Gongmeditation: Woher kommt der Gong?

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Ihr Klang ist nicht von dieser Welt: Das Zusammenspiel mehrerer Gongs ist eines der kraftvollsten Hilfsmittel zur Meditation. Dass die Herstellung der Instrumente schwere,  fokussierte Handarbeit ist, erlebte der Gongspieler und Yogalehrer Satya Singh bei einem Besuch der Gong-Manufaktur Paiste in Norddeutschland.

Sommer 2009 in Berlin: Auf dem weitläufigen Gelände des großen Yogafestivals am Wannsee herrscht Woodstock-Atmosphäre. Mit acht weiteren Yogalehrern und Gongspielern werde ich in wenigen Minuten im großen Zelt eine Gongmeditation spielen. Die neun Gongs auf der Bühne sollen das Zelt in einen Klangteppich verwandeln. Auf ihren bunten Matten drängen sich die Besucher am Boden und blicken in gespannter Erwartung zu uns auf die Bühne.

Ein elementarer Teil von Yoga ist die Meditation. Seit Alters her haben die Aspiranten ihre Schwierigkeiten damit, die Gedanken im Geist zu beruhigen. Ein kraftvolles Hilfsmittel ist hierzu der Gong. Seit ich vor vielen Jahren auf einem Yogafestival in Frankreich zum ersten Mal mit Gongmeditation in Berührung kam, fasziniert mich die magische Anziehungskraft dieses Klangs. Damals spielte Nanak Dev Singh, der später mein Lehrer wurde, den Gong. Vor über fünf Jahren durfte ich mit meiner damaligen Ausbildungsgruppe erstmals die Gong-Manufaktur von Paiste im norddeutschen Rendsburg besuchen. Der mittelständische Instrumentenbauer, seit 1901 geführt von der estnischstämmigen Paiste-Familie, spezialisierte sich auf Cymbals (Becken) und Gongs. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlug es die Nachfahren des Gründers Michail Toomas Paiste zunächst nach Rendsburg, später nach Nottwil in der Schweiz. Dort liegt heute der Hauptsitz der Firma, in Rendsburg findet jedoch die Hauptproduktion der Becken statt. Nach wie vor ist Paiste ein Familienunternehmen.

Nur wenigen Gruppen pro Jahr öffnet der renommierte Gonghersteller seine Türen, damit sie sich direkt einen der begehrten Paiste-Gongs auswählen können. Man sagt auch, dass der Gong sich seinen Spieler wählt. Die Herstellung dieser alten und seltenen Instrumente erfolgt traditionell in schwerer Handarbeit. Die wortkargen Männer beherrschen perfekt die Kunst, aus einer silbernen Metallscheibe einen exakt gestimmten Gong zu hämmern. Jedes ihrer Werkzeuge ist ein handgemachtes Unikat. Sie bringen die Scheibe zum Glühen und hämmern mit gezielten, kräftigen Schlägen den nach hinten gebogenen Rand. Der dadurch entstandene Rohling sieht aus wie der überdimensionale Kronkorken einer Bierflasche.

Pures Handwerk
Die Gongherstellung ist eine schwere und schweißtreibende Arbeit. In der Manufaktur erinnert nichts an den filigranen Klang der späteren Instrumente, der niemanden wirklich kalt lässt. Zahlreiche fertige und halbfertige Instrumente hängen in Reihen angeordnet an der Wand, darunter auch der größte spielbare Gong der Welt. Mit seinen gut zwei Metern Durchmesser beeindruckt er jeden Besucher.

Die Gongbauer selbst sagen auf Nachfrage, dass sie noch nie gehört haben, was wir mit ihren fein gestimmten Gongs bewirken. Ihre Arbeit endet an dem Punkt, wo der Gong den Werkraum verlässt. Die Verbindung von Yoga und dem Gongspiel ist ihnen fremd. Es interessiert sie auch nicht weiter. Und doch sind es die gleichen Männer, die absolut fokussiert mit ihrem feinen Gehör die Instrumente stimmen. Jeder Gong erhält so viele Hammerschläge wie nötig, keinen mehr. Moderne Elektronik, Computer und Software sucht man hier vergebens. Ein einfaches, altes Gerät bestätigt dem Gongmeister final, dass die von ihm und seinem Team gestimmte Klangfrequenz passt. So verlassen pro Woche nur wenige der begehrten Instrumente den Werkraum.

„Der Gong ist der Kern des Klangs.“ Das sagte Yogi Bhajan, der Meister des Kundalini Yoga. Wir spielen unseren Gong nach seiner Tradition, wie er sie nur einer Handvoll Schülern persönlich weitergab. Einer von ihnen ist Nanak Dev Singh, bei dem ich meine Ausbildung durchlief. Der Gong legt die Gedankenwellen der Teilnehmer einer Meditation still, ganz nach den Worten Patanjalis: „Yogas chittá vritti nirhoda – Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Gedanken im Geist.“ Unser Gongspiel ist so kraftvoll, der Klangteppich so stark, dass die Meditierenden die Klangwellen in ihrem Körper spüren können. Wenn es ihnen gelingt, völlig die Kontrolle über ihr Selbst loszulassen, kommen sie in den Zustand der Trance. Ihre Gehirnwellen verlangsamen sich, die Gedanken stehen still, Energie durchströmt ihre Körper.

Yogi Bhajan sagte dazu: „The gong is not sound, the gong is resound.“ Klang und Widerhall. „Wenn du in die Berge gehst und nur ein Wort rufst, wird das Echo tausendmal mehr erschallen und tausend Meilen weiter klingen. Das ist die Kraft des widerklingenden Sounds. Wir nennen es ‚Anahad‘, den absoluten Klang ohne Grenzen.“ Der Gong klingt nicht durch den einzelnen Schlag des Spielers, er ertönt durch den Sound, der vom letzten Schlag zurückkommt. Mit ihm vermischt er sich zu einem neuen Klang. Und mit jedem einzelnen Gongschlag addiert sich der Widerklang des Gongs zu einem Klangraum, der die Meditierenden trägt – der „Resound“. Er ist nicht vorhersehbar, er bedient kein Muster und verwirrt die Zuhörer. Ihr Verstand weiß ihn nicht einzuordnen. Der Gong durchbricht die Klangmuster der Teilnehmer und öffnet sie dadurch.

Seit einigen Jahren wird der Gong zunehmend als Möglichkeit entdeckt, die Teilnehmer einer Meditation zu ihrem Ursprung, dem eigenen „Urton“, zu führen. Die Frequenz des Gongs ist das Om oder Aum. Durch ihn erhalten wir die Chance, uns mit unserem Urton zu verbinden. In der yogischen Lehre heißt es, dass das Universum aus Klang erschaffen sei und sich alles in Frequenzen widerspiegele. Jenseits alles Physischen begann die Schöpfung mit einer Vibration. In der christlichen Bibel heißt es: „Am Anfang war das Wort.“ In der Yogalehre ist dies „Naad“, der Klang. Wissenschaftler nennen es „kosmische Strahlung“ – der konstante Klang, der vom Urknall übrig ist. In diesem Zusammenhang stellt die Gong-Manufaktur Paiste ihre „Planetengongs“ auf Basis von Berechnungen des Mathematikers Hans Cousto her – jeden in der Frequenz des zugehörigen Planeten.

Der weisse Sound
Beim Yogafestival Berlin bereitet Nanak Dev Singh die Festivalgäste im großen Zelt mit einer kräftigen Übungsreihe aus dem Kundalini Yoga auf die Gongmeditation vor. Der Fokus liegt im dritten Energiezentrum, dem Manipura-Chakra. Es steht für innere Stärke, Kraft, Selbstbewusstsein, Fülle und Durchsetzungsvermögen. Damit ausgestattet und aufgeweckt, sind die Teilnehmer bestens für die Wirkung des Gongs vorbereitet. Sie legen sich flach auf den Rücken in Shavasana, decken sich zu und entspannen sich. Wir spielen die ersten Töne der Gongs, die noch ganz leise klingen und doch bereits beginnen, den Klangteppich auszubreiten.

„Spüre den Energiefluss der Gruppe und schaffe den Energiefluss, der vom Gong ausgeht“, sagt Nanak Dev. „Du selbst bist als Gongspieler nur ein hauchdünnes Papier. Du reagierst nicht. Durch dieses hauchdünne Medium nimmt dein Bewusstsein Informationen auf, die genutzt werden, um die Meditation zu führen.“ Seitdem weiß ich: Je reiner mein Bewusstsein ist, je fokussierter ich spiele, desto reiner sind die Informationen, die durch mein Nervensystem gehen und sich im Gongspiel manifestieren. Diese Reinheit ist wichtig, um sich auf die Schwingungen der energetischen Blockaden – alte Muster, Verletzungen oder Krankheiten – der Teilnehmer einzustimmen und sie zu neutralisieren. Als Yogalehrer und Gongspieler bin ich nur ein Kanal, der die Informationen und Schwingungen der Teilnehmer aufnimmt und sie in der entgegengesetzten Richtung wieder abgibt.

Langsam kommen in Berlin die neun Gongs zu ihrem Höhepunkt – dem „weißen Sound“. Er ertönt klar und rein, ist pure Kraft, nichts kann ihm widerstehen. Die Lautstärke ist für viele unbeschreiblich. Dieser Sound ist Anahad. „Er vibriert, erschafft Licht und Leben“, so Yogi Bhajan. Ich fokussiere all meine Konzentration auf den Gong und halte die Energie.
Nach dem weißen Sound sind viele Teilnehmer völlig offen. Alte Muster und Blockaden wurden gelöst. Wir lassen unsere mächtigen Instrumente in langen Wellen ausklingen und führen die Meditierenden wieder zurück. In dieser Phase bringen wir unsere Schüler wie Bergführer vom Gipfel wieder sicher zurück ins Tal. Manche Teilnehmer kämpften innerlich mit dem Gong. Die Hingabe zu ihm bedeutet das Loslassen der Kontrolle über sich selbst. Der eine oder andere Verstand möchte diese Kontrolle nicht abgeben.

Kopf, Brust und Bauch
Einer der Gongbauer bei Paiste fragt mich: „Warum nennt ihr den Höhepunkt des Gongs‚ weißer Sound‘?“ Wenn seine Energie am stärksten ist, die Lautstärke und Frequenz am höchsten sind, sprechen wir vom „weißen Sound“. Er ist mit direktem Sonnenlicht vergleichbar, das ohne Brechung auf uns strahlt. Es ist weiß, klar und bringt die höchste, reinste Energie mit sich. Der Gongbauer findet dies offensichtlich spannend. Und doch sind ihm Yoga und Meditation eher fremd. Mit einer Zigarette im Mund erklärt er mir die Frequenz der drei Sound Creation-Gongs „Kopf“, „Brust“ und „Bauch“. Diese Gongs sind nach der Frequenz des Kopfes, der Brust und des Bauches gestimmt und werden auch so aufgehängt. Der „Kopf“-Gong ist der kleinste, seine Frequenz ist am schnellsten, er tönt am höchsten. Der Brustbereich mit dem Klangraum des Brustkorbes entspricht einer mittleren Frequenz und soll diesen
Teil des Körpers aktivieren und öffnen. Der „Bauch“-Gong aktiviert den Klangraum zwischen Bauchnabel und Becken. Er ist der größte des Dreier-Ensembles und klingt am tiefsten, womit die Frequenz am langsamsten schwingt.

Sein Kollege rollt gerade einen Gong auf seiner Kante durch den Raum. Mir kommt der Gedanke, wie unterschiedlich wir doch alle sind. Hier der ehrfürchtige Gongspieler und Yogalehrer, der es kaum wagt, seinen Gong anzufassen, geschweige denn, ihn auf der Kante zu rollen. Dort der handwerklich geniale Gongbauer, dessen Aufgabe mit der Fertigstellung dieser mächtigen Instrumente endet. Auf ihren weiteren Weg hat er keinen Einfluss. Dieser führt keineswegs nur zu Yoga und  Meditation: Er stellt sie auch für Symphonie-Musiker und Heavy Metal-Schlagzeuger wie beispielsweise Nicko McBrain von Iron Maiden her. Berühmte Paiste-Gong-Sequenzen aus der Rockmusik finden wir unter anderem bei Queen im Song „Bohemian Rhapsody“ oder Led Zeppelins „What Is And What Should Never Be.“


Gong_paisteMehr Infos über den Gong, Meditation und Wirkung finden sich unter www.gongmeditation.de.
Autor: Satya Singh A.J. Renner; Fotos: Lucie Jansch