Erfrischung für die Seele

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Madhavi lebt und unterrichtet Bhakti Yoga in der Tradition ihres Lehrers Radhanath Swami. Ein Gespräch über den Weg der Hingabe, über die Rolle des Guru, die Arbeit an persönlichen Schatten – und den langen Schatten der Hare-Krishna-Bewegung.

Interview: Stephanie Schauenburg und Christina Raftery

Beim Stichwort Bhakti Yoga denkt man erst mal an Kirtan, Mantra und vielleicht an verschiedene Zeremonien. Was macht für dich den Kern der Praxis aus?

Alles beruht letztlich auf den ersten drei Prozessen des Bhakti, die in dem alten Text Srimad Bhagavatam beschrieben sind: Der erste ist Hören, auf Sanskrit heißt das Shravanam. Kirtanam, der zweite Prozess, ist Singen oder auch Sprechen über diese Themen. Der dritte ist Vishno Smaranam, die Erinnerung. Man will sich rückverbinden an seinen Ursprung erinnern.

Wie funktioniert das?

Da gibt es einen Vers von Chaitanya Mahaprabhu, auf den sich unsere Bhakti-Linie bezieht (Anm. der Red.: ein spätmittelalterlicher indischer Mystiker, der für eine Inkarnation Krishnas gehalten wird): „Der heilige Name, also der Klang des Mantra, löscht das lodernde Feuer des materiellen Daseins und erfrischt die Seele.“ So kannst du besser sehen, wer du bist – und dadurch deine Verbindung zum Ursprung (oder Gott) verstehen. Das Mantra ist wie ein Segen. Gleichzeitig braucht es aber auch immer die eigene Bemühung. Nur weil ich Mantras chante, bin ich noch lange nicht von meinem ganzen emotionalen Mist befreit und erkenne mich als das strahlende Selbst, das ich gerne sein möchte. Also heißt die andere Seite der Medaille, dass man bereit sein muss, sich die eigenen Themen anzusehen.

Da im Bhakti viel von Liebe, Dankbarkeit und Mitgefühl gesprochen wird, muss man sich fragen: Was geschieht mit den Schatten? Muss man mit ihnen nicht auch umgehen?

Absolut! Das merkt auch jeder, der Asanas übt oder meditiert. Das ruft einiges hervor und kann frustrierend sein, denn man denkt sich: Warum ist das jetzt so schmerzhaft, ich bemühe mich doch schon so lange! Gleichzeitig kann man erkennen, dass man auch die Instrumente an die Hand bekommen hat, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Man kann verstehen, dass das nicht nur Stolpersteine sind, sondern Entwicklungsstufen. In der „Sendung mit der Maus“ heißt es sehr schön: Wenn ich auf die Nase falle, mache ich auch immer noch einen Schritt vorwärts.

Wohin führt dieser Weg vorwärts?

Was mir am Bhakti Yoga ganz wichtig ist, ist die Frage: Was ist meine wahre Natur? Die Seele sehnt sich, zu dieser Natur zurückzukommen, in diese Verbindung zurückzugehen. Diese Sehnsucht hat jeder, bewusst oder weniger bewusst. Wenn du zu diesem Ursprung zurückkommst und merkst: „Ja, das bin ich“, stellen sich positive Eigenschaften wie Dankbarkeit, Demut oder Mitgefühl ganz von alleine ein. Ich bin dankbar, weil ich merke, dass ich noch viel mehr bin als meine äußeren Bedeckungen. Ich werde demütig, weil mir klar wird, dass ich zwar die gleichen qualitativen Eigenschaften habe wie Gott, aber quantitativ bin ich ein kleiner Tropfen in einem riesigen Ozean. Und wenn ich die Liebe zu Gott wieder erwecke, dann liebe ich auch alle anderen Lebewesen und empfinde Mitgefühl für sie. Bhakti kann auch übersetzt werden als hingebungsvoller Dienst. Unsere Natur ist es, aus der Fülle des Herzens zu geben – zu lieben.

Aber was geschieht mit den Schatten?

Ich erfahre meine Anarthas, die unerwünschten Eigenschaften. Es ist kein Verbiegen oder Wegdrängen im Sinn von „Ich darf das nicht sein“, sondern es geht darum, ehrlich mit mir zu sein: So bin ich jetzt gerade, und das sind die Dinge, an denen ich noch arbeiten möchte. Das ist der Punkt, der die Sentimentalität rausnimmt. Indem ich in den Prozess einsteige und diesen vorgeschlagenen Sadhana (Anm. d. Red.: spiritueller Weg) annehme, wird automatisch der Fokus von den unerwünschten Eigenschaften genommen und ich identifiziere mich mehr mit den Qualitäten, die mich ausmachen.

Wo hat es dich denn gepackt? Wer warst du, als du mit Bhakti Yoga in Berührung kamst?

Ich hatte mein ganzes Leben schon einen Bezug zu Gott. Als Jugendliche bin ich in eine methodistische Gemeinde gegangen, dann habe ich eine Zeit lang alles Mögliche ausprobiert. Während meines Studiums traf ich dann auf einem Festival auf Bhakti-Yogis. Die Mantra-Meditation hat mich sofort gepackt. Das fehlende Puzzle-teil war nur noch die Philosophie. Plötzlich hab ich gemerkt: So vieles, was in meinem Leben bisher passiert ist, macht jetzt Sinn. Zwei Wochen später habe ich meinen Lehrer Radhanath Swami getroffen.

Radhanath Swami ist Teil der Hare-Krishna-Bewegung, die in den 1970ern im Westen sehr groß wurde, dann aber in etliche Skandale stürzte …

(Seufzt.) Ich glaube, dass jede Bewegung es zunächst einmal sehr schwer hat, die Prinzipien aus einem anderen Kulturkreis adaptieren und in die eigene Kultur integrieren will. Das war auch bei Hare Krishna oder der Iskcon (Anm. d. Red.: International Society for Krishna Consciousness) der Fall. Am Anfang war das alles nicht so natürlich, sondern vielleicht eher fanatisch und überhaupt nicht nachzuvollziehen. Was halte ich davon? Ich denke, dass es menschlich ist, dass Fehler passieren. Auch jemand, der diesem Pfad folgt, ist davon nicht sofort befreit.

Da war aber auch die Rede von Auftragsmord und Kindesmissbrauch …

Naja, nicht alles stimmt unbedingt, aber natürlich waren das Riesenskandale – nicht etwas, an dem man teilhaben möchte. Das war alles vor meiner Zeit und passierte noch in einem extrem geschlossenen System. Damals lebten viele Bhakti-Schüler als Mönche im Tempel, sie verteilten Bücher und sangen auf der Straße. Das gibt es noch, aber heutzutage leben 95 Prozent der Hare Krishnas ein ganz normales Leben. Sie arbeiten, haben Familie, gehen zu Festivals oder besuchen die Sonntagsfeste. Ich denke, das hat sich unter anderem so verlagert, weil die Philosophie angekommen ist.

Es ist interessant, dass du sagst, dass diese kulturelle Übersetzung eines Systems in eine andere Tradition ein Stolperstein ist. Wie viel Indien war für dich nötig, um eine wirksame Praxis zu finden?

Als ich nach meinem Studium vier Monate in Indien war, habe ich alles in mich aufgesogen, was zu dieser Kultur gehört: die Musik, die Instrumente, das Kochen, es war wunderbar. Aber ist es nötig? Ich glaube, es ergibt sich ganz natürlich, wenn man zu der Kultur einen Bezug hat. Man braucht es nicht. Ich finde es einfach schön, und für mich gehört es dazu.

Warum sollte sich ein moderner, aufgeklärter Europäer überhaupt einer so religiös geprägten Form von Yoga zuwenden, wie es diese spezielle Bhakti-Richtung ist?

Dazu habe ich ein Bild, das auch für das steht, was Bhakti Yoga mir persönlich bringt: Du gehst durch einen Urwald, es ist ganz abenteuerlich und es gibt unglaublich viel zu sehen. Dann kommst du auf den spirituellen Pfad und der führt zu einer Schlucht, über die eine hölzerne Hängebrücke geht. Unter dir siehst du den brausenden Fluss, die Brücke ist glitschig, aber da ist ein starkes Seil, an dem du dich festhalten kannst. Ich glaube, die Tendenz heutzutage ist: Warum soll ich da überhaupt rüber? Es ist alles super toll hier, wir können auch einfach nur baden gehen, ich muss mich nirgends festhalten, ich bin frei. Es wird nicht verstanden, dass das Seil keinen Zwang darstellt, sondern nur hier ist, um eine Hilfe zu geben, damit man an sein Ziel kommen kann. Ich habe mich für dieses Seil entschieden, also eine bestimmte Praxis angenommen, und daran halte ich fest, bis ich am Ziel angekommen bin. Trotzdem habe ich natürlich die freie Wahl. Die Praxis ist eine Hilfestellung, die einem eigentlich die Freiheit gibt. Du fällst hin, aber du kannst dich festhalten. Und ich bin so dankbar, dass ich dieses Seil habe …

Welche Rolle spielt dabei der Guru? Auch das wird ja im Westen sehr kritisch gesehen.

Wir wollen immer frei sein und denken, wir seien freier, wenn wir keine Regeln haben. Der Guru ist für mich wie jemand, der mich an der Hand nimmt und sagt: „Guck mal: Hier ist eine Straße und dort ist eine Ampel. Grün, das sind die Sachen, die dir helfen, an dein Ziel zu kommen. Und bei Rot bleibst du lieber stehen.“ Ich habe immer noch die freie Wahl, es zu machen oder nicht.

Kann man ab einem gewissen Grad der Hingabe an einen Guru überhaupt noch frei entscheiden? Kann man noch sagen, hier gehe ich nicht rüber, auch wenn er sagt: „Los, es ist grün!“

Natürlich hast du immer die Verantwortung für dich. Und bevor du deinem Guru über den Weg traust, lernst du ihn möglichst gut kennen. Du entscheidest dich nur für ihn, wenn du das Gefühl hast, er kann dich wo hin bringen – aber natürlich kann man sich da irren. In den Veden wird genau beschrieben, welche Qualitäten ein Guru haben sollte. Unter anderem würde er von sich selbst nicht sagen: Ich bin ein Guru, sondern einfach das weitergeben, was er von seinem eigenen Lehrer mitbekommen hat. Er sagt auch nicht: Du musst das und das tun. Es ist nicht Sinn der Sache, dass man seine eigenen Prozesse nicht selber durchmacht. Man soll aber einen Anhaltspunkt bekommen und das geht nicht, indem man nur Bücher liest. Ein Arzt kann auch nicht operieren, wenn er nur die Fachbücher gelesen hat. Er muss im Operationssaal gewesen sein und ein erfahrener Arzt muss es ihm vorgemacht haben. Das ist die Rolle des Guru: Er geht selber durch den Prozess.

Aber es gibt auch ganz andere Gurus …

Deswegen: Augen offen halten! Wenn du einen Guru haben willst, ist es ratsam, zu wissen, wie er sein soll, damit er dir hilft. Irgendwann merkst du, ob du jemandem vertrauen kannst. Ich habe das Gefühl, ich weiß, was ich tue. Ich vertraue nicht blind, denn es gibt genug Wissen, das ich als Back-up habe. Bhakti Yoga ist ein wissenschaftlicher Prozess. Du musst überhaupt nichts glauben, sondern kannst sofort experimentieren: Wie ist es, wenn ich Mantras mit der Mala chante, wie ist es, wenn ich mich in den Kirtan setze? Was macht das mit mir? Was bewirken die Schriften, wenn ich sie lese? Diese Erfahrungen waren für mich wirklich magic.


Titelbild: Stefanie Kissner

Marlene Ehrhardt ist in der Bhakti-Szene unter ihrem spirituellen Namen Madhavi bekannt. Sie arbeitet als Coach, unterrichtet Mantra und Harmonium, gibt Satsang und veranstaltet mit ihrem Mann Caitanya die Bhakti Conference. www.bhaktitree.de