„Der nächste Dalai Lama kann auch eine Frau sein.“

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Montag, der 21. Mai 2012 in Salzburg: Die viertgrößte Stadt Österreichs hat hohen Besuch. Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, legt hier den dritten Stopp auf seiner Europareise ein, um über Spiritualität, Buddhismus und Weltfrieden zu sprechen.

Das Salzburger Messegelände ist schon in den frühen Morgenstunden gut besucht. Scharen von Fans, Gläubigen, Sinnsuchenden, Presseleuten, buddhistischen Mönchen und Nonnen tummeln sich bunt zusammengewürfelt vor den drei Haupteingängen. Viele sind von weit her angereist, erfüllen sich einen Traum, erwarten interessante Einsichten und erhoffen sich vielleicht ein Autogramm. Eine Veranstaltung mit einer solch bekannten Persönlichkeit wie dem geistigen Oberhaupt der Tibeter hat zwangsläufig auch etwas von einem Jahrmarkt. Zwischen den Sicherheitsschleusen und den kreisförmig angelegten Bühnenzugängen stehen Räucherstäbchen- und Buchverkäufer neben Kaffeebars und Sandwich-Theken, aneinandergereiht wie Yak-Knochen-Perlen einer tibetischen Gebetskette. Der Dalai Lama war zwar schon oft in Österreich, so lange wie dieses Jahr verweilte der bekannteste Mönch der Welt allerdings noch nie. Insgesamt neun Tage sind für seinen Besuch anberaumt. Ein solch langer Aufenthalt in einem einzigen Land stellt selbst im internationalen Besuchskalender des Dalai Lama eine Besonderheit dar und unterstreicht die Verbundenheit des geistlichen Oberhauptes der Tibeter mit der Alpenrepublik. In Salzburg ist das Programm zeitlich straff organisiert. Von halb zehn bis halb eins warten zwei österreichische Moderatoren auf ihn, von halb zwei bis halb fünf findet eine Podiumsdiskussion mit Vertretern anderer Religionen statt.

Der Saal füllt sich langsam. Trotzdem spürt man schon lange vor Beginn eine erwartungsfrohe Grundstimmung im Publikum. Insgesamt sind es fast 25.000 Besucher – etwa 15.000 weitere Zuschauer sind per Live-Stream dabei. Das zeigt das große Interesse sowie die breite Welle der Sympathie, die Seiner Heiligkeit auch im Westen nach wie vor entgegengebracht wird. Noch größer ist allerdings das Medieninteresse: Über 330 akkreditierte Journalisten aus 17 Nationen – darunter die USA, Indien, Finnland, Norwegen, Frankreich und Großbritannien – sind hier, um über diesen Besuch des Dalai Lama in Österreich zu berichten. Aber für alle heißt es erst einmal: warten. Auch ein geistig hochverwirklichtes Wesen wie der Dalai Lama kommt ab und an zu spät. Die Veranstaltung beginnt schließlich mit einer halben Stunde Verspätung: Da die Funkmikrofone bereits auf Audio-on gestellt sind, hört man schon einige Momente vor dem Auftritt das typische glucksende Lachen von Tenzin Gyatso, dem 14. Dalai Lama. Begleitet von Blitzlichtgewitter und einem Raunen im Publikum, gefolgt von begeistertem Applaus, steht der bald 77-Jährige auf der Bühne und begrüßt alle im Saal mit einem flotten „Hello everybody!“

Danach beginnt die Diskussion mit den beiden österreichischen Moderatoren zum Thema „Weltfrieden und universelle Verantwortung“. Ein sehr breit angelegtes Thema, doch die beiden Moderatoren ziehen inhaltlich anders gelagerte Fragen vor. Darauf angesprochen, was der Dalai Lama zu den jüngsten chinesischen Anschuldigungen sagt und ob er sich einen unpolitischen Ruhestand wirklich vorstellen kann, antwortet der in bordeauxrot gekleidete Buddhist nur: „Eigentlich habe ich nicht vor, mich hier politisch zu äußern. Mein Ruhestand hat ja schon letztes Jahr begonnen.“ Dann lacht er kurz und fährt fort: „Aber es ist wichtig, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die chinesische Regierung kann viel über mich erzählen. Auch ich kann viel über sie erzählen. Aber fahren sie doch einfach selbst nach Tibet. Schauen sie sich selbst dort um, bilden sie sich ihre eigene Meinung, stellen sie vor Ort ihre eigenen Fragen. Ich weiß, es ist sehr kostspielig, nach Tibet zu reisen. Aber Sie sollten es versuchen. Vorausgesetzt, man erlaubt Ihnen, einzureisen. Und vorausgesetzt, man erlaubt Ihnen, die Fragen zu stellen, die Sie stellen möchten und sich die Orte anzuschauen, die Sie sich persönlich ansehen wollen. Das ist nämlich nicht ganz einfach.“ Er lacht wieder, etwas kürzer als vorher, und fügt hinzu: „Aber ich drücke Ihnen die Daumen, dass es klappt. Tibet braucht Sie, also besuchen Sie das Land.“

Im Anschluss daran erklärt er, dass die Welt viel von Europa lernen könne . „Ein Kontinent mit vielen unterschiedlichen Kulturen, Traditionen, Interessen und Religionen hat es in den letzten Jahrzehnten geschafft, ein bis dahin völlig neues Wir-Gefühl zu erzeugen. Viele Menschen, darunter vor allem die Jugend, begreifen sich immer mehr als Europäer, einzelne Länder haben große Teile der eigenen Souveränität aufgegeben, bilden jetzt eine Union, haben ein gemeinsames Ziel, gleiche Rechte. Darunter auch viele ehemals verfeindete Nationen.“ Man kann viel über den Dalai Lama erzählen. Viel Positives und aus manchen Blickwinkeln vielleicht weniger Positives. Eins ist allerdings unumstößlich: Seine Sicht auf viele weltpolitische und soziale Fragen gibt immer wieder interessante Denkimpulse. „Wenn die ganze Welt Teil eines Wir ist, dann gibt es keine Basis für Kriege mehr. Ich bin überzeugt, dass eine offene Haltung und Sorge für die anderen zu einer besseren Welt führen.“

Bei aller Ernsthaftigkeit wird es gegen Ende der Unterhaltung plötzlich richtig lustig. Was sich das geistige Oberhaupt Tibets von seinem Nachfolger erwartet und wie denn dieser in einem besetzten Land gefunden werden soll, möchte das Moderatorenteam wissen. „Wissen Sie“, antwortet er, „seit fast 700 Jahren gibt es die Dalai Lamas. Seit 370 Jahren waren alle mit politischen und geistigen Funktionen versehen. Ich habe beschlossen, dass sich der Dalai Lama künftig nur noch auf geistige Angelegenheiten beschränken wird. Es gibt im tibetischen Reinkarnationssystem klare Richtlinien zur Erkennung, die sie nachlesen können. Ich kann nicht näher darauf eingehen, da das Tulku-Erkennungsprinzip sehr komplex ist und bei meiner Erklärung viele Leute hier vielleicht einschlafen würden. Aber wenn es einen nächsten Dalai Lama gibt, wird man ihn auf Grundlage dieses Systems finden. Und dabei kann ich mir persönlich vorstellen, dass meine nächste Reinkarnation eine Frau sein wird. Frauen sind auch viel schöner anzuschauen als ich“. Er lacht. „Einer schönen Frau hört man doch auch viel lieber zu als einem Mann, finden Sie nicht auch?“ Er lacht erneut. Bei der Damenwelt in der Salzburgarena schlagen die Herzen höher. Einige Männerherzen auch. Das Thema „Tibets nächste Reinkarnation“ ist durchaus delikat. Natürlich will man nicht nur in China wissen, wer nach diesem Dalai Lama das tibetische Volk repräsentieren wird. Um Reinkarnationen bzw. die wiedergeborenen Tulkus zu akzeptieren, muss man an das Prinzip der Wiedergeburt glauben. In den altindischen und vielen asiatischen Traditionen und philosophischen Schulen wird dies seit jeher anerkannt. Dafür gibt es in den unterschiedlichen Strömungen verschiedene Argumente. Letztlich basieren alle auf der Vorstellung, dass das Bewusstsein aufgrund seiner Natur, die ursprünglich völlig klar und rein ist, nicht ohne eine andere Ursache zustande kommen kann. Physikalisch oder chemisch ausgedrückt: Kein Element reagiert ohne die Einwirkung eines anderen Elements.

Im Alter von 90 Jahren wird der jetzige Dalai Lama zusammen mit der tibetischen Öffentlichkeit, anderen hohen Lamas und weiteren betroffenen Personen entscheiden, ob die Institution fortbestehen soll oder nicht. Dass auch Frauen in Tibet eine solche Rolle übernehmen können, klingt modern und ist es auch, hat aber eine Tradition: Viele wichtige tibetische Schutzgottheiten sind weiblich, selbst die persönliche Gottheit des Dalai Lama und Tibets Patronin, Palden Lhamo, ist eine Frau. Die Tschöd-Linie von Macig Labdrön ist hauptsächlich eine Frauenlinie und die Reinkarnationen von Samding Dorje Phagmo, einer ehemaligen tibetischen Prinzessin, gibt es seit etwa 700 Jahren. Diese Reinkarnation ist fast so alt wie die des Karmapa.

Abgesehen von den Fragen und Antworten zu Nachfolge und geschlechtlicher Gleichstellung im Lamaismus Tibets, bleibt bei solchen Statements ein Gedanke: Man möchte einem Menschen wie Tenzin Gyatso, der immer wieder mit Aussagen überrascht, die zum Nachdenken anregen, ein langes gegenwärtiges Leben wünschen.