Die Hüllen fallen lassen – Illusion vs. wahres Ich

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„ Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur viel zu selten dazu.“ Mit diesem Song hat Udo Lindenberg während seines Alters-Comebacks einen echten Hit gelandet und gleichzeitig ein Lebensgefühl angesprochen, das viele Frauen und Männer, egal in welcher Lebensphase sie stecken, nur zu gut kennen. Das Zitat stammt übrigens nicht von Udo, sondern von dem österreichisch-ungarischen Schriftsteller Ödön von Horváth. Der hatte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts darüber philosophiert, dass es noch etwas Anderes, vielleicht Authentischeres gibt, als das, was wir tagtäglich leben und vorgeben zu sein. Wenn man es hart ausdrücken will, könnte man sagen: Wir leben und verkörpern unsere Illusionen und verstecken unser wahres Ich dahinter; manchmal bewusst, meist aber unbewusst. Könnte das der Grund dafür sein, dass man so oft den Spruch hört: „Eigentlich geht’s mir ganz gut…“, und danach folgt dann meist lautlos oder ausgesprochen ein Wenn oder Aber?

Uneingeschränkte Aufrichtigkeit
Was müsste passieren, damit man eine Befindlichkeitsbeschreibung nicht einschränken muss, sondern aus vollem Herzen sagen könnte: „Mir geht es gut, mir geht es sogar sehr gut“? Warum hört man das so selten? Ist es feinfühlige Rücksichtnahme für den Fall, dass es dem Gegenüber möglicherweise im Augenblick nicht so gut geht? Oder trauen wir uns nicht, unsere Freude und unseren Stolz über ein gutes und schönes Lebensgefühl auszusprechen, aus Angst und Sorge, dass es damit bald wieder vorbei sein könnte? Oder – das wäre die schlechtere Variante – es geht uns gar nicht so toll und wir wollen nicht, dass andere Menschen das mitbekommen. Ist es nicht so, dass wir in einigen Lebensbereichen einfach eine Illusion leben?

Die Illusion – Maya
Sigmund Freud hat es schon früh erkannt: „Illusionen empfehlen sich dadurch, dass sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen genießen lassen.“ Auch im Yoga ist die Bedeutung der Illusion eindringlich beschrieben. Bei Patanjali und im Vedanta finden wir Erklärungen, die das Verständnis erleichtern und auch Swami Sivananda hat sich ausführlich mit dem Phänomen Illusion auseinandergesetzt, das in der indischen Philosophie als „Maya“ bekannt ist. Maya steht für Schein, äußerer Schein, Täuschung, aber auch für Kraft, ja sogar göttliche Kraft. Maya gaukelt einem alles Mögliche vor und manchmal kann man nicht mehr unterscheiden zwischen Wirklichkeit und Wunschdenken. Sie kennen das: „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“

Die Macht der Gewohnheit
Es gibt verschiedene Arten von Maya. Oft denkt man, man bräuchte nur noch dieses oder jenes, um zufriedener zu sein. „Wenn ich so sein könnten wie …, dann wäre ich endlich glücklich.“ Vergessen Sie es! Alles Selbst­äuschung, Maya, Illusion. Dieses „Ganz-anders-sein“ ist wahrscheinlich sowieso nicht ganz so radikal gemeint, wie es klingt. Wir können ja nicht einfach aus unserer Haut heraus und so smart und cool sein wie George Glooney und Brad Pitt oder so erfolgreich und sexy wie Angelina Jolie und Helene Fischer. Wir müssen mit unserer körperlichen Hülle leben. Bei einem erwachsenen Menschen ist der Wesenskern in aller Regel so ausgeprägt und stabil, dass fundamentale Veränderungen nur eingeschränkt möglich sind. Die Macht der Gewohnheiten und Begrenzungen hat über die Jahre ihre Spuren hinterlassen, hat Charakter und Verhaltensmuster geformt.


Den gesamten Artikel von Gerrit Kirstein lesen Sie im YOGA JOURNAL 4/15