Keine App fürs Glücklichsein

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Neulich am Küchentisch des Yogalehrers Max Strom: Er beobachtet, wie seine Frau gebannt in ihr Handy starrt. „Was tust Du?“ Fragt er. Begeistert meint sie, dass es einfach für alles Apps gebe. Schau, ob es auch eine für Glück gibt“, bittet er sie. Nichts – Na klar. So einfach ist die Sache nicht mit dem Glück.

Diese Szene erinnert Max Strom an zwei grundlegende Trends unserer Zeit, die ihn schon seit Längerem beschäftigen: zum einen das exponentielle Wachstum neuer Technologien und zum anderen das Abnehmen des persönlich gefühlten Glücks in unserer Gesell­schaft. Wieso sind wir nicht mehr so glücklich, wie wir es einmal wa­ren? „Ob in New York, London oder Beijing, in den wohlhabendsten Gesellschaften der Welt leiden die Menschen am häufigsten unter Angststörungen, Depression und Schlafmangel“, so Strom. Die wis­senschaftlichen Fakten, die er für sein Buch „There Is no App for Happiness“ gesammelt hat, sind alamierend: eine von vier Frauen in den USA nimmt regelmäßig Psychopharmaka gegen Depressio­nen oder Angst. Jeder vierte Erwachsene schluckt täglich Schlaf­tabletten. Eine Studie von Dr. Ian Rockett, Professor der West Virgi­nia University School of Public Health, belegt, dass die Suizidrate in den USA in den vergangenen zehn Jahren um 15 Prozent gestiegen ist – damit gibt es mehr Tote durch Suizid als durch Motoradunfälle. Max Strom bemerkt, dass solche Zahlen dort am höchsten sind, wo die Menschen am meisten über Smartphones und Internet verfü­gen. Er vermutet einen Zusammenhang. „Zu meinen Yoga­-Retreats kommen immer häufiger Menschen, die von ihrer Gefühlswelt ab­geschnitten scheinen. Am ersten Tag stört sie alles Mögliche: das Essen schmeckt fad, die Betten sind zu hart, die anderen Teilnehmer komisch”, erzählt er bei unserem Treffen in Zürich. Er nimmt ihnen für die Zeit des Seminars sämtliche technischen Geräte ab. Keine e­mails, kein Facebook, Twitter oder Whatsapp. Die Teilnehmer sind auf sich selbst zurückgeworfen. „Dadurch lösen sich nach kurzer Zeit intensive Gefühle, der Mensch kommt in Kontakt mit seinem In­neren. Er fühlt wieder.”

Heute sind wir digital vernetzt, verlinkt und connected wie noch nie. Trotzdem – oder gerade deshalb ­ hungern wir nach wirklicher Inti­mität. Wer lieber mailt, statt den Nachbarn persönlich zu treffen, wer abends eher checkt, was seine „Freunde“ auf Facebook posten, statt mit echten Menschen ein Glas Wein zu trinken – der wird sich langfris­tig einsamer fühlen als nötig. Smartphones und Laptops sind großar­tige Werkzeuge, die uns vieles im Leben erleichtern – aber nicht mehr und nicht weniger. Diese Werkzeuge verführen uns dazu, sie falsch zu gebrauchen und in ihnen zwischenmenschliche Beziehungen zu su­chen. Was bleibt, ist ein diffuses Gefühl der Enttäuschung.

In seinem Buch beschreibt Strom, wie sogenannte „Nah­-Lebens­-Erfahrungen“ zur traurigsten Tragödie unseres Lebens werden könn­ten. Er meint Rückblicke wie: Da hätte man der Frau sagen können, dass man sie liebt, hat es aber nicht getan. Man hätte sich beim besten Freund entschuldigen können – aber jetzt sind 15 Jahre vergangen. Traurig deshalb, weil wir die Weichen auch hätten anders stellen kön­nen. Strom appeliert an das Kultivieren von echter Intimität – damit wir intensives zwischenmenschliches Sein nicht verlernen.

Abends bin ich mit meinem Mann und unseren beiden Kindern pick­nicken am Zürichsee. „Heute ist es hier aber besonders schön. So ge­mütlich“, sagt mein Sohn und blickt auf die Berge. Ich überlege kurz – zu dieser Jahreszeit sind wir ständig hier, was ist heute anders? Ich schaue meinen Mann an. „Hast du auch dein iPhone vergessen?“ Das ist es. Ab heute lassen wir die Handys öfter mal zu Hause.


Die Aurorin Melanie Oetting ist Journalistin und Physiotherapeutin und demnächst auch Yogalehrerin und Gesundheits- und Präventions-Coach.

Max Strom ist Yogalehrer und Autor der Bücher „A Life Worth Breathing“ (Das Herz des Yoga) und „There Is No App for Happiness“. Die nachhaltige Wirkung seiner Lehren machte ihn weltweit bekannt.