Ayurveda: Wo sitzt das unwandelbare Selbst?

436

Wer bin ich? Woher komme ich? Und wohin gehe ich? Dr. Ulrich Bauhofer, einer der führenden Ayurveda-Spezialisten Europas, versucht Antworten auf die wichtigsten Fragen des Lebens zu finden…

Als Arzt ist meine Domäne die Gesundheit. Welche sonst, fragen Sie vielleicht. Und doch ist es für einen Mediziner nichts Selbstverständliches, sich mit Gesundheit zu befassen. Ärzte beschäftigt nämlich nur das Pathologische, die Krankheit. Über Gesundheit wissen sie eigentlich fast gar nichts – zumindest von ihrer Ausbildung her. Nun bin ich kein gewöhnlicher, sondern ein ayurvedischer Arzt, und im Ayurveda steht Gesundheit an erster Stelle. Ayurveda ist die älteste Medizin der Menschheit und bedeutet „das Wissen vom Leben“.

Das Delphi-Prinzip

Gnothi se authon – Erkenne Dich Selbst, steht am Apollo-Heiligtum in Delphi geschrieben. Dies interessiert Philosophen, aber doch keine Mediziner – so könnte man denken. Irrtum. Für den ayurvedischen Arzt ist dieser Satz von großer Bedeutung. Er besitzt nämlich einen vitalen medizinischen Hintersinn.

„Wer bin ich?“ Diese Frage stellt sich unser Organismus fortwährend und nur deshalb überlebt er. Wie sonst könnte er Fremdes erkennen, das ihn bedroht? Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten oder entartete Zellen, die ihn jeden Moment attackieren oder in ihm entstehen. Der Körper verfügt über komplexe Regulationsmechanismen, die sein Selbst verteidigen. Die entscheidende Rolle spielt dabei sein Immunsystem. Jede Sekunde erzeugt es 1,5 Millionen weiße Blutkörperchen, 100.000 Lymphozyten und einige Billionen Abwehrmoleküle oder Antikörper, um sich gegen all das zu wehren, was die Integrität seines Selbst gefährdet.

Nur weil sich unser Körper jeden Augenblick fragt: „Wer bin ich?“, hält er sich am Leben. Die Natur hat ihm diese Frage als eine Überlebensstrategie eingepflanzt. Und wenn ihm die Antwort darauf nicht mehr einfällt, wenn er sie vergessen hat, dann steht es schlecht um sein Weiterbestehen.

Das Sanskrit-Wort „Swasthya“ – Gesundheit oder wörtlich „im Selbst ruhen“ –erklärt, wie der Körper sich immer wieder auf sich selbst zurückbesinnt, sich fortwährend an seine genetische Identität erinnert, um sich zu erhalten. Selbsterkenntnis hat also offensichtlich etwas mit Gesundheit zu tun – zumindest auf der körperlichen Ebene.

Das Unternehmen Mensch

Gesundheit beschränkt sich nicht auf den Körper allein, sie hat nicht nur nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation auch eine geistige und seelische Dimension. Trotzdem verstehen wir uns selbst zunächst als unseren Körper, wir identifizieren uns mit ihm und definieren uns über ihn. Fälschlicherweise…

Wenn wir aber unser Selbst in den abstrakten Sphären des Geistes und der Seele verstehen wollen, das nicht-materielle, nicht-physische Selbst – das Selbst, das wir nicht mit Hilfe der Molekularbiologie beschreiben können, dann hilft uns ein klareres Verständnis des Körpers zunächst weiter. Wir empfinden ihn als ein statisches Gebilde. Doch das ist eine Sinnestäuschung. Der Körper besteht aus 100.000 Milliarden Zellen, 15.000 mal mehr als Menschen auf der Erde leben. Aus einer einzigen dieser Zellen hat sich der Organismus innerhalb von neun Monaten herausdifferenziert. Schritt für Schritt, mit perfekter Präzision ist Glied für Glied, Organ für Organ gewachsen. Zum Beispiel verfügt unser Nervensystem am Ende seiner Entwicklung über tausend Milliarden hochspezialisierter Zellen, sogenannter Neuronen. In den Streitkräften unseres Immunsystems kämpfen über 100 Milliarden Lymphozyten sowie 100 Trillionen Antikörper. Ein wahres Kunstwerk. Geschaffen vom Leben.

Ohne Rast verändert sich diese unüberschaubare biologische Gesellschaft. Etwa sieben Millionen Zellen produziert der Körper jede einzelne Sekunde neu, am Tag etwa 600 Milliarden. Noch flüchtiger sind die 10 hoch 28 Atome, aus denen unsere Zellen gemacht sind. Sie kommen und gehen und schaffen unser Fleisch und Blut immer wieder neu: fast alle 24 Stunden eine neue Bauchspeicheldrüse, alle drei Tage eine neue Magen-Darm-Schleimhaut, alle sechs Wochen eine neue Leber, jeden Monat eine neue Haut, alle paar Monate ein brandneues Skelettsystem. In jeder Sekunde führt der Körper etwa 10 hoch 25 chemische Operationen durch – eine 1 mit 25 Nullen. 98 Prozent der Atome, die unseren Körper bilden, werden jedes Jahr ersetzt. Alle vier Jahre haben wir aus atomarer Sicht einen völlig neuen Körper.

Lautlos und ohne Anstrengung wird dieser fesselnde Biotanz auf der Bühne des menschlichen Organismus aufgeführt, und wenn wir ihn voll andächtiger Bewunderung betrachten, fragen wir uns, wer ihn dirigiert. Welche Instanz steuert all diese Prozesse?

Wo ist die Schaltzentrale?

Ein Biologe würde uns schnell Antwort liefern: Es ist die DNA, die alles regelt. Unser genetisches Selbst ist die Kommandozentrale unserer Zellen und verbirgt sich tief in deren innersten Kern. Nun ist die DNA aber auch ein Stück Materie, aufgerollt in einer sogenannten Superhelix, zusammengesetzt aus einer Unzahl von Atomen. Forschungen haben jedoch belegt, dass auch die Atome der DNA ununterbrochen ausgetauscht werden. Unsere Erbsubstanz erneuert sich also im Hinblick auf ihre atomare Zusammensetzung alle paar Wochen.

Welcher Schluss ergibt sich daraus? Wenn sich die Materie der DNA dauernd ändert, kann sie nicht der Dirigent aller Wandlung in unserem Körper sein, denn was als oberste Instanz Veränderung kontrolliert, sollte selbst gleich bleiben. Wenn unsere innerste Schaltzentrale nicht das materielle Substrat unseres genetischen Selbst ist, dann könnte es trotzdem die Intelligenz oder das Wissen sein, das die Materie verkörpert. Dieses Wissen ändert sich nämlich nicht. Hier entgleitet uns das Konkrete und Fassbare. Wissen ist abstrakt, das Produkt von Geist oder von Bewusstsein. Wir haben es hier mit der Intelligenz der Natur zu tun.

Ist das Selbst der Geist?

Der Körper ist also aus Geist gemacht; hier stoßen wir auf ein zweites Identifikationsmerkmal unseres Selbst. Neben unserem Körper definieren wir uns über unseren Geist – oder genauer: über die Inhalte unseres Geistes. Über unsere Meinungen und Überzeugungen, über unsere Empfindungen und Gefühle, über unsere Werte – und Glaubenssysteme – also das, was wir unsere Persönlichkeit und unseren Charakter nennen. Doch auch hier stellen wir fest, dass sich diese Eigenschaften im Laufe der Zeit wandeln. Sie haben nichts Dauerhaftes. Die Inhalte unseres Bewusstseins verändern sich ständig, das Bewusstsein selbst allerdings bleibt stets dasselbe, immer gleich.

Halten wir fest: Wir verstehen uns selbst als unseren Körper und die Inhalte unseres Geistes. Dadurch unterscheiden wir uns von anderen. Dadurch empfinden wir uns als Individuen. Trotzdem müssen wir erkennen, dass unser Körper sich jeden Augenblick verändert und sich auch unsere Persönlichkeit fortwährend entwickelt. Wir sind also noch mehr als unser Körper und die Inhalte unseres Geistes. Unser unwandelbares Selbst lebt jenseits davon. Aber wo? Das Abstrakte ist die Domäne des Bewusstseins, und darum müssen wir es dort suchen. Wir haben es intellektuell abgeleitet, doch bleibt solch ein Verständnis des Selbst ohne praktischen Wert. Wir müssen es erfahren. Erkenne Dich selbst bedeutet: Erfahre Dein Selbst! Selbst-Erkenntnis ist an Selbst-Erfahrung gebunden.

Wie erfahre ich mein Selbst?

In der vedischen Wissenstradition sticht als eine Schwesterdisziplin des Ayurveda Yoga hervor. Yoga ist ein System, das sich mit der Erkenntnis und der direkten Erfahrung des Selbst im Bewusstsein des Menschen befasst. In den Jahrtausende alten Texten des Yoga wird das Selbst mit Hilfe eines einprägsamen Sinnbilds erklärt. In dieser Allegorie werden wir Menschen mit Wellen im Ozean verglichen. Jeder Mensch hat seine individuellen Charakteristika, so wie eine Welle ihre Besonderheiten besitzt: ihre Größe, ihre Gestalt, ihre Geschwindigkeit, ihre Richtung. Darüber definiert sie sich, grenzt sich von anderen Wellen ab, erhebt sich möglicherweise über sie, verfällt der Gefahr von Arroganz oder Dünkel. Wenn die Welle jedoch über sich nachdenkt, kommt sie zu der Erkenntnis, dass ihre individuellen Eigenschaften veränderlich und vergänglich sind. Tief in ihrem Inneren aber verbirgt sich etwas Konstantes, das, woraus sie gemacht ist, was sie dauerhaft durchdringt, was sie immer war, ist und bleiben wird: das Meer. Das unveränderliche Selbst der Welle ist das Meer. Ernst Jünger beschrieb dieses Verhältnis so:

„Ein Becher Wasser, ins Meer gegossen: es bleibt Form ohne Inhalt, Inhalt ohne Form. Ein Augenblick des Schmerzes, des Heimwehs, begleitet den Verlust. Dem folgt die große Vermählung mit dem Meere: Heimat nun überall.“

Um solch einer intellektuellen Erkenntnis Leben einzuhauchen, bedarf es – wie schon betont – der Erfahrung. In der dritten Strophe seines großen Gedichtes „Das Vermächtnis“ skizziert Goethe den Weg zur direkten Erfahrung des Selbst:

„Sofort nun wende Dich nach innen:
Das Zentrum findest Du da drinnen,
Woran kein Edler zweifeln mag.
Wirst keine Regel da vermissen:
Denn das selbständige Gewissen
Ist Sonne Deinem Sittentag.“

Ganz in Anlehnung an eine geistige Technologie aus dem Yoga-System, der Methode des Dhyana, beschreibt Goethe den Weg in die innere Welt, in deren Zentrum wir unser Selbst finden. In den alten Yoga-Texten heißt es, dass in der Erfahrung des Selbst durch den Vorgang des Meditierens die Basis für ein erfolgreiches und dynamisches Tun besteht. Denn dort, wie Goethe sagt, wo alle Regeln und Gesetze des Lebens sich sammeln, von wo die Natur regiert, in der unendlichen Weite und Stille des Selbst, schöpft der Geist seine kreative Kraft. Von dort trägt er sie in den Bereich des täglichen Lebens hinaus.

Ein Mensch, der aus seinem Selbst heraus denkt und handelt, transportiert die grenzenlose Freude, die in seinem Inneren lebt, hinaus in seinen Alltag. Er ist wie die Welle, die ihr Selbst kennt und weiß: Ich bin das Meer. So können wir einen anderen Goetheschen Satz in seiner tiefen Bedeutung erfassen. Er lautet: „Die beste Freude ist das Wohnen in sich selbst.“ Bedingungslose, spontane Lebensfreude, die aus der Erfahrung des Selbst erwächst, ist Ausdruck von Gesundheit, auf Sanskrit „Swasthya“ – von„Swa“: das Selbst, und „sthya“: ruhen. Gesundheit bedeutet, in sich selbst Ruhe gefunden zu haben.

Swasthya und Ayurveda als die Kunst, Balance zu halten

Ein gesunder Mensch ist im Gleichgewicht. Seine Körperfunktionen schwingen in Harmonie. Da Geist und Körper eigentlich ein und dasselbe ist – nur die zwei Seiten derselben Medaille – erzeugt die Balance in der Physiologie die Erfahrung des unwandelbaren stillen Selbst in unserem Geist. Und wenn die direkte Erfahrung des Selbst in unserem Bewusstsein aufblüht – das, was im Yoga der Samadhi-Zustand genannt wird -, rückt sie die Systeme und Funktionen des Organismus automatisch ins Lot.

Ayurveda als das „Wissen vom Leben“ befasst sich mit all den unterschiedlichen Facetten des menschlichen Daseins und damit, welche Wirkung sie auf unsere Gesundheit ausüben. Wie diese Einflüsse uns im Selbst verankern oder sie von uns weg in eine Krankheit treiben können. Ayurveda kümmert sich daher um den gesunden ebenso wie um den kranken Menschen – immer auf ganzheitliche und individuelle Art. Das Spektrum ayurvedischer Behandlungsverfahren ist weit: zu ihm gehören Ernährung, Entgiftung, natürliche Heilmittel, Tages- und Jahreszeitenroutine, verjüngende und vitalisierende Maßnahmen, Aroma-, Klang- und Vitalpunkttherapie, Stressmanagement und vieles mehr.

Als Ziel verfolgen all diese Maßnahmen, die stets aufeinander abgestimmt sind, das Körper-Geist-Seele System in der Balance zu halten. Denn ein Mensch im Gleichgewicht ist nicht nur gesund, er ist auch glücklich. Darin gipfelt die ayurvedische Definition von Swasthya – Gesundheit: Der ist wahrhaft gesund, dessen Sinne, dessen Geist und dessen Bewusstsein in einem dauerhaften Zustand des Glücks verweilen.

Das Delphi-Prinzip „Gnothi se authon – Erkenne dich selbst!“ war Ausgangspunkt unserer Gedankenkette. Wir wissen nun um seine Bedeutung in Bezug auf unsere Gesundheit. Und in Bezug auf unser Lebensglück.


Dr. med. Ulrich Bauhofer ist Arzt, Bestsellerautor und Lehrer für Transzendentale Meditation. Vor über 30 Jahren begann er als erster westlicher Mediziner, die ayurvedische Heilkunde in Indien von den vedischen Ärzten zu lernen. Dr. Bauhofer konzipierte und leitete über zehn Jahre die größte Ayurveda-Klinik Europas in Traben Trarbach. Derzeit hat er eine ayurvedische Praxis in München, berät Unternehmen und Führungskräfte zu Gesundheits- und Stressmanagement, hält international Vorträge und Seminare. Er ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Ayurveda. Mehr unter www.drbauhofer.de