Engagieren und zuhören: Yoga mit Flüchtlingen

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Wenn Bettina Schuler jemandem erzählt, dass sie in einem Flüchtlingsheim ehrenamtlich Yoga unterrichtet, kommt meist die selbe Reaktion: Yoga?! Wäre es nicht viel sinnvoller, Kleider, Essen oder Geld zu Spenden? Auch, aber nicht nur.

Menschen, die nicht nur ihre Heimat, sondern meist auch ihre Familie und ihr altes Leben hinter sich lassen mussten, brauchen genauso dringend wie materielle Dinge das Gefühl, in unserer Gesellschaft willkommen und aufgehoben zu sein. Stattdessen werden sie in den Flüchtlingsheimen zum Nichtstun verdammt und müssen monatelang auf die Bearbeitung ihres Asylantrages warten. Die meisten von ihnen stürzt das nach den traumatischen Erfahrungen in ihrer Heimat und der nicht minder schwierigen Flucht in eine erneute Krise. An diesem Punkt versucht Bettina Schuler, mit Yoga anzusetzen – YOGA JOURNAL hat mit ihr darüber gesprochen.

Bettina, wie bist du dazu gekommen, Flüchtlinge zu unterrichten?
Ich habe mich schon lange darüber geärgert, dass sehr viele Yogis ständig von einem besseren und verantwortungsvollen Miteinander reden, letztlich aber noch nicht einmal in ihrem kleinen Umfeld etwas dafür tun. Auch ich habe mich viel zu lange immer nur über die ach so böse und ungerechte Gesellschaft beschwert, anstatt einfach etwas zu tun. Irgendwann konnte ich das nicht mehr mit meinem Selbstbild vereinbaren. Also habe ich mich fürs Engagieren entschieden. Die Frage war nur, womit und wo? Bereits in meiner Jugend habe ich mich in Antifa-Cafés und auf Demonstrationen herumgetrieben und Ungerechtigkeit hat mich schon immer sehr wütend gemacht. Durch die allerorts thematisierte Lage der Flüchtlinge in Deutschland war mir recht schnell klar, dass ich diesen Menschen helfen wollte.

Und zwar mit Yoga.
Da ich viel zu ungeduldig bin, um irgendjemandem Deutsch beizubringen, habe ich mich dafür entschieden, Yoga zu unterrichten. Das war an einem Wochenende letztes Frühjahr: Montags habe ich im Büro des Flüchtlingsheims angerufen und schon am Mittwoch meine erste Stunde gegeben.

Arwa Idrees ist eine der Flücht- lingsfrauen, die Bettina Schuler regelmäßig unterrichtet.
Arwa Idrees ist eine der Flüchtlingsfrauen, die Bettina Schuler regelmäßig unterrichtet.

Welchen Hintergrund haben die Flüchtlinge, die zu dir zum Yoga kommen?
Momentan kommen die meisten aus Syrien. Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, was diese Menschen alles Schreckliches erlebt haben. Erst in ihrer Heimat und dann auf der Flucht mit dem Boot. Viele mussten, nachdem sie mit seeuntüchtigen Booten mehr schlecht als recht in Europa gelandet waren, erst einmal Tage ohne Geld und Essen auf der Straße verbringen. Die Flüchtlingsunterkünfte in den Ankunftsländern sind komplett überfüllt. Andere wurden auf der Flucht von ihrer Familie getrennt und sind völlig alleine und ohne Sprachkenntnisse in Deutschland angekommen. Hier sitzen sie nun auf ihrem Zimmer und haben nichts anderes zu tun, als auf die Bearbeitung ihres Asylantrags zu warten. Und das kann dauern. Während dieser Zeit, in der die Flüchtlinge nichts tun können, kommen natürlich jede Menge Erinnerungen, Erlebnisse und Traumata hoch, mit denen sie alleine gelassen sind. Das wiederum führt dazu, dass sie nicht schlafen können, im schlimmsten Fall sogar depressiv werden.
Hier kann Yoga ansetzen. Natürlich ersetzt es keine Psychotherapie, aber es kann immerhin ein Werkzeug sein, um sich selbst herunterzufahren und besser mit der traumatischen Situation umzugehen. Künftig würde ich gerne mit einem Psychotherapeuten zusammenarbeiten, damit wir gemeinsam, ich auf der physischen und er auf der psychischen Ebene, die Traumata bearbeiten können. Solche Erlebnisse muss man nicht nur aus dem Kopf, sondern auch aus dem Körper bekommen. Durch bestimmte Gerüche, Gesten, Geräusche, sogenannte Triggerpunkte, können die Betroffenen urplötzlich wieder in die traumatische Situation zurückversetzt werden – weil sich der Geist und der Körper daran erinnern.

Wie baust du die speziellen Yogastunden auf?
Gar nicht. Ich schaue, was die Frauen brauchen, wie es sich anfühlt. Meist mache ich sehr simple Asanas und viele Balance-Übungen, um sie ein wenig zurück ins Gleichgewicht zu bringen. Aber auch Vorwärtsbeugen können gut sein, je nachdem, in welcher Verfassung die Frauen sind. Aber ich muss natürlich immer darauf achten, dass ich die Emotionen, die ich öffne, hinterher auch auffangen kann. Deshalb muss ich jedes Mal aufs Neue ausbalancieren, was geht und was nicht.

Was erhoffst du dir für die Frauen?
Dass sie hierbleiben dürfen und zur Ruhe kommen. Denn gerade für traumatisierte Menschen gibt es nichts Schlimmeres als Ungewissheit. Doch der sind sie hier in Deutschland auf Grund des Asylrechtes tagtäglich ausgeliefert. Zum Einen, weil die Behörden mit der Zahl an Flüchtlingen komplett überfordert sind und diese monatelang auf die Bearbeitung ihres Asylantrages warten müssen. Zum Anderen, weil sie vom Staat nicht gewollt sind und deshalb viele in das Land zurückgeschickt werden, das sie in Europa als erstes betreten haben. Was dank Dublin III ja möglich ist, auch wenn der Europäische Gerichtshof kürzlich zum Glück beschlossen hat, dass dies nur noch dann erlaubt ist, wenn dort die Menschenwürde des- oder derjenigen gewährt ist. Unseren Bundesinnenminister hat das dazu veranlasst, sich für Auffanglager in Afrika einzusetzen, danke auch! Ich finde es wirklich unglaublich, was in dieser Hinsicht gerade hier in Deutschland geschieht, dabei heißt es doch in Artikel 1 unseres Grundgesetztes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Davon spüre ich momentan leider herzlich wenig, insbesondere in der Asylpolitik.

Gibt es bestimmte Konzepte für Yogalehrer, die du empfehlen kannst?
Ich kann allen, die sich für dieses Thema interessieren, nur das Buch „Trauma-Yoga“ von David Emerson und Elizabeth Hopper ans Herz legen. Ich habe vieles daraus gelernt. Ansonsten glaube ich, dass das Wichtigste ist, den Flüchtlingen zuzuhören und sie als das zu sehen, was sie sind: Ein Mensch wie du und ich.


bettina_schuler_Yoga_FluechtlingeBettina Schuler arbeitet als Autorin und freie Journalistin in Berlin. Sie ist gerade dabei, eine gemeinnützige GmbH ins Leben zu rufen, um eine Yoga-Trauma-Therapie für Flüchtlinge realisieren zu können.