4 Yogaübungen für mehr Inspiration

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Bevor Sie sich ans Üben der folgenden Asanas machen, sollten Sie sich überlegen, welche Intention Sie Ihrer Praxis zugrunde legen und in welcher Weise Sie neue Einsichten und Inspiration in Ihre Yogapraxis und Ihr Leben bringen möchten. Die Anleitungen sind nur Beispiele aus meiner persönlichen Erfahrung. Mit etwas Gespür und Kreativität können Sie auch ganz individuell Haltungen mit mehr Bedeutung und Kraft erfüllen und Ihre Leidenschaft für Yoga neu beleben.


1. Sich seiner Lebensinhalte versichern im
NACH UNTEN SCHAUENDEN HUND

herabschauender_Hund_Yogajournal
Adho Mukha Shvanasana kann Ihnen helfen, sich sowohl auf der Matte als auch im Alltag mit Ihren persönlichen Lebensinhalten zu verbinden. Die Haltung verleiht ein Gefühl von Kraft und Vitalität, vor allem dann, wenn Sie dabei an Ihr Dharma denken, also die Aufgabe Ihrer Seele in diesem Leben.

So geht’s: Sie beginnen im Vierfüßlerstand. Schließen Sie die Augen und konzentrieren Sie sich auf die Punkte, an denen Ihre Fingerspitzen den Boden berühren. Dann stellen Sie die Zehen auf, heben das Becken und strecken den Rumpf von den Daumenballen bis in die Sitzknochen. Breiten Sie die Finger noch etwas weiter aus und schieben Sie die Hände noch deutlicher gegen den Boden. Dabei fragen Sie sich: „Wie kann ich die Erde am besten mit diesen Händen, diesen Füßen, diesem Körper berühren? Welches Geschenk kann ich der Welt machen?“ Beugen Sie ein Knie und schieben Sie die gegenüberliegende Ferse deutlicher nach unten (wenn sie den Boden nicht berührt, dann legen Sie sie an der Wand an). Dann wechseln Sie die Seiten. Mit jedem tiefen Anbinden nach unten bewegen Sie sich tiefer in diese Fragestellung hinein. Anschließend vertiefen Sie Ihre Atmung und fragen sich: „Welchem Ziel soll ich meinen Atem und meine Lebenskraft widmen?“
Wann immer Antworten auf diese Fragen in Ihnen aufsteigen, nutzen Sie sie, um noch etwas länger in der Haltung zu bleiben und um sich Ihren Lebensinhalten mit mehr
Fokus und Kraft zu verpflichten. Vielleicht wird Ihnen dabei klar, dass ein wichtiger Lebensinhalt für Sie darin besteht, zu singen, einen Garten zu pflegen, zu unterrichten, zu schreiben, andere zu unterstützen oder zu inspirieren – was auch immer es ist, stellen Sie sich vor, wie Sie sich über Ihre Hände und Füße darin verankern, wie die von unten aufsteigende Energie durch Arme, Rumpf und Beine in diese Aufgabe hineinfließt und wie Sie sie mit jedem Atemzug nähren und bereichern. Spüren Sie, dass Sie von ganzem Herzen zu Ihrem Dharma stehen.


2. Liebevolle Güte verströmen in der
HALTUNG DES LIEBEVOLLEN KRIEGERS

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In dieser Variation von Virabhadrasana II fließen Atem, Bewegung und Vorstellungskraft ineinander, um Liebe und Anteilnahme auszusenden. Vor allem wenn man gerade völlig in die eigenen Lebensthemen verstrickt ist, kann diese aus der buddhis­tischen Metta-Meditation abgeleitete Technik einen Ausweg aus selbstzentriertem Denken und Fühlen eröffnen.

So geht’s: Richten Sie in einer weiten Schritthaltung das gebeugte rechte Knie über dem rechten Fußgelenk aus und strecken Sie das linke Bein. Rumpf und Gesicht sind der langen Matten­seite zugewandt. Die Arme hängen zunächst herab, die Hände sind mit nach oben zeigenden Handflächen vor dem Körper ineinander gelegt und der Kopf ist sanft nach unten geneigt. Mit einer Einatmung strecken Sie das rechte Bein und heben die Arme langsam mit nach oben zeigenden Händen zu den Seiten und bis über den Kopf. Gleichzeitig heben Sie auch das Gesicht Richtung Decke. Ausatmend beugen Sie das rechte Bein wieder und senken Arme und Kopf zurück in die Ausgangsposition.
Wenn Ihnen der Bewegungsablauf nach einigen Atemzügen vertraut geworden ist, schließen Sie die Augen. Angetrieben von Ihrem Atem und den langsamen, anmutigen Bewegungen stellen Sie sich vor, dass Sie von Ihrem Herzen aus über Ihre Arme und Hände Liebe und Anteilnahme für die Ihnen nahe stehenden Menschen verströmen. Vielleicht nehmen Sie dabei eine zirkulierende Energie wahr oder ein subtiles Kribbeln entlang der Wirbelsäule. Nach einer Weile stellen Sie sich vor, wie diese Ströme aus Liebe sich aus Ihrem näheren Umfeld heraus ausbreiten. Mit jedem Atemzug erweitern Sie das Feld dieser Strahlen – über die ganze Stadt, das Land und die Welt. Anschließend wiederholen Sie die Übung mit dem linken Bein vorne.


3. Die Vorfahren würdigen im
BAUM

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So geht’s: Verwurzeln Sie das linke Bein im Boden und legen Sie den rechten Fuß an die Innenseite von Fußgelenk, Unter- oder Oberschenkel. Finden Sie ins Gleichgewicht und heben Sie die gestreckten Arme über den Kopf. Verbinden Sie sich gedanklich mit Ihren biologischen Vorfahren, also mit all den Generationen vor Ihnen. Vergegenwärtigen Sie sich, wie all diese Menschen und ihre Leben einmünden in Ihren eigenen Körper, in diese Haltung, in diesen Moment. Mit jedem Atemzug spüren Sie dieses Wunder.
Der Blick ruht sanft auf einem Punkt am Horizont, während Sie Dankbarkeit in sich aufsteigen lassen: für die subtile genetische Gegenwart Ihrer Vorfahren in Ihren Muskeln, Ihren Knochen, Ihrem Blut. In diesen Genen liegt ein Großteil Ihres Poten­zials, weitergegeben von einer Generation zu nächsten und nun in Ihnen zur Entfaltung gelangt.

Atmen Sie tief und stellen Sie sich vor, wie Sie sich über die Zeit hinweg mit Ihren Urgroßmüttern und Urgroßvätern verbinden. Wenn Ihnen Geschichten zu einem dieser Menschen einfallen, dann richten Sie Ihre Aufmerksamkeit dorthin. Danken Sie ihr oder ihm für alle Freuden und Leiden, die sie durchlebt haben. Während Sie die Übung auf dem anderen Standbein wiederholen, verbinden Sie sich in Dankbarkeit mit Ihren Lehrern, Ihrer spirituellen Familie. Vergegenwärtigen Sie sich ihrer Weisheit und der Inspiration, die sie Ihnen vermittelt hat. Dabei wiederholen Sie innerlich das kraftvollste aller Mantras: Ich danke euch.


4. Eine zerbrochene Beziehung heilen in der
SCHULTERBRÜCKE

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In Setu Bandha Sarvangasana bauen Sie eine symbolische Brücke, die Ihnen hilft, eine schwierige Beziehung zu heilen. Das kann dabei helfen, Wut und Enttäuschung zu überwinden und zu mehr Mitgefühl, Vergebung und Anbindung zu finden. Vielleicht gelingt es Ihnen so besser, aus dem Herzen heraus zu handeln und mit der Zeit Ihre typischen Beziehungsmuster zu verändern.

So geht’s: Stimmen Sie sich zunächst gedanklich auf die Beziehung ein, die Sie heilen oder verbessern möchten. Vielleicht handelt es sich um eine schwierige Arbeitskollegin oder Ihren Ex. Vermeiden Sie es, gedanklich in die verschiedenen Aspekte des emotionalen Dramas einzusteigen. Stattdessen formulieren Sie eine positive Inten­tion, um eine Brücke zwischen Ihnen und der   betreffenden Person zu bauen. Dann stellen Sie in der Rückenlage die Beine an, heben langsam das Becken und bilden mit Rumpf und Beinen, mit Herz und Atem eine wunderschöne Brücke.
Weiten Sie den Atem in Bauch und Brust aus, um mehr Sensibilität zu wecken und Ihr Herz zu öffnen. Denken Sie mit Mitgefühl an die Person, derentwegen Sie die Brücke gebaut haben und erlauben Sie ihrem Gesicht, vor Ihrem inneren Auge zu erscheinen. Stellen Sie sich vor, wie die Brücke – und damit Ihr Verhältnis – mit jedem Atemzug repariert wird, wie sie mit jeder Ein- und Ausatmung stärker und stabiler wird. Dann senken Sie das Becken mit einer Ausatmung wieder ab und spüren der emotionalen Verbindung, die Sie durch dieses Ritual hergestellt haben, eine Weile nach.


SEAN JOHNSON ist nicht nur Yogalehrer, sondern auch ein bekannter Kirtan-Musiker (vertreten unter anderem auf unserer YOGA JOURNAL CD-Box „Yogi Beats“). Er unterrichtet Workshops und Lehrerausbildungen, die Hatha und Bhakti Yoga miteinander verbinden. www.wildlotusyoga.com

Der Berliner Illustrator und Künstler OLAF HAJEK verbindet folkloristische Elemente, florale Motive und verspielte Detailliebe zu farbenfrohen, phantastisch anmutenden Bilderwelten. www.olafhajek.com