Mut zur Lebendigkeit – Beziehungen leben

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Wie viele Männer können ihre Frau in ihrem ganzen Wesen sehen? Zu oft beschränkt man(n) sich auf seine Meinung, wie die Dinge zu sein haben. Wenn man als Mann über starke Frauen schreibt, begibt man sich zwangsweise auf dünnes Eis. Weil wir Männer die Frauen eben nur aus unserer Perspektive sehen können. Allzu schnell beziehen wir uns auf unseren Verstand, um zu beurteilen, was eine Frau erlebt. Dann fällt es uns leicht, ein Urteil abzugeben – mit dem wir unser Gegenüber allerdings manchmal dramatisch verpassen. Später sind wir schockiert und traurig darüber, wie viel Lebendigkeit wir versäumt haben; in unserer Sicherheit, Recht gehabt zu haben.

Die Ramayana – älteste Geschichte Asiens
Wenn ich Nachrichten aus Indien höre, kann ich die Art und Weise, wie dort mit Frauen umgegangen wird, oft kaum aushalten. Lange habe ich mich deshalb gesträubt, meinen Reiseteilnehmern das Ende der Ramayana zu erzählen, einer der ältesten Geschichten Asiens, in der von den Abenteuern des Prinzen Rama und seiner Gemahlin Sita berichtet wird. Rama ist Vishnu, der vom Himmel auf die Erde gekommen war, um Recht und Ordnung wieder herzustellen, die durch den bösen Dämon Ravana bedroht waren. Dieser raubte ihm im Laufe der Geschichte sogar seine geliebte Sita.

Verbannung statt Happy End?
Nach langer Suche und einer furchtbaren Schlacht zwischen den Armeen Ramas und Ravanas konnte Sita befreit werden. Nun hätte die Geschichte eigentlich mit Happy End abgeschlossen sein können. Stattdessen kam es zu einem interessanten Twist: Die Bewohner von Ramas Königreich begannen, an der Ehrbarkeit von Sita zu zweifeln. Schließlich war sie lange in der Gefangenschaft Ravanas gewesen und es hätte ja sein können, dass der Dämon sie unsittlich berührt hat. Damit wäre auch Ramas Ehre befleckt. Für uns hört sich das absurd an, aber die Geschichte ist ein paar tausend Jahre alt, und das Weltbild war damals sehr archaisch. Folgerichtig entschied sich Rama – da seine Aufgabe ja war, das „Recht“ durchzusetzen – dem Willen seiner Untertanen zu folgen und Sita in die Verbannung zu senden, obwohl sie ihre Unschuld sogar durch einen Gang durchs Feuer unter Beweis gestellt hatte.

Von Festhalten und Loslassen
Sie verließ das Land erhobenen Hauptes, und brachte jenseits der Grenze Ramas Kinder zur Welt; die Zwillinge Luv und Kush. Was muss in ihrem Herzen vorgegangen sein? Davon erzählt die Ramayana nicht. Sie berichtet lediglich, dass Rama eine vergoldete Statue von Sita anfertigen ließ, um seine Liebe zu ihr zu zeigen. Männer möchten Frauen eben gerne „festhalten“. Jahrelang lebten sie getrennt voneinander und die Kinder wuchsen heran. Eines Tages veranstaltete Rama ein Ritual, während dessen ein Pferd freigelassen wurde. Das lief über die Grenze des Landes zu den beiden Söhnen, die es Ramas Soldaten nicht mehr herausgeben wollten. Rama musste wieder in den Kampf – nur stand er diesmal seinen eigenen Kindern gegenüber. Dass die Söhne seine Soldaten besiegten, sahen die Bewohner des Königreiches als Zeichen, und Rama bat nun auch Sita zurückzukommen, wenn sie noch einmal ihre Reinheit unter Beweis stellen würde.

Kraft der Lebendigkeit
Sita hatte auf so einen Unfug keine Lust mehr. Sie rief die Mutter Erde an und sprach: „Wenn ich ehrbar war, dann möge ich dorthin zurückkehren, wo ich herkomme!“ Im selben Moment öffnete sich die Erde unter ihr und nahm sie mit sich. Rama blieb alleine zurück. Denn so wie er eine Inkarnation des Gottes Shiva war, so war auch Sita niemand anderes als Lakshmi: die Kraft der Fruchtbarkeit, die Kraft der Erde. Und Lakshmi lässt sich nicht zähmen. Sie tat es vor 50 000 Jahren nicht und das ist heute auch noch so. Sita war nicht – wie es manchmal scheint – die wehrlose Jungfrau in Not. Als Frau trug sie alle Kraft der Lebendigkeit und der Natur in sich. Kinder gebären und großziehen war ein Job, den selbst Rama nicht fertig brachte. Klar, dass sie sich da nicht alles gefallen ließ.

Was den anderen bewegt
In gewisser Weise triumphiert Sita also am Ende. Und doch macht uns das nicht froh. Hätte sich Rama nicht viel früher ein Herz nehmen und mit alten Traditionen und Vorstellungen brechen können? Was er damals nicht geschafft hat, können wir vielleicht heute wagen. Wenn wir beginnen, uns dafür zu interessieren, wer unsere Frauen wirklich sind. Was in ihnen vorgeht, welche Freude und welcher Schmerz sie bewegt. Im Yoga passiert das schon. Das Gesicht des Yoga hat sich in den vergangenen vierzig Jahren bereits verändert. Dabei hat Yoga nicht von den Lehrern, sondern von den Lehrerinnen gelernt, die dem alten männlichen Konzentrationsweg eine feminine Komponente geschenkt haben. Nicht nur die Sonne, auch der Mond wird heute gegrüßt. Vielleicht können auch wir Männer durch Ramas Fehler lernen, den Mond, die sanfte Seite in unserer Partnerin, wieder mehr zu sehen und uns davor zu verneigen.


Ralf Sturm hat zusammen mit Katharina Middendorf bei GU das Buch „Götter-Yoga“ veröffentlicht.

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