Im Interview: Yoga-Aktivistin Karo Tak

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Karo Tak ist Aktivistin mit holländischen Wurzeln, Als Köchin der Sea Shepherds ist sie auf den Weltmeeren im Einsatz, ausserdem unterrichtet sie Jivamukti Yoga.

Karo, wann hast du begonnen, dich für Tiere zu engagieren?
Etwa mit acht Jahren. Zu Hause hatten wir immer Tiere. Ich bin in Holland aufgewachsen und erinnere mich an eine kleine Ziege, die auf einer Farm geschlachtet werden sollte. Meine automatische Reaktion war, das Zicklein zu befreien und mit nach Hause zu nehmen. Das Tier lebte eine ganze Weile bei uns, bis wir es auf eine Farm gaben, wo es sehr alt wurde. Ich war immer eine Aktivistin, denn ich hatte von klein auf das Gefühl, dass ich irgendetwas für die Welt tun bzw. dazu beitragen muss, dass sich etwas ändert. Meine Mutter sagt, dass meine ersten Worte „Ich mache es selbst!“ waren. Ich überlege nicht lange, ich mache es einfach.

Was motiviert dich?
Mein Engagement ist komplett auf Tiere ausgerichtet. Ich halte es in dieser Beziehung ganz mit Gandhi: Je schwächer und schutzloser ein Wesen ist, umso stärker ist es auf die Hilfe von Menschen angewiesen, um es vor deren Grausamkeit zu schützen. Da geht es um den Moment, in dem der Schlachter ein Tier erlegt, das sich nicht wehren kann. Um den Tiger, der in freier Wildbahn abgeschossen wird. Die Robbe, die totgeschlagen wird. Delfine, die harpuniert werden … Es schmerzt mich, solche Bilder zu sehen und treibt mich gleichzeitig an, meine Stimme zu erheben. Aber natürlich motiviert mich auch die Freude am Leben und die Liebe, die daraus hervorgeht. Das ist der Grund, warum ich morgens aufstehe: Weil ich mein Leben liebe. Aktivismus ist ein Fulltime-Job: Mich bewegen Themen wie Nahrung, Yoga, Tierschutz. Dafür lebe ich.

Gibt es einen Unterschied zwischen politisch-sozialem und spirituellem Aktivismus?
Ja, ganz sicher. Meines Erachtens basiert spiritueller Aktivismus in erster Linie auf Mitgefühl, das motivierende Gefühl ist positiv. Spiritueller Aktivismus dient dem Erreichen eines Ziels, er ist niemals gegen etwas gerichtet. Das ist der springende Punkt – die gewaltfreie Umsetzung einer Aktion
ohne Aggression, Wut und (Selbst-)Verletzung. Spiritueller Aktivismus geschieht aus reiner Liebe und tiefer Dankbarkeit für diese Empfindung. Die Aktivistin Sharon Gannon ist ein wundervolles Beispiel dafür. Sie sagt, dass starke Liebe alles möglich macht. Diese Liebe muss im Leben präsent und spürbar stärker als der Hass sein.

Was sind die Vorteile bzw. Nachteile veganer Ernährung?
Es gibt keine Nachteile, nur Vorteile. Wenn jemand davon überzeugt ist, dass eine vegane Ernährung Nachteile mit sich bringt, verfügt er einfach über zu wenig Information. Sogar Bodybuilder oder Boxer ernähren sich inzwischen rein pflanzlich und üben trotzdem Hochleistungssport aus. Alle essenziellen Vitamine und Spurenelemente sind bei einer ausgewogen veganen Ernährung enthalten. Ich denke, dass es am wichtigsten ist, sich gut zu informieren und bezüglich des Ernährungsthemas insgesamt weiterzubilden. Ein gutes (Koch-)Buch kann hier schon weiterhelfen. Es steht inzwischen eine Fülle an Information zur Verfügung.

Wie hast du zum Yoga gefunden?
Ich habe aus mir selbst heraus gespürt, dass eine neue Entwicklung ansteht. Zu jenem Zeitpunkt war ich als Chefköchin an Bord der „Bob Barker“ im Team von Sea Shepherd und wir waren auf dem Weg nach Sydney. Die Managerin des Schiffes gab den entscheidenden Hinweis, dass unsere Crew zu Gratis-Yogastunden eingeladen war. Eigentlich wollte ich nicht hin, aber die anderen ermutigten mich und ich probierte es aus. Auf dem Rückweg befand sich mein Leben bereits im kompletten Umbruch: Diese eine Yogastunde hat mich nachhaltig verändert. Anschließend ging alles rasend schnell: Am
2. August 2012 fand die erste Jivamukti-Klasse statt, am 31. August bestätigte Sharon Gannon bereits meine Anmeldung und im darauffolgenden Mai war ich Yogalehrerin. So viel zum Verlauf dieser „Reise“…

Deine Definition des „Spiritual Warrior”?
Der Spirituelle Krieger ist der innere Krieger. Durch eine spirituelle Praxis werden wir stärker, wenn der Körper kräftiger wird, wird es der Geist auch. In die reine Kraft zu kommen – das ist der Weg des Spirituellen Kriegers. Der Körper ist das Gefäß für Geist und Seele. Spirituelle Krieger verfügen über einen starken Körper und einen starken Geist. Yoga formt beides, nimmt Einfluss auf die gesamte Haltung und weckt das spirituelle Bewusstsein im Herzen.

Führt Yoga dazu, achtsamer und bewusster zu leben?
Ja – zweifellos! Mein Leben und meine Einstellung wurden durch Yoga komplett auf den Kopf gestellt. Jedes Mal, wenn wir praktizieren, setzen wir eine Intention. Dabei wird den Handlungen ganz bewusst ein Leitmotiv vorangestellt: „Warum bin ich gerade hier?“, „Was bewegt mich?“, „Was will ich erreichen?“. Ich begeistere mich so sehr dafür, weil ich an die starke Beziehung des Ahimsa-Prinzips in all unseren Handlungen glaube – nämlich kein Lebewesen durch Gedanken, Worte und Taten zu verletzen. Yoga und eine vegane Lebensweise ist mit praktizierter Achtsamkeit gleichzusetzen. Mein Yogastil betont sehr stark die individuelle Seele und „forciert“ deren Befreiung. Nomen est omen: Jivan Mukta bedeutet aus dem Sanskrit übersetzt befreite Seele.

Hilft Yoga, Ängste und alte Muster loszulassen?
Die Metapher ist vielleicht ein wenig schräg – aber Yoga funktioniert wie ein Mülleimer. Wenn man regelmäßig praktiziert, fördert man den ganzen angehäuften Schmutz zutage und alles wird ständig und zuverlässig entsorgt. Das Einzige, was man tun muss, ist, den Müll rauszubringen und vor die Türe zu stellen. Yoga hilft, vieles sprichwörtlich „herauszuschwitzen“ und auf der Matte auszutragen – ein großartiges Werkzeug für den eigenen Prozess. Ich denke, dass es eine gute Möglichkeit ist, seine Ängste zu erkennen und zu bewältigen. Jede Schwierigkeit und jede Herausforderung, die während der Praxis auftaucht, ist tatsächlich eine Chance – alles eine Frage der Betrachtung. Also: Keinen Schritt zurückgehen oder stagnieren, sondern tiefer in den Prozess eintauchen, weitergehen und sich fragen: Warum ist dies oder jenes eine Schwierigkeit? Es ist wichtig, sich diesen Empfindungen zu stellen, sie zu benennen und ihren Ursprung zu erforschen … das ist es, was Selbsterkenntnis ausmacht. Im Übrigen ist es viel schmerzhafter, unbewusst zu bleiben, die eigenen Muster und Blockaden nicht zu erkennen. Dadurch, dass die Hindernisse an die Oberfläche kommen, erhalten wir die Chance, sie loszuwerden. Der tiefere Sinn der Yogapraxis besteht darin, unsere Haltungen den Dingen gegenüber zu betrachten und eventuell zu verändern.

Hat Yoga deine Einstellung als Aktivistin verändert?
Yoga hat meine Haltung nicht verändert, sondern stärker gemacht. Ich bin keine Yogalehrerin, die Yoga unterrichtet. Ich bin eine Aktivistin, die Yoga unterrichtet – auf dem Weg zur spirituellen Aktivistin, die Yoga unterrichtet. Ich habe kein Interesse daran, ausschließlich Asana anzuleiten oder Pranayama. Als Aktivistin möchte ich Yoga aus dem Herzen unterrichten. Für mich ist die spirituelle Seite – besonders das Prinzip der Gewaltlosigkeit – ausschlaggebend. Die Intention ist dabei der Motor der Praxis: Du wirst aktiv und fokussiert, bist auf einen Gedanken ausgerichtet. Eine Sache hat sich allerdings grundlegend verändert, seit ich Yoga praktiziere: Ich denke nach, bevor ich spreche (lacht).

Welche Vision hast du für die Zukunft?
Mein Traum und großer Wunsch ist es, einen Ort zu finden – fernab der Zivilisation –, wo ich Retreats abhalten kann. Ich möchte dort den Menschen die vegane Ernährung vermitteln und sie in Verbindung mit der Natur bringen, besonders mit Tieren. Diese Beziehung soll die Basis ihrer Praxis werden. Allgemein ist mein Wunsch für die Zukunft, dass wir näher zusammenrücken und uns als Einheit betrachten. Gemeinsam können wir die Zerstörung und den Raubbau an der Natur verhindern.


Das gesamte Interview finden Sie im Heft 34.