Good vibrations zuhause

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Mehr Konzentration und Stille in den eigenen vier Wänden. Verwandeln Sie mit einfachen Mitteln einen Teil Ihrer Wohnung in einen kleinen Tempel für Ihre Meditations- und Yoga-Praxis.

Text: Ralf Sturm – Fotos: Patrick Lenninger

Aus zwei Gründen ist es einfacher, im Yoga-Studio zu üben als zu Hause. Erstens: Man muss sich aufraffen. Unter der Woche fällt es oft schwer, sich Zeit für die eigene Praxis zu nehmen. Ein fester Termin an einem ganz bestimmten Ort hilft sehr beim regelmäßigen Üben. Dann ist da noch die besondere Atmosphäre im Yoga-Raum: Auch wenn manche Yoga-Studios auf Schlichtheit schwören, fällt es einem doch leichter, sich zu konzentrieren, wenn irgendwo im Raum eine kleine Buddha-Statue oder ein Bild von Shiva den Weg zur Stille weist.

Genau das kann man auch zu Hause erreichen. So wie das Singen eines Mantras den Geist zur Ruhe führt, so lassen sich alle Sinne mit einfachen Mitteln ansprechen und beruhigen. Genau so wie ein heißes Bad sich schöner anfühlt, wenn eine Kerze brennt, so können Sie auch für Ihre persönliche Yoga-Zeit einen ganz besonderen Raum schaffen.

Ganesha – So räumen Sie Hindernisse aus dem Weg

Welche Hindernisse gibt es, die Sie vom regelmäßigen Üben zuhause abhalten, oder Sie bei der Meditation in den eigenen vier Wänden nicht die gleiche Stille erfahren lassen wie im Yoga-Studio? Viele brauchen die Umgebung des Studios, um sich konzentrieren zu können. Denn in der eigenen Wohnung gibt es immer etwas, das einen ablenkt. Warum nicht jemanden einladen, der all das beiseite räumt? Denn egal, wie bescheiden der Raum in der Wohnung ist: Für einen Elefanten ist immer Platz.

Ganesha, die Gottheit mit dem gemütlichen Bauch und dem Elefantenkopf, ist weit über Indien hinaus bekannt als der, der Hindernisse aus dem Weg räumt. Wenn wir ihn mit seiner stabilen Statur und seinem starken Rüssel anschauen, bekommen wir ein inneres Bild von Kraft. Die Abbildung seiner Wesenszüge dient uns, diese Möglichkeiten in unserem eigenen Wesen zu sehen. Wenn ein Ganesha auf unserer Fensterbank – oder noch besser: auf unserem eigenen Altar – steht, dann erinnert uns diese Figur an diesen Teil unserer Persönlichkeit, der stets da ist und den wir nur aktivieren müssen. Indem wir die Yogamatte ausrollen.

Aller Anfang ist leicht – mit einem Elefanten vor den Augen. Das Schmunzeln bei seinem Anblick gibt Frische und Energie. Im indischen Pantheon steht Ganesha auch für den guten Beginn aller Aktivitäten. Mit dem kurzen Mantra „Om Gam Ganapathaye Namah“ auf den Lippen erklären wir laut uns selbst gegenüber, dass wir Kraft haben. Das funktioniert auch über die Yogamatte hinaus. Ein kleiner Altar in der Ecke des Raumes, in dem wir Asanas üben, beflügelt unsere home practice.

Wir können diese zusätzliche Energie auch für die Geschäfte unseres Alltags nutzen. Im asiatischen Raum wedeln die Ladenbesitzer zu Beginn des Tages einige Male mit Räucherstäbchen vor der Elefantenfigur. Damit drücken sie Respekt vor der Schönheit der Schöpfung aus – und erledigen gleich nebenbei schon mal ein paar Bestellungen beim Universum.

Krishna und Lakshmi – Fülle ins Leben bringen

Menschen, denen die Dinge zufallen, können es sich leisten, großzügig zu sein. In der indischen Tradition des Sanatana Dharma gilt dieses Prinzip auch umgekehrt. Wer großzügig ist, dem fällt Wohlstand zu. Die Göttin Lakshmi und ihre männliches Entsprechung Vishnu (meist in seiner Inkarnation als Krishna) verkörpern Fülle und Fruchtbarkeit. Auf dem Altar platziert kann man ihnen stets eine kleine Gabe schenken, eine Kerze oder eine Schale Milch – bevor die Katze sie dann schnappt und sich göttlich darüber freut. Jedes Mal, wenn man solche „rituellen“ Handlungen ausführt, hinterlassen sie einen kleinen Eindruck im Geist, der ungefähr lautet: „Ich kann es mir leisten.“ Auf diese Weise lernt man, wie viel man anderen schenken kann. Stehen sie auf dem Hausaltar, erinnern sie immer wieder daran, wie zufrieden man sein kann, und dass vielleicht sogar größere Kräfte für einen sorgen, als der Verstand zu erfassen in der Lage ist. Bhakti – die Hingabe an das Leben wächst mit jedem Gedanken an solche Energien.

Shiva Nataraj – Den Tanz des Universums tanzen

Setzen Sie sich in der eigenen Wohnung zur Meditation, dann gibt es unter Umständen noch einiges um Sie herum, das zu erledigen wichtig scheint, und vom Stillwerden ablenkt. Ein Bild von Shiva auf dem Altar erinnert daran, dass auf dem Weg des Yoga nicht alles immer so wesentlich ist, wie es aussieht. Deshalb lieben selbst kühle Raja-Yogis die Verehrung des Göttlichen in Shiva. In seiner sitzenden Form kann man ihn darum bitten, ablenkende Gedanken auf dem Weg in die Meditation aufzulösen. Tritt er als Nataraj – den Tanz des Universums tanzend – auf,  dann inspiriert er beim Üben der Asanas dazu, alte Ideen über die Grenzen des Körpers fallen zu lassen. Mit Shiva auf dem Altar kann man sich erlauben, auch bisher ungewohnte Haltungen mit dem Körper einzunehmen, auf die neue Möglichkeiten des Denkens und Fühlens folgen können.

Ein Platz für die Götter

Für den Anfang brauchen Sie nicht viel. Eine Kiste oder sogar ein paar Kartons können für den Anfang genügen. Mit einem schönen Tuch abgedeckt wird daraus ein erhabener kleiner Altar. Dem Ausschmücken sind keine Grenzen gesetzt. Auch was Sie alles darauf platzieren, bleibt Ihnen überlassen. Lassen Sie ihrer Phantasie freien Lauf, und wählen Sie, was Sie selbst berührt.

Egal, für welche Symbole oder „Begleiter“ Sie sich auf ihrem Altar entscheiden – behandeln Sie sie so wie Gäste in Ihrer Wohnung. Dann fühlen sie sich bei Ihnen auch wie zu Hause. Die Murtis – so nennt man die Figuren, die es in den verschiedensten Größen und Ausführungen zu kaufen gibt – kann man immer so schmücken, dass alle fünf Sinne angesprochen werden. In der Bhakti-Tradition nennt man das „Aufladen“.

Der Geruchssinn wird mit einem Räucherstäbchen verwöhnt. Vielleicht auch mit ein paar frischen Blüten oder Blütenblättern, die gleichzeitig das Auge erfreuen. Eine kleine Klangschale, eine Klingel oder Zimbeln kann man vor der Meditation nutzen, um sich über den Ton zu zentrieren, und mit dem Ausklingen des Gongs in die Stille zu gehen. Für den Geschmack stellt man frisches Obst oder ein paar Nüsse zu ihnen. Wenn vor Ganesha Süßigkeiten liegen, dann kann man sicher sein, dass er im Raum ist. Selbstverständlich darf man die Opfergaben, das Prasad, später auch selbst essen. Krishna-Verehrer schwenken ihre Speisen stets einige Male vor dem Altar, bevor sie diese selber kosten.

Ein Altar ist immer ein erfrischender Ort für Achtsamkeit und Besinnung. Ihn zu verschönern kann in sich selbst eine Meditation sein, die etwas Ruhe im Alltag schenkt. Dann lädt er auch zwischendurch immer wieder zum kurzen Auftanken ein.

Rituale – Ein Fest für die Sinne

Im Bhakti-Yoga nehmen Rituale wie Pujas (Opferrituale) oder Feuerzeremonien einen großen Raum ein. Obwohl sie in der Tradition der Brahmanen zu bestimmten Anlässen streng reglementiert sind, kann man sie auch leicht in freier Form zuhause feiern. Die äußeren Tätigkeiten bei einer Puja dienen dem Anregen positiver Gedanken und Gefühle. Es geht nicht um eine formvollendete Verehrung von Stein- oder Metallfiguren, sondern darum, das Wesentliche im eigenen Herzen lebendig zu machen. Auch Kindern macht das oft großen Spaß.


Ralf Sturm lebt und arbeitet im Yoga Vidya Seminarhaus in Bad Meinberg (www.yoga-vidya.de). Regelmäßig schreibt er für das Yoga Journal die Rubrik „Leben von den Göttern“.

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