Eine Liebeserklärung an meinen Atem

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Wir kennen uns schon ewig. Genau genommen seit dem Moment meiner Geburt. Du warst einfach da: Moment für Moment, mein ganzes bisheriges Leben lang. Und doch habe ich dich selten bewusst wahrgenommen.

Als ich mit Yoga begann, um meinen Körper zu dehnen und zu bewegen, war ich 28 Jahre alt. Plötzlich sprach man auch von dir, dem Atem. Ich wurde angehalten, dir meine Aufmerksamkeit zu schenken, zu spüren, wie du fließt und wohin. Man zeigte mir, wie ich dich durch meine Kehle ziehen kann, so dass ich dich von nun an besser hören konnte. Das half, meine Konzentration auch in viel Bewegung bei dir zu halten. Und so lernte ich dich nach all den Jahren langsam besser kennen. Aus dem „du bei mir“ wurde ein „ich und du“.

Der Vinyasa-Stil verbindet einzelne Bewegungen oder Bewegungsabschnitte mit der Atmung: Die Einatmung ist verantwortlich für das Strecken, die Ausatmung für das Beugen. Wir beide begannen, bewusster zusammenzuarbeiten. Beide Atemabschnitte sollten gleich lang sein – in Sama Vrtti (Sanskrit: „gleiche Bewegung“). Dadurch musste ich mich noch mehr auf dich konzentrieren. Wir wurden immer mehr zum Team; doch in komplexeren, anspruchsvolleren Asana-Kombinationen stolpertest du mir immer noch nach. Das Ergebnis war wie früher beim Sport: hochroter Kopf, schweißnasser Körper, schnell schlagendes Herz. Und du? Du warst außer mir.

15 Jahre nachdem ich das erste Mal eine Yogamatte ausgerollt hatte, geriet ich auf einer Yogakonferenz in den Workshop eines Lehrers, der unser Verhältnis völlig neu definierte. Mark Whitwell behauptete, dass man dich nicht mit Bewegungen koordinieren sollte, sondern vielmehr dass du „die Bewegung seist“! Ich glaube, wir waren beide ein wenig geschockt, du und ich.

Wir saßen gebannt da und lauschten diesem Mann, der ein bisschen wie ein alter, weiser Indianer aussah. Er machte uns mit den Prinzipien seines Lehrers Sri T. Krishna-macharya vertraut:

1. Atmung ist Bewegung

Mittlerweile verstehe ich das, denn ich habe es gespürt. Mit jedem Atemabschnitt bewegst du meinen Körper. Die Einatmung weitet mich, bei der Ausatmung kontrahieren Brustkorb und Bauch. Dieser einfache, sutra-artige Satz „Atmung ist Bewegung“ ist wie die Zusammenfassung der Kaushitaki Upanishad. Dort wird ein Streit zwischen den Sinnen, dem Geist und dem Atem geschildert. Es wird erzählt, wie sie alle den Körper verlassen und einer nach dem anderen in ihn zurückkehrt. Bevor der Atem zurückkehrt, kann der Körper zwar sprechen, sehen, hören und denken, bleibt aber auf dem Boden liegen. „Da ging der Prana in ihn ein; da stand er alsbald auf. Da erkannten alle jene Gottheiten die Oberhoheit des Prana“, steht in Peter Michels Übersetzung der Upanishaden. Uff. Ich dachte bisher, dass es mein Geist sei, der – bewusst oder unbewusst – meine Bewegungen ausführt. Überhaupt: meine.
Jetzt du?

2. Die Einatmung wird von oben empfangen, die Ausatmung nach unten abgegeben

Mark lehrte uns, bewusster aufeinander einzugehen: Ich empfing dich und deine Energie mit jeder Einatmung. Wurde zum bereitwilligen Gefäß, das du komplett ausfüllen durftest. Ausatmend gab ich die ganze Kraft meines „Cores“ mit auf den Weg. Mein Lehrer sagt, dass du als Einatmung die Ausatmung liebst und als Ausatmung die Einatmung – zwei Gegensätze, die in ihrer Einheit mehr sind als in ihrer Summe. „Ha“ und „Tha“. „Prana“ und „Apana“. Sonne und Mond. Das Eine, das füllt, nährt, aktiviert. Das Andere, das löst und beruhigt. Kommst du in mich, um mich zu füllen, bleibt mein Körper passiv und offen für das, was gegeben wird. Gehst du, unterstützt dich meine Kraft, die im unteren Teil meines Körpers liegt. Der, der den „sich bewegenden Aus- und Einatem gleichmäßig gestaltet“, ist weise und „auf immerdar erlöst“, sagt Krishna in Johannes Schneiders Übersetzung der Bhagavad Gita. Weil man dann „das endlose Glück empfindet, das jenseits der Sinne liegend (ist).“ Die Einheit ist ein Gefühl „empfänglicher Stärke“, sagt mein Lehrer. Der völlige Ausgleich der empfangenden, weiblichen und gebenden, männlichen Polaritäten, aus denen das ganze Leben besteht: Ha. Tha. Yoga.

3. Die Atmung leitet die Bewegung ein und endet sie

Im Ujjayi (mit kontrahierter Kehle) mit dir Vinyasa Yoga zu üben, das kannte ich schon. Neu war die Genauigkeit, mit der du mit den Bewegungen synchronisiert werden solltest. Eigentlich mehr als das: Das Prinzip, dass du Bewegung bist, wird umgesetzt, indem du die Bewegung einleitest und endest. Es bedarf dazu einer höheren Konzentration – und eines längeren, langsameren Atems. Am Anfang übten wir das mit einfachen Bewegungsfolgen, später mit komplexen und schwierigeren Asanas. Das Resultat: Wir verloren uns nicht mehr. Im Gegenteil: Wir wurden immer mehr zu Einem. Indem du die Bewegung meines Körpers wurdest, wurdest du zu meinem Körper. Und mein Körper wurde Atem.

4. Durch Asana entsteht Bandha und Bandha unterstützt den Atem

Die Bewegung des Körpers – seine Form, seine Asana – entsteht durch dich. Du bringst meinen Körper dahin und in der Asana stelle ich dir die Form meines Körpers zur Verfügung. Du fließt in alle Bereiche, jede Zelle. Weit über die Lunge hinaus, spüre ich dich. Die Haltungen, die ich einnehme, unterstützen dich dabei. Bringen die Verschlüsse (Sanskrit: Bandha) auf natürliche Weise hervor. Die Bandhas intensivieren und leiten dich. Unterstützen das Einswerden von Körper und Atem. Von ein und aus. Von „Ha“ und „Tha“. Wie eine Mini-Puja zu deinen Ehren.

5. Asana, Pranayama und Meditation sind ein nahtloser Prozess

Wenn ich auf diese Weise Asana übe, löst sich meine Aufmerksamkeit von dem Körper, der sich bewegt. Trotz und weil. Du stehst im Mittelpunkt, das Feinere, das, was normalerweise und jahrelang unbeachtet da war. Vegetativ gesteuert. So entsteht der richtige Fokus für Pranayama. „Prana“ ist das Sanskrit-Wort für Einatmung, für Atem, für Energie. Es ist die gleiche Energie wie der Wind, der über unseren Planeten streicht und manchmal stürmt. Wir versuchen, Prana in uns zu sammeln, es nicht aus uns weg-wehen zu lassen. Die Atmung in der Asana nach den oben genannten Prinzipien Krishnamacharyas zu ehren, gibt überhaupt erst das richtige Verständnis von Atem als Energie, Prana. Dazu erweitert sich unser Wissen von Atem. Das, was wir dazugelernt haben, wird ergänzt durch ein unverfälschtes Gefühl dafür, was Atem als Energie ist. Ohne die Begriffe der Biologie und Physiologie. Ohne Worte.

So eingestimmt ziehen mich die Pranayama-Übungen noch weiter in deinen Bann. Ich fühle dich in mir. Und außerhalb. Meine Selbstwahrnehmung von mir als Entität, als Individuum, weicht einer Wahrnehmung von dir im Überall. Im Atemhalten dann diese Stille. Die Stille, aus der alles entsteht. Der Ursprung allen Seins. Stille, wenn du in mir bist. Stille, wenn du außerhalb von mir bist. Innen und außen beginnen zu verschmelzen. Meditation entsteht, Yoga. Du bist ich. Ich bin du. Tat tvam asi (Sanskrit: Dieses ist du.) Das ist, was ich liebe. //


Sybille Schlegel ist studierte Historikerin und unterrichtet Yoga im Rhein-Main-Gebiet. Außerdem gibt sie deutschlandweit Workshops mit Schwerpunkt Yogaphilosophie und leitet mit Andreas
Ruhula Hatha Vinyasa Yoga Teacher Trainings in Mainz, Bochum und am Bodensee. www.urbanyogicteachings.com

Fotocredit: unsplash.com / Jared Erondu