Frauen lieben Yoga – und was ist mit den Männern?

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Betrachtungen eines bewegten Mannes.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Die meisten Männer haben null Bock auf Yoga. „Weiberkram“, „komische Verrenkungen, „unmännlich“, „für Weicheier, nichts für richtige Kerle“, das sind typische Aussagen deutscher Männer.
 Mann oh Mann – wisst ihr „Kerle“ eigentlich was euch entgeht? Könnt ihr es euch leisten, so ignorant zu sein? Habt ihr euch schon mal richtig mit Yoga befasst?

Ich habe es schon immer geahnt und eigentlich auch gewusst. Frauen sind intelligenter und feinfühliger – was ihren Körper und ihre Gesundheit betrifft. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass sie selbst Leben schenken können und deshalb einen anderen, tieferen Bezug zu den Dingen haben, die für das Leben wichtig sind und dem Körper gut tun.
Männer lieben vor allem Fußball und andere Ballspiele, außerdem Motorsport, Boxen, Leichtathletik. Genauso wie ich auch.  Aktivitäten, bei denen es „zur Sache geht.“ Wo es Wettbewerb und Sieger gibt. Wo man Aggressionen ausagieren darf und in seinem vermeintlichen Mann-Sein bestätigt wird. Und wo man die tiefen Gefühle, die man letztlich doch irgendwo versteckt hat, schützen und bewahren kann.
Aber reicht das? Ist das wirklich befriedigend? Was ist mit dem Herz und mit der Seele? Fühlt ein Mann so etwas? Glaubt er daran? Ist ihm das wichtig? Warum haben so viele Männer Probleme in ihren Beziehungen? Was fehlt ihnen, um die wertvollen Beiträge in die Beziehung einzubringen, die auch die Partnerin und die Familie erfreuen, sie zufrieden sein lassen und die Verbindungen bereichern und stärken?

Männliche Sehnsüchte
Männer wollen vor allem anerkannt, verwöhnt, bedient, glücklich gemacht werden. Das ist meine langjährige Beobachtung. Und ich kenne das nur zu gut. Tief im Inneren sind viele von uns doch kleine Jungs geblieben, die mit erwartungsvollen Augen den mütterlichen Teil in ihren Frauen und Freundinnen suchen und dabei hoffen, dass sie Verständnis, Aufmerksamkeit und Zuwendung finden. Von den Machos, dieser besonderen Spezies, die Frauen umgarnen und bedienen, um sie dann zu benutzen, möchte ich hier nicht sprechen. Das ist ein Kapitel für sich.
Fakt ist, der ewig lebendige, ängstliche und oft frustrierte kleine Junge, den viele Männer in sich tragen, wird sorgsam behütet und versteckt. Frei nach der Operette „Land des Lächelns“ von Franz Lehar „…denn wie‘s da drin aussieht, geht niemand was an.“
Ach, und bevor ich es vergesse: Männer mögen es überhaupt nicht, in Konkurrenz zu Frauen zu treten. Da könnte man ja etwas von ihren Schwächen sehen, da würden sie sich möglicherweise nicht mehr so toll und überlegen finden. Und das kann im Yogastudio tatsächlich passieren. Ich habe es selbst oft genug erlebt; als einziger „Quotenmann“ unter 10-15 Yoginis. Das ist irgendwie doof. Da muss man schon viel Selbstbewusstsein und Coolness mitbringen, um sich ganz auf die eigene Matte konzentrieren zu können. Denn wenn man nach rechts oder links schaut, kann das ziemlich frustrierend sein. Die beweglichen, zum Teil sexy Körper,  die geschmeidigen Bewegungen sowie die entrückte Hingabe und Ernsthaftigkeit, mit der Frauen die Asanas ausführen.
Und was macht der Mann? Vorwärtsbeuge gestreckt, egal ob sitzend oder stehend, Hände zum Boden oder zu den Füßen? Niente! Geht nicht. Aber immerhin, die Wade und manchmal sogar die Fußknöchel werden erreicht. Lotussitz? Oh Gott! Wie machen die Frauen das, dass sie ihre Füße auf die Oberschenkel legen können? Drehsitz? Oft hatte ich danach Probleme mit dem Umdrehen beim Rückwärtsfahren im Auto. Vielleicht klappt es ja im nächsten Leben. Hätte ich doch bloß auf meinen Vater gehört; der wollte früher, dass ich zum Turnen gehe. Aber ich wollte lieber Fußball spielen. Das hab ich nun davon, Muskeln und Sehnen sind verkürzt, ich fühle mich steif und unbeweglich und bin es noch immer; obwohl sich meine Mobilität dank Yoga schon erheblich verbessert hat.

Yoga in der Männergruppe?
Eine Yoga-Männergruppe, das wär’s. Dann bräuchte man sich nicht zu outen und zu blamieren und wäre unter Gleichgesinnten oder besser gesagt Gleichbeschränkten. Wobei ich das nicht auf den Intellekt, sondern ausschließlich auf den Körper beziehe. Aber Männergruppe? Stell dir vor, das kriegt jemand mit. Die halten mich vielleicht für …  Ich kann doch nicht meinen Ruf riskieren. Wer bin ich denn? Das könnte man durch Yoga irgendwann erfahren, aber ehrlich gesagt, eigentlich wollt ich’s gar nicht wissen.
Gott sei Dank gibt’s ja auch noch die Atmung. Das kann Mann, das geht. Atmen kann jeder, funktioniert ganz von allein. Aber atmen und dabei meditieren? Still sitzen, regungslos und gedankenlos? Ganz bei sich bleibend, versunken im Inneren?  Wie schräg ist das denn? Ich bin ein Mann! Ich muss was tun! Ich hab‘ keine Zeit und keinen Bock tatenlos rumzusitzen und darauf zu warten, bis meine Erleuchtung kommt. Und vielleicht kommt sie ja auch gar nicht. Und was dann? Also nee, bloß nicht. Meditation ist nichts für einen richtigen Kerl. Da kommt Unruhe auf, komische  Gedanken, da müsste ich mich ja mit mir selbst befassen. Kannste vergessen. Nein, danke.
Ja, so sind sie die Männer. Pardon, natürlich nicht alle. Es gibt ein paar Exoten und langsam werden es mehr, die aus dem Rahmen fallen und mit Begeisterung und Freude Yoga praktizieren. Sie haben entdeckt, wie sehr der Yoga ihren Lebensweg bereichert und neuen Sinn schenkt. Aber die große Mehrheit der Männer hat mit Yoga nichts am Hut. Der Männeranteil in den Yogakursen liegt im Schnitt bei 10 bis maximal 20 Prozent. That’s it. Schade, sehr schade.

Die Weisheit der Yogis – aber mein Körper gehört mir
Dabei wurde Yoga von Männern erfunden und jahrhundertelang ausschließlich von Männern ausgeführt. Waren die Männer früher klüger? Ich glaube schon, zumindest war ihre Körperweisheit und die Verbindung zu ihrer inneren, wahren Natur ausgeprägter. Und wenn man die frühen Zeichnungen und Bilder der Yogis sieht, erkennt man, dass sie ihren Körper geliebt haben und stolz waren auf ihre Beweglichkeit und die Ausstrahlung. Wo ist diese „Weisheit“, dieses einzigartige Urgefühl geblieben? Warum verzichtet der Mann von heute auf diese köstliche Erfahrung?
Schaut euch nur die begnadeten Körper vieler Männer an. Körper gleich Fremdkörper. Muss funktionieren! Dafür ist der Körper doch da. Oder etwa nicht? Wehe, wenn der Body mir zeigt, dass er Probleme hat oder nur eingeschränkt verfügbar ist. Dann ist Mann aber richtig sauer. Das geht gar nicht. Mein Körper gehört mir! Damit kann ich machen, was ich will! Er ist mein Werkzeug, meine Maschine. Die muss laufen wie geschmiert. Basta!
Armer Mann. Armer Körper. Begrenztes Leben. So würde Frau niemals denken und handeln. Das ist halt der Unterschied. Und deshalb gehen Frauen zum Yoga und die Männer akzeptieren es notgedrungen, meistens jedenfalls. Aber sie selbst interessieren sich wenig dafür, was ihren Partnerinnen gut tut und warum das so ist. Ist ja Frauensache!
Obwohl, es hat ja Vorteile und kann auch nicht schaden, wenn das Weib etwas geschmeidiger ist und das Bindegewebe fester wird. „Hab ich ja auch was davon. Fühlt sich besser an und sieht nicht schlecht aus…“

Dann ist ein Mann ein Mann
Und was ist mit dir, lieber Artgenosse? Stell dir mal vor, du wärst auch etwas geschmeidiger und beweglicher. Würdest mehr auf deinen Körper und deine Ernährung achten. Sähest schlanker und knackiger aus und würdest dich noch besser als bisher fühlen. Wäre das nicht cool? Und wenn du dann auch noch gelassener, freundlicher, liebevoller wärst, wäre das nicht super? Was meinst du, wie deine bessere Hälfte das finden würde?
Mit Yoga kannst du es erreichen. Kannst ein zufriedener, herzlicher, attraktiver Mann werden, der Spaß an seinem Körper, an der Bewegung und am Leben hat. Und Yoga hilft dir auch, besser mit Stress im Beruf umzugehen, das kann doch nicht schaden, oder? Deiner Umgebung würde es gewiss gut tun und dich persönlich weiterbringen. Nicht zu vergessen, wie du damit deine Gesundheit und deine Leistungsfähigkeit verbessern könntest.
Und wenn du Familie und Kinder hast, meinst du, dass deine Frau oder deine Kinder es lächerlich fänden, wenn du zum Yoga gehst? Ich bin sicher, sie wären eher stolz auf ihren lässigen, modernen und jung gebliebenen Vater. Ganz zu schweigen von deiner Partnerin, die das zu schätzen wüsste und mehr Lust auf  Zweisamkeit mit dir hätte. Gemeinsame Interessen verbinden, bereichern und bringen Spaß.

Also Mann, trau dich und versuch’s mal. Fang mal an mit Yoga. Ich mach‘s regelmäßig und kann es nur empfehlen. Viel Vergnügen!


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Gerrit Kirstein lebt in Osnabrück und war mehr als 20 Jahre als Marketingdirektor in internationalen Bankenkonzernen tätig. Mit Eintritt in den Ruhestand hat er eine Ausbildung als Yogalehrer begonnen und arbeitet als freier Journalist, Keynote-Speaker und Workshopleiter. Mehr Infos: www.ageinbalance.com

Foto: Stefanie Kissner, www.stefaniekissner.com