Im Einklang mit Vernunft und Gefühl

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Quer durch alle Religionen und spirituellen Welterklärungsversuche finden sich ausgeklügelte Belohnungs- und Bestrafungssysteme für Mensch und Tier: rachsüchtige Götter, gutes und schlechtes Karma, verpatzte oder geglückte Wiedergeburten, ein jüngstes Gericht mit anschließendem Fegefeuer, der Hölle selbst oder ultimativ ewiges Leben im Paradies, Himmel oder Nirwana.

Von Michi Kern

All diese Systeme erheben den Anspruch, die Leute irgendwie zu guten Menschen werden zu lassen oder zumindest zum Wohlverhalten im Sinne des Erfinders zu bewegen, indem handfeste Vorteile versprochen werden – im Grunde durch Bestechung. Wer nicht an Anreize dieser Art glaubt, hat das Problem, dass er die Forderung nach ethischem Verhalten für sich selbst und andere anders begründen muss. Und was noch viel schwieriger ist: Man muss sich selbst und die anderen motivieren, sich ethisch gut zu verhalten oder sich zu engagieren. Im Reich der egoistischen Nutzenmaximierer (homo oeconomicus) ist das kein banales Problem. Was bringt es mir für einen Vorteil, wenn ich mich für andere einsetze, wenn ich teile oder auf etwas verzichte? Warum sollte ich das tun?

Die Philosophie versucht, mit Vernunft und rationalen Argumenten für mehr Ethik zu werben: Konfuzius setzte bereits 550 v. Chr. auf die goldene Regel, die wir heute noch in dem Sprichwort „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu“ verwenden. Läuft diese Formel wieder auf eine egoistische Nutzenidee hinaus oder kann sie einen haltbaren Deal auf Gegenseitigkeit, also soziales Handeln, begründen und durchsetzen? Was ist, wenn ich den anderen gar nicht brauche?

Der Buddhismus fordert universelles Mitgefühl. Ein uneingeschränktes und bedingungsloses Mitgefühl muss aber erst einmal entwickelt und dann auch durchgehalten werden. Die Menschheit müsste kollektiv meditieren.

Immanuel Kant entwickelte aus diesen Widersprüchlichkeiten heraus den berühmten kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines eigenen Willens stets zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Kant war der Meinung, unmoralisches Verhalten mache schlicht unmündig und unfrei. Moral ist ein Gebot der Selbstachtung, von dem letztlich unsere Freiheit abhängt.

Richard Rorty dagegen, ein zeitgenössischer amerikanischer Philosoph, lässt alle Hoffnung auf die Vernunft fahren und behauptet, einzig und allein rührselige Geschichten brächten uns Menschen dazu, Mitleid zu haben. Und nur akutes Mitleid – nicht abstraktes Mitgefühl – würde uns dazu bewegen, unser egoistisches Verhalten zu ändern und solidarisch zu handeln.

Jürgen Habermas gibt Rorty im Grunde Recht, ergänzt aber sicherheitshalber, dass die schwache Kraft der Vernunft stets der starken Kraft des gesetzten Rechts bedarf.

Wir sehen hier also mindestens vier Ansätze, die zu ethischem Verhalten führen könnten: Glaube, Vernunft, Gefühl oder Gesetz. Leider scheitern alle auf ihre Weise.

Die Frage lautet also nach wie vor, wie eine freiwillige Motivation zu sozialer Verantwortung oder gar ein Engagement für Gerechtigkeit, erreicht und erhalten werden kann. Gibt es Konzepte, die über den engsten Freundes- und Verwandtenkreis hinaus wirksam sind und die vielleicht sogar kommenden Generationen ein gutes Leben ermöglichen möchten?

Nun gibt es ja durchaus einige gelungene Aktivitäten, die zu einer besseren Welt beigetragen haben: die Sklavenbefreiung, diverse Bürgerrechtsbewegungen, Tierrechtsaktionen, der Kampf gegen die Apartheid oder die Durchsetzung von Frauenrechten – um nur einige zu nennen. Aus yogischer Sicht weisen all diese Beispiele einige wesentliche Gemeinsamkeiten auf: Am Anfang stand immer die Ausweitung der eigenen Wahrnehmung auf die Situation und das Leid des Anderen, das „Sich-In-Andere-Hineinversetzen“. Es entstand eine Offenheit für Neues und Unerwartetes, die Bereitschaft zu lernen und zuzuhören, das Interesse, sich zu entwickeln und sich selbst zu verändern, die Kultivierung von Mitgefühl und persönlichem Mut, der Blick auf die Konsequenzen des eigenen, täglichen Verhaltens.

Stück für Stück verändert sich unsere Mentalität und unsere Art zu denken und zu fühlen. Daraus kann eine starke Handlungsmotivation erwachsen. Das ist sozusagen das kleine Einmaleins des Yoga. Doch es ist nur die halbe Miete – nämlich die Antwort auf die Frage, weshalb wir handeln sollen.

Das „Wie?“ ist damit leider noch nicht geklärt. Um gesellschaftlich wirksam zu sein, fehlt etwas, das nicht unbedingt in unseren Yogabüchern steht: Man muss gleichberechtigt diskutieren, sich vernetzen und informieren, Probleme intensiv studieren, leidenschaftlich und fair für eine Sache streiten, sich dabei exponieren, Menschen rational überzeugen und Kompromisse aushandeln, Pluralismus und Demokratie verstehen, offen sein für Kritik am eigenen Standpunkt, intelligent nachdenken, solidarisch sein und Verantwortung übernehmen.

Denkt man den Yogaweg konsequent zu Ende, könnte er auf jeden Fall eine gute Ausgangsposition schaffen: Durch die Sensibilisierung für Gewalt und Egoismus, sowie die Möglichkeit, andere und anderes überhaupt zu „sehen“, werden wir offen für Neues. Das wäre sozusagen das „Agenda Setting“, der Sprung über unsere Wahrnehmungsschwelle, das Abschütteln der eigenen Gleichgültigkeit, Faulheit und Feigheit. Danach muss (gemeinsam mit anderen) das rationale Nachdenken einsetzen, wie die Welt konkret besser werden kann. Das wäre in der Tat eine gelungene Verbindung von Vernunft und Gefühl. Oder wie B.K.S. Iyengar sagt: „Der Geist muss schwitzen wie der Körper“. Aus diesem Bündnis könnte gesellschaftlich engagiertes Handeln entstehen.


Michi Kern lebt und unterrichtet als Jivamukti-Yoga-Aktivist in München. Neben Yogastudios betreibt er diverse Clubs sowie Restaurants und studiert Philosophie.

Titelbild via unsplash.com // Pablo Garcia Saldana

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