Ayurveda: Glücklich mit Chili

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Für viele Menschen ist ayurvedische Ernährung gleichbedeutend mit  vegetarischer und gewürzreicher Kost. Und tatsächlich betonen die klassischen Schriften des Ayurveda die positive Wirkung vegetarischer Nahrung auf die mentale und spirituelle Entwicklung und empfehlen Gewürze zur Verbesserung von Geschmack und Verdaulichkeit. Speziell mit dem Wissen um die Heilkraft der Gewürze können Ihre täglichen Speisen zu einer wirkungsvollen Medizin werden, deren Einsatz sich auf die unterschiedlichsten Beschwerden abstimmen lässt.  

Diese alten Erkenntnisse sind aber keine „ayurvedische Erfindung“, sondern bestimmen auch in unserem Kulturkreis seit vielen Jahrtausenden die Entwicklung der Medizin. Von den alten Ägyptern, Griechen, Römern, Germanen bis zu den Mauren in Andalusien – alle nutzten exotische Gewürze aus dem Orient, Indien und China, um den Geschmack und die Wirkung von Nahrungsmitteln zu verbessern.

Die Ägypter kultivierten und importierten Anis, Dill, Fenchel, Bockshornklee, Kardamom, Koriander, Knoblauch, Ajwain, Schwarzkümmel, Pfeffer, Minze, Safran, Senfsamen, Thymian und Wacholder. Die Griechen bevorzugten Pfeffer und Ingwer aus dem Jemen, Zimt aus China sowie Nelken und Muskatnüsse von den Molukken (im heutigen Indonesien), während die Römer in Safran, Anis und ihrem absoluten Lieblingsgewürz, dem Kreuzkümmel schwelgten.

Über die heilende Wirkung von Gewürzen wusste man damals bereits gut Bescheid: Die Urväter der westlichen Medizin unterschieden bereits die Heilkräfte des schwarzen, weißen und langen Pfeffers, beschrieben die verdauungsfördernde und krampflösende Wirkung des Korianders, nutzten Schwarzkümmel gegen Kopfschmerzen, Basilikum als Magentonikum und Aphrodisiakum und verwendeten Safran als Stärkungs- und Schönheitsmittel in Soßen, Tinkturen und Ölen.

All dies zeigt, dass die im Ayurveda verwendeten Gewürze auf eine lange Tradition auch in unserer heimischen Küche zurückblicken. Leider ist das Wissen um die Heilkräfte der getrockneten Früchte, Rinden, Samen und Kräuter im Laufe der Zeit verloren gegangen, so dass heute wieder ein großer Bedarf an Aufklärung besteht.

Heilen mit Gewürzen
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Für den Hausgebrauch der ayurvedischen Gewürzheilkunde ist der richtige Einsatz des Geschmacks (Rasa) die wichtigste Therapieform. Dabei nehmen die Geschmackseindrücke über die Schleimhäute direkten Einfluss auf das körperliche und mentale Gleichgewicht der drei Doshas Vata, Pitta und Kapha sowie die Funktionsfähigkeit des Verdauungsfeuers (Agni) in seiner verwertenden und zellerneuernden Qualität. Ob wir also unsere Suppe mit scharfem Chili oder süßem Safran zubereiten, hat einen entscheidenden Einfluss auf die Wirkung und Verträglichkeit. Denn grundsätzlich wirken alle süßen Speisen eher nährend, aufbauend und beruhigend, während scharfe Gewürze als anregend, aphrodisierend und gewichtsreduzierend gelten.

Häufig verwendete Gewürze in der ayurvedischen Küche
Ajwain

Ajwain ist in unseren Breitengraden ein nahezu unbekanntes Gewürz. Es hilft bei Verdauungsbeschwerden aller Art, Gastritis, Appetitlosigkeit, Blähungen, Krämpfen und wirkt blutreinigend. Der milde und aromatische Geschmack der Ajwainsamen, scharf und bitter, passt hervorragend zu Schmorgurken, grünen Bohnen und Paprikagemüse. Das Inhalieren der Dämpfe ist gut bei Asthma und Husten.

Asafoetida

Asafoetida ist auch als Stinkasant, Teufelsdreck oder Hing bekannt. Es ist eines der wenigen Gewürze, welche nur in sehr kleinen Mengen verwendet werden. Ausgezeichnet und schnell wirkt das Gewürz bei akuten Magen-Darm-Störungen wie Übelkeit, Brechreiz und Durchfall, aber auch bei trägem Darm und Verstopfung, denn es regt die Verdauung an und vertreibt Blähungen, wirkt entkrampfend und außerdem menstruationsfördernd.

Eine viertel Messerspitze Hing in ein Glas abgekochtes Wasser schlückchenweise getrunken, stärkt die gesunde Darm-flora, kräftigt Agni, beruhigt Vata und ist gut gegen Würmer.

Cayennepfeffer

Cayennepfeffer oder rote Chilis haben eine intensive und brennende Schärfe, weshalb man sie äußerst vorsichtig dosieren sollte.

Pitta-Typen sollten auf Chilis verzichten, es sei denn, sie leiden unter einem schwachen Agni. Für den trägen Kapha-Stoffwechsel (Manda-Agni) wirkt Chili ausgesprochen anregend und baut Fettgewebe ab.

Ingwer

Im Ayurveda unterscheiden wir die Wirkung des getrockneten Ingwers (Sunti) und des frischen Ingwers (Ardraka). Frischer Ingwer hat einen scharfen Geschmack (Katuvipaka) und getrockneter Ingwer hat einen süßen Geschmack (Madhuravipaka).

Ingwer kann zu allen Speisen verwendet werden, sollte jedoch nicht im Hochsommer bei großer Hitze gegessen werden. Er gilt als Allheilmittel und wird besonders zur Agni-Stärkung und zum Ama-Abbau eingesetzt.

Frischer Ingwer stärkt die Leberfunktionen, hilft der natürlichen Abwehrkraft und harmonisiert das Vata-System. Er verdünnt auf natürliche Weise das Blut und beugt so wirksam der Thrombosebildung vor. Zudem senkt er einen ernährungsbedingt erhöhten Cholesterinspiegel und ist hilfreich bei Bronchitis, Asthma und (rheumatischer) Arthritis.

Ingwersaft ist ein natürliches Tonikum, welches die Verdauung und den Appetit anregt, Blähungen und Darmkoliken lindert sowie Giftstoffe aus dem Darm ausleitet.

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Kardamom

Kardamom gehört zur Gattung der Ingwergewächse und wird zum Verfeinern unterschiedlichster Speisen verwendet. Da er leicht, trocken und kalt ist, wird er besonders im Sommer und zur Verringerung von Pitta eingesetzt. Er hat einen süßen, scharfen und bitteren Geschmack, ist appetitanregend und harntreibend. Zusammen mit Ingwer und Kurkuma neutralisiert Kardamom die schleimbildende Wirkung der Milch.

Koriander

Koriander ist ein Grundpfeiler der indischen Gewürzpalette. Für Pitta-Menschen sind frische Korianderblätter oder getrocknete Samen das beste Gewürz.

Koriandersamen sind sehr wohltuend für das Verdauungs- und Enzymsystem, lindern Blähungen und stärken Nerven und Gehirn. Koriander wirkt entzündungshemmend und ist von seinen Eigenschaften leicht scharf, aber dennoch kühlend und verleiht allen Speisen ein frisches und frühlingshaftes Aroma.

Kreuzkümmel

Kreuzkümmel, auch Cumin genannt, ist neben Kurkuma ein wichtiger Bestandteil des handelsüblichen Curry. In Ghee angeröstet, entfalten die Samen entfalten ein wunderbares Aroma, welches Kohl und Kartoffelgerichte verfeinert. Er regt die Verdauung an, reguliert die Darmflora und wirkt blutreinigend. Zusammen mit Koriander und Fenchel dämpft er ein erhöhtes Agni, und als Sud mit Ingwer, Salz und Zucker wirkt er Agni-anregend. Cumin hat leichte, heiße, trockene und scharf penetrierende Eigenschaften, verringert Kapha, reguliert Vata und ist hilfreich bei Erkrankungen des Harntrakts.

Kurkuma

Kurkuma, auch Gelbwurz genannt, bringt den Stoffwechsel durch seine bitteren und zusammenziehenden Eigenschaften ins Gleichgewicht und verringert alle drei Doshas. Er ist sehr blutreinigend, hilft bei Allergien, allergischem Asthma, Heuschnupfen, Hautproblemen, Hämorrhoiden und Brustschmerzen. Seine Inhaltsstoffe regen den Gallenfluss an, fördern die Leberfunktion, wirken entzündungshemmend, antiseptisch und stoffwechselanregend. In warmem Wasser aufgelöst und schluckweise getrunken wirkt er auch gegen
Darmpilze.

Nelken

Nelken werden in der ayurvedischen Küche ganz oder gemahlen verwendet, haben leichte und kalte Eigenschaften, sind geschmacklich bitter und scharf und mindern Kapha und Pitta im Körper. Aufgrund ihrer blutreinigenden, schmerzlindernden und verdauungsfördernden Wirkungsweise werden Nelken sehr geschätzt. Sie beseitigen gastrische und intestinale Krämpfe sowie Schmerzen, stimulieren die Haut, Speicheldrüsen, Nieren, Leber und die bronchialen Schleimhäute.

 Safran

Safran, im Ayurveda bekannt als Verjüngungsgewürz, wirkt sehr aufbauend, stimulierend, schmerzstillend und nährt alle Doshas. Es wird gegen depressive Verstimmungen und zur Harmonisierung der Monatsblutung oder bei mangelnder Spermienbildung empfohlen.

Als Hausmittel wird Safran bei Kopfschmerzen aufgrund von Rakta und Pitta in Form von Nasentropfen aus Ghee mit Safran verwendet.

Zimt

Zimt hat heiße und leichte Eigenschaften, einen scharfen, süßen und bitteren Geschmack, verringert Kapha und Vata und wirkt antiseptisch, entkrampfend und auswurffördernd. Er stimuliert das Herz und wirkt erweiternd auf die peripheren Blutgefäße. Als Tee aufgegossen lindert Zimt Müdigkeit und Erkältung.

Milch mit Zimt ist ein gutes Getränk, um das motorische Nervensystem (Vyanavayu) zu fördern. Es reduziert den Blutzuckerspiegel und stimuliert die Gebärmutter. Bei Kopfschmerzen können feiner Zimt und Zuckerpulver sowie direkt anschließend ein paar Tropfen Ghee geschnupft werden.

 


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pixabay.com, unsplash.com / Jonathan Niederhoffer (Titelbild)