Interview mit Gil Ofarim: Kindhaltung ist Champions League

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Gil, du hast deine Facebook-Fans wissen lassen, dass Yoga dein Leben verändert hat.
Was mir in den 90 Minuten einer Yogastunde passiert, kann ich nicht beschreiben – ich liebe es einfach. Für alle, die diese Erfahrung nicht kennen, hört es sich vielleicht bescheuert an, aber da gibt es regelmäßig diesen Klick im Kopf, diese Momente von Erkenntnis. „Sag mal, was hast du denn geraucht?“, fragen mich dann manche. Aber das ist es nicht. Durch Yoga bin ich naturstoned. Naturhappy.

Würdest du für uns einen neuen Erklärungsversuch starten? Was genau könnte da klicken?
Ich kann es nicht anders erklären, als dass ich, wie jeder andere wohl auch, mein Leben lang auf der Suche war und immer noch bin – nach innerem Glück, Bestätigung, dem Sinn des Lebens und vielem mehr. Als Kleinkind habe ich schon Musik gemacht, meinen Vater Abi Ofarim begleitet, mit 14 mein erstes Album aufgenommen und die nächsten Jahre hauptsächlich auf der Bühne und im Flugzeug verbracht. Teenie-Star zu sein, macht einsam.

Dazu wollte ich altersentsprechend gut aussehen, immer fit sein und die Mädels mit Muskeln beeindrucken. Was für ein Blödsinn! Durch das exzessive Krafttraining habe ich mir den Rücken und die Schulter kaputt gemacht, durch das Joggen die Knie. Ich neige zu viel Adrenalin und Selbstüberschätzung: Als Rocker will ich in meiner Show Energie rüberbringen, springe über die Bühne und klettere die Traversen hoch. Im Yoga habe ich mir durch zuviel Enthusiasmus die Beinrückseite gezerrt und spätestens dann gelernt, meine Kraft einzuteilen.

Wie bist du zum Yoga gekommen?
Oswin Ottl, mit dem ich meine Band „Acht“ gegründet habe, hat mir eines Tages seinen guten Freund Petros Kontos vorgestellt, heute Bassist bei „Acht“. Konti ist ein wilder, lauter Kerl und feierfreudiger Gastronom. Dazu ist er superfit und sehr gelassen. Als ich ihn nach dem Grund fragte, antwortete er einfach nur „Yoga“. Er und seine Frau Martina, eine meiner wichtigsten Lehrerinnen, sind der Grund, warum ich heute happy bin. In ihrem Haus am Chiemsee hatte ich meine erste Yogastunde, an die ich mich heute noch erinnere: Am Ende der Session standen beide zu wunderbar friedlicher Musik im Kopfstand, durch die Fenster sah man die Berge, in der Ecke den Buddha, und auf einmal hat sich für mich alles verdichtet.

Dein Stil, Jivamukti Yoga, ist dafür bekannt, viele Kreative anzuziehen.
Ja, wir sind alle gaga. Ich schätze an der Methode, dass es ein flexibler Weg ist, auf dem dir nichts aufgedrückt wird. Ich habe schon immer ein wenig mit Yoga geflirtet, aber ein paar abschreckende Beispiele erlebt. An Sting, dessen Musik ich sehr klar und auf den Punkt gebracht finde, habe ich mir ein Beispiel genommen und sehe Yoga nicht als Sport, sondern als Lebenseinstellung, als Atemtechnik mit Bewegung. Und weil es als Nebeneffekt offenbar eine Superfigur gibt, dachte ich, das muss ich probieren.

Was hält dein Vater Abi Ofarim von deiner Yogabegeisterung? Er ist ja ein Kind der Jahrzehnte, in denen Bewusstseinserforschung großes Thema war …
… oh ja, und zwar auf mehreren Ebenen. Erst hat er mich gewarnt und war besorgt, dass ich einem falschen Guru anheim falle und bald nur noch Bäume umarme. Dann hat er allerdings erzählt, dass sie früher auch meditiert und Yoga geübt hätten, gerne im Musikstudio und mit Unterstützung gewisser Substanzen.

Eine verlockende Zeit?
Sicher eine coole Zeit, diese Generation hat viel für uns erreicht. So manche Party hätte ich gerne mitgefeiert: Mein Vater war mit den Beatles und Jimi Hendrix unterwegs, wurde von der Queen geehrt, und alle waren – Stichwort „freie Liebe“ – noch mehr auf der Suche als heute. Dennoch bin ich froh, heute zu leben. Noch stolzer als auf die Karriere und die Musik meines Vaters bin ich übrigens auf das Projekt, das er in München aufgebaut hat: Den Verein „Kinder von Gestern“, ein „Jugendzentrum für Senioren“, das hilft, Alterseinsamkeit und -armut vorzubeugen.

Ein Star, der auf der Erde gelandet ist, statt abzuheben: Diese Gefahr gibt es ja auch bei Yogalehrern, die von Schülern regelrecht auf ein Podest gestellt werden.
Auf der Bühne ist die Gefahr abzuheben sicher groß. Zum Glück bin ich es gewohnt, ebenerdig mit meinen Yogalehrern zu üben. Aber auch ohne Podest ähneln manche Stunden durchaus einem Backstreet-Boys-Konzert, in dem die Mädchen dahinschmelzen. Ich persönlich sehe sie nie als erhaben an, sondern erlebe Menschen, die diesen Weg schon ein paar Sommer länger gehen und ihn jetzt teilen.

Projektion und Ehrgeiz: Übertragen wir diese Dinge nicht allzu oft auch auf die Yogapraxis?
Beim Kopfstand dachte ich lange: „Oh je, das ist Akrobatik, das habe ich ja noch nie gemacht“ und habe mich ziemlich unter Druck gesetzt, ihn zu schaffen. Jetzt kann ich ihn, aber ich weiß, dass es gar nicht sein muss. Im Yoga bist du eher der Profi und der Chef, wenn du deine Grenzen kennst. Diejenigen, die sagen können: „Ich mache eine Pause und gehe in die Kindhaltung“ – das sind meine Heroes.

Das kann man nicht laut genug sagen. Viele verbinden es jedoch mit Aufgeben.
Auf keinen Fall. Kindhaltung ist nicht Aufgeben, sondern Champions League, genau wie Shavasana: Nicht denken, nicht bewegen, nur sein, atmen und sich von der Außenwelt nicht ablenken lassen. Beim Hund kommen irgendwann einmal die Fersen auf den Boden, der Krieger wird auch schöner, aber wirklich ruhiges Shavasana ist Kunst.

Übst du auch zuhause?
Nein, denn auch der Weg zum Yogastudio ist für mich Praxis. Ich liebe die Gruppenenergie mit Singen und Shavasana und vor allem das Gefühl, offener und größer nach Hause zu gehen.

Das gesamte Interview finden Sie im Heft 02/2015


Foto: Ina Bohnsack