöst, doch zu Beginn ist es in der Regel am besten, davon auszugehen, dass der Lehrer weiß, was er tut – selbst wenn seine Herangehensweise vielleicht von dem abweicht, was Sie selbst zunächst für richtig halten. Nachdem die Zeit des Prüfens abgelaufen ist, können Sie die gemachten Erfahrungen abwägen und entscheiden, ob Sie auf diesem Weg weitergehen möchten oder nicht.

Bei einem Ansatz bleiben
Es ist vollkommen in Ordnung, bei einem Lehrer Asanas zu lernen, bei einem zweiten Meditation und bei einem dritten Quellenstu-dium. Aber gerade zu Beginn ist es wichtig, dass alle diese Lehrer aus miteinander zu vereinbarenden Traditionen kommen. Wenn einer Ihrer Lehrer ein strenger Anhänger von Patanjalis achtfachem Pfad ist und ein zweiter ein hingebungsvoller Tantriker, dann müssen Sie sich darauf gefasst machen, scheinbar gegensätzliche Anweisungen und Meinungen zu hören. Es erfordert ein hohes Maß an Erfahrung, derart verschiedene Ansätze so zu integrieren, dass sie einen nicht verwirren. Aus diesem Grund galt traditionell: Wenn man sich einem Mentor verpflichtet hatte, war man nicht berechtigt, ohne dessen Erlaubnis zu einem zweiten Lehrer zu gehen. Der Grund dafür war ganz einfach: Jeder Lehrer hat seinen eigenen Stil und verschiedene Autoritäten können unterschiedlicher Auffassung sein. Wenn Sie also mit mehreren Lehrern arbeiten wollen, ist es sinnvoll, mit allen Beteiligten zu sprechen und sicherzustellen, dass deren Ansätze miteinander vereinbar sind. Ansonsten könnte es passieren, dass Sie am Ende nicht einmal mehr wissen, welche Asana-Sequenz Sie nun eigentlich üben sollten – ganz zu schweigen davon, dass Sie an Ihren eigenen Weg glauben.

Projektionen im Auge behalten
Der Respekt gegenüber dem Lehrer und seinen Lehren ist ausschlaggebend dafür, dass man diese Lehren auch in sich aufnehmen kann. Als Schüler bewahrt Sie dieser Respekt vor Arroganz und dem vorzeitigen Glauben an Ihre eigene Meisterschaft. Zugleich ist es aber entscheidend, den Lehrer nicht zu idealisieren und ihn auf ein Podest zu heben. Jeder Mensch, den man idealisiert, wird einen früher oder später vermutlich enttäuschen. Und wenn Sie zu viel in dieses idealisierte Bild investiert haben, dann kann diese Enttäuschung nicht nur das Verhältnis zu Ihrem Lehrer zerstören, sondern Ihnen auch die Motivation zum weiteren Üben rauben.

Die beiden schwierigsten Punkte im Schüler-Lehrer-Verhältnis sind daher die natürliche Tendenz, unsere eigenen Gefühle auf andere Menschen zu projizieren, und der in der westlichen Psychologie als „Übertragung“ bezeichnete Effekt. Es ist fast unvermeidbar, dass Schüler die eigenen höheren Qualitäten auf ihren Lehrer projizieren. Da die meisten Menschen ihre eigene innere Kraft und Weisheit nicht in vollem Umfang anerkennen können, suchen sie nach jemandem, der diese Eigenschaften für sie „übernimmt“ – und idealisieren diese Person. Dieser Effekt funktioniert natürlich genauso unter umgekehrten Vorzeichen: Man projiziert auch die eigenen Schwächen auf andere. Und wenn der zunächst idealisierte Lehrer Schwächen offenbart und den eigenen Idealen nicht gerecht wird, kann es leicht geschehen, dass man von einem Extrem ins andere fällt und ihn dämonisiert. Das Internet ist voll von gehässigen, wütenden und manchmal erschreckend aggressiven Posts von Schülern, die sich von ihrem Lehrer enttäuscht fühlen. Manchmal ist die Kritik sicher legitim, doch in vielen Fällen spiegeln sich darin vor allem die unbewussten persönlichen Themen des Schülers. Dabei geht es etwa um Reflexe der eigenen Kindheit oder um das Gefühl, nicht ausreichend anerkannt oder ermutigt worden zu sein.

Besonders heikel ist der Aspekt der Übertragung. Dabei überträgt man sein Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung auf den Lehrer – oftmals bis zu dem Punkt, dass man sich ernsthaft verliebt. Bei einem charismatischen Lehrer passiert das sogar den erfahrensten Schülern. Wenn dann der Lehrer nicht bewusst mit diesem Punkt umgeht, wenn er oder sie vielleicht anfällig für romantische Gefühle ist oder zur Manipulation neigt, dann kann das zu lebensverändernden, manchmal auch zu äußerst zerstörerischen Verwicklungen führen. Wenn Sie also bemerken, dass Sie zärtliche Gefühle für Ihren Lehrer entwickeln, dann sollten Sie sich fragen: „Gelten diese Gefühle wirklich ihm bzw. ihr? Oder ist das nur ein Effekt der Yogapraxis? Kann es sein, dass die Energie des Yoga mir den Zugang zu einer Selbstliebe eröffnet, die ich zuvor noch nicht gekannt habe?“ Diese Art der Selbstbefragung kann Ihnen helfen, Projektionen zurückzunehmen und Ihre Gefühle zurück nach innen zu lenken. Auf diese Weise bereichern Sie Ihre Praxis, ohne Verwicklungen im Außen zu schaffen.

Ehrlich sein
Damit wären wir beim Thema Selbsterforschung angelangt. Eines der großen Geschenke von Yoga sind die Einsichten, die man durch diese Praxis über seine eigenen Tendenzen gewinnen kann. Beispielsweise weckt die Unterrichtssituation vielleicht Ihren inneren Rebellen und verleitet sie dazu, sich ganz automatisch der Autorität des Lehrers zu widersetzen. Oder sie aktiviert Ihren versteckten Anerkennungsjunkie und Sie sind so gefangen im Versuch, Ihrem Lehrer zu gefallen, dass Sie ganz vergessen, eigene Erfahrungen zu machen. In diesem Fall kann ein bisschen Widerstand sehr gesund sein! Ich habe schon von Schülern gehört, die so sehr befürchteten, die Gefühle ihres Lehrers zu verletzen, dass sie sogar Korrekturen als wohltuend lobten, die in Wirklichkeit unangenehm waren. Je eher Sie in der Lage sind, Ihre wirklichen Erfahrungen authentisch zu kommunizieren, desto besser kann Ihr Lehrer Sie kennenlernen und desto mehr kann er Ihnen Anweisungen geben, die Ihnen tatsächlich weiterhelfen.

Schwächen des Lehrers wahrnehmen
Ihr Lehrer ist nur ein Mensch – mit menschlichen Eigenheiten, Verletzungen, persönlichem Schmerz oder gar Störungen. Wenn ein guter Lehrer fest im Sattel sitzt, dann spricht aus ihm sein höchstes, weisestes und bewusstestes Selbst. Auch aus diesem Grund kann die Arbeit mit einem Lehrer helfen, Fähigkeiten in Ihnen hervorzubringen, die Sie alleine nicht unbedingt an sich erlebt hätten. Aber die Tatsache, dass ein Lehrer während des Unterrichts von Licht und Weisheit erfüllt zu sein scheint, bedeutet noch lange nicht, dass er vollständig erleuchtet oder auch nur frei von menschlichen Schwächen ist. Manchmal liegt er vielleicht sogar total daneben. Jemand kann ein äußerst fähiger Lehrer sein, er vermag es beispielsweise, hoch entwickelte Bewusstseinszustände zu vermitteln und seine Schüler mit viel Einfühlungsvermögen und Weisheit anzuleiten, und doch ist er als Privatmensch exzentrisch, aufbrausend, ständig auf der Jagd nach sexuellen Abenteuern oder in sich selbst verliebt. Sogar ein sehr weiser Lehrer mag Probleme damit haben, seine Schule gut zu organisieren oder eine glückliche Liebesbeziehung zu führen. Wie jeder andere Mensch unterliegt er karmischen Neigungen, die ihn zu problematischen Entscheidungen verleiten können. Nichts davon macht ihn als Lehrer weniger geeignet, dennoch kann das für Sie als Schüler ein legitimer Grund sein, sich abzuwenden. Manchen Schülern macht es nichts aus, dass ihr Lehrer verschroben ist oder ein unkonventionelles Leben führt. Andere fühlen sich nur gut aufgehoben bei jemandem, dessen Werte und Moralvorstellungen mit den eigenen übereinstimmen. Das ist eine ganz persönliche Entscheidung, doch man sollte sie bewusst treffen.

Eine hilfreiche Taktik in diesem Zusammenhang ist es, sich ehrlich zu fragen, warum man überhaupt bei diesem bestimmten Lehrer Unterricht nimmt. Wenn Sie wirklich nur hier sind, um Asanas oder Meditation zu lernen, oder um yogi-sche Texte zu studieren, dann können Sie die persönlichen Macken des Menschen von den pädagogischen und fachlichen Fähigkeiten des Lehrers trennen. Ganz anders liegt der Fall dagegen, wenn Sie merken, dass seine Ansichten Sie irritieren, dass seine Werte völlig konträr zu Ihren eigenen sind, oder wenn Sie in Ihrem Lehrer auch jenseits der Matte ein Vorbild sehen möchten.

Gerede aus dem Weg gehen
Eine Yogaschule oder eine spirituelle Gemeinschaft kann eine echte Zuflucht und eine Quelle der Freundschaft sein. In der Interaktion mit den zum Zirkel des Lehrers gehörenden Menschen können Sie wertvolle Unterstützung und Weisheit erleben und sich selbst in den verschiedenen Manifestationen Ihres Egos beobachten. Auf der anderen Seite können die anderen Schüler Sie aber auch vom eigentlichen Grund Ihrer Anwesenheit ablenken. In vielen Schulen und spirituellen Gemeinschaften grassieren Konkurrenzkampf, Klatsch und Tratsch, „Wer-gehört-dazu-und-wer-nicht“-Gerangel und andere wenig inspirierende Formen der Gruppendynamik. Überdies gibt es Gemeinschaften, die einen solchen Kult um ihren Lehrer oder die Methode betreiben, dass man sich genötigt fühlt, den Sprachduktus und den Stil der Gruppe anzunehmen. Ein gutes Indiz dafür, dass Sie in einer angemessenen Beziehung zu anderen Gruppenmitgliedern stehen, ist die Tatsache, dass sich Ihre Gespräche darauf konzentrieren, was Sie gemeinsam lernen und bearbeiten. Sobald persönliche Kümmernisse ventiliert, Mitschüler niedergemacht, der Lehrer und seine Methoden stundenlang kritisiert oder bestimmte Leute absichtlich vom Gespräch ausgeschlossen werden, befindet man sich dagegen in der Gefahrenzone. Das selbe gilt, wenn Sie das Gefühl haben, kritische Fragen seien nicht erlaubt.

Der eigenen Intuition vertrauen
Es muss immer wieder Phasen geben, in denen Sie den Wert bestimmter Lehren und Praktiken in Frage stellen. Weisen Sie solche Zweifel nicht einfach von sich, sondern fragen Sie sich: Woher kommt mein Unbehagen? Gehört es zu einem Verhaltensmuster, das mich dazu verleitet, mich aus dem Staub zu machen, sobald es langweilig oder brenzlig wird? Gibt es etwas an diesem Unterricht, das mich aus meiner Komfortzone holt? Habe ich vielleicht Angst, zu schnell zu weit zu gehen? Oder verlange ich umgekehrt zu ungeduldig nach den fortgeschritteneren Techniken? Werden hier gerade gewisse emotionale Mechanismen bei mir ausgelöst, die ich mir genauer ansehen sollte? Jede echte Unterrichtssituation konfrontiert Sie zwangsläufig auch mit persönlichen Themen wie Eifersucht, Unmut und Beurteilung: Es gibt meistens Menschen, mit denen man sich misst. Sie werden sich vielleicht über Ihren Lehrer ärgern, weil er sie kritisiert oder nicht beachtet. Sein Unterrichtsstil kann Ihnen auf die Nerven gehen oder Sie mögen sich denken: „Das hab ich schon hundertmal gehört, kann er nicht mal was Neues erzählen?“ Außerdem haben Sie vielleicht Freunde, die bei anderen Lehrern anscheinend größere Fortschritte machen als sie selbst. Einer der Gründe, warum es so wichtig ist, sich für eine bestimmte Zeit auf einen Lehrer festzulegen, liegt genau hier: Es zwingt Sie, die unvermeidlichen Phasen der Unruhe, der Gelangweiltheit oder des Zweifelns durchzustehen. Genauso, wie man während der gesamten Unterrichtsstunde auf der Matte bleiben sollte, muss man einem Lehrer oder eine Methode auch die Chance geben, wirklich durchzudringen.

Lehren aufnehmen
Vielleicht spüren Sie den Impuls, nicht nur selbst zu lernen, sondern das Gelernte auch an andere Menschen weiterzugeben. In der traditionellen indischen Yogawelt werden Schüler, die zu unterrichten beginnen, bevor sie die Lehren selbst verdaut haben, als „Schöpfkellen“ bezeichnet. Wenn Sie etwas unterrichten, das Sie selbst noch nicht vollständig in sich aufgenommen haben, dann sind Sie wie eine Kelle, die die Suppe serviert, ohne sie selbst gekostet zu haben. Sie berauben sich der Möglichkeit, Ihr eigenes Sein von der Weisheit durchdringen zu lassen. Daher wird Schülern traditionell davon abgeraten, allzu früh selbst zu unterrichten. Es stimmt natürlich, dass die Weitergabe von Wissen ein guter Weg ist, etwas selbst tiefer zu erlernen. Doch wenn man das Wissen eines anderen Lehrers wie eine Ware weiterreicht, dann schneidet man sich vom eigenen Lernprozess ab. Obendrein betrügt man seine Schüler, wenn man ihnen nur halbgare Lehren zuteil werden lässt. Genau das geschieht sehr häufig. Man kann es erleben, wenn Leute Teile des Yoga Dharma herunterbeten wie einen Katechismus, ebenso leer und ohne authentisches Gefühl wie jede andere Art von konventionellen Weisheiten. Sogar tiefe Wahrheiten wie der Satz „Genau so, wie du bist, bist du schon perfekt“ werden zu platten Klischees, wenn keine verkörperte Erfahrung dahinter steht. Auch viele Verletzungen im Yogaunterricht entstehen nur dadurch, dass ein Lehrer erlernte Anleitungen oder Korrekturen weitergibt, sie aber nicht individuell anpassen kann.

Sich in Dankbarkeit trennen
Nicht alle Schüler-Lehrer-Beziehungen sind dauerhaft. Es mag eine Zeit kommen, wo Sie den Einruck haben, alles gelernt zu haben, was Ihnen dieser Lehrer beibringen kann. Genauso kann es sich so anfühlen, als ob Ihr Lehrer Sie hängen lässt oder die Gemeinschaft Ihnen kein Wachstum mehr ermöglicht. In einigen Fällen schlägt einem ein Lehrer auch selbst vor, sich an anderer Stelle unterrichten zu lassen.
Die Verbindung zu seinem Lehrer abzuschließen, lehrt uns nicht nur, die Unbeständigkeit des Lebens zu akzeptieren, manchmal ist es auch Teil des Erwachsenwerdens. Und selbst wenn die Trennung schmerzhaft oder schwierig sein sollte, ist es wichtig, das zu würdigen, was man empfangen, gelernt und für sich entdeckt hat. Sehr häufig erkennt man erst viel später, was man alles von einem Lehrer bekommen hat. Ein echter Schüler sollte daher dankbar anerkennen, dass jedes Stadium seines Lernens nützlich ist: die Anfänge ebenso wie das Ende, die Triumphe genau wie die Fehler – und alles, was dazwischen liegt.

Illustration: Aimee Sicuro


Die Autorin Sally Kempton ist eine international anerkannte Lehrerin für Meditation und Yogaphilosophie. Sie hat zahlreiche Bücher verfasst und schreibt regelmäßig für das YOGA JOURNAL.