Anti-Guru: Dona Holleman

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1972 fuhr Dona Holleman ihren Lehrer B. K. S. Iyengar in einem VW-Bus von London nach Rom, um Vanda Scaravelli in Rom zu treffen. Nur eine Anekdote von vielen im ereignisreichen Leben der Yoga-Pionierin, die heute vor allem von Pferden lernt – und von ihrem eigenen Körper. Eine Begegnung.

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Hilfestellung: Dona Holleman in den 1960er Jahren mit ihrem Lehrer B.K.S. Iyengar in Indien

Stationen eines bewegten Lebens: 1942 in einem japanischen Internierungslager in Thailand geboren und in Holland aufgewachsen, intensiver Kontakt mit B. K. S. Iyengar, Jiddu Krish­namurti und Vanda Scaravelli. Zuvor hielt sich Dona Holleman 1964 und 1969 als Einzelschülerin Iyengars in Indien auf und wurde von ihm beauftragt, Yoga zu unterrichten. Von 1972 bis 1998 lebte sie in Florenz und baute ein großes Yogastudio auf. Dann der Wechsel aufs Land, an den südlichen Gardasee.
„Centered Yoga“ heißt ihr Stil, in dem sich verschiedenste Einflüsse vereinen und es nur einen Guru gibt: den eigenen Körper. Ein Privileg, diese Grande Dame des Yoga persönlich in ihrem Privathaus treffen zu können.

Eine Villa am Hügel
Zunächst eine Szene wie in einem Hollywood-Film: Das große schmiedeeiserne Tor öffnet sich lautlos, hin zu einer Auffahrt, links eine Pferdekoppel, rechts hoch am Hügel eine Villa. Ein kleiner schwarzer Hund jagt mir entgegen, die Ohren angelegt. Dona Holleman folgt im Elektroauto. Sie stoppt, steigt aus und lacht. „Ich habe mir das Knie angeschlagen“, sagt sie. „Fahren geht besser als laufen.“ Ihr Haus liegt ein ganzes Stück entfernt vom Tor, unterhalb der Villa. „Da wohnen Engländer,“ sagt sie. „Die kommen nur sporadisch.“ Ich steige ein, der Hund hüpft auf die Rückbank.
Dona fährt eine Runde und macht eine kleine Führung: Hin zu den beiden Eseln, dem Pony Julius Cäsar („ein Geschenk für mein Pferd Cisco“), vorbei an diversen Katzen und zwei komplett eingerichteten Wohnwagen. Einer davon ist startklar: Sie kann jederzeit damit aufbrechen. Vor einigen Jahren hat sie beschlossen, dass sie nicht mehr so viel Platz braucht,  die Villa verkauft und das kleine Haus genommen, 80 Quadratmeter. Wenn Schüler kommen, wird das Wohnzimmer ausgeräumt. Vierzehn  Leute kann sie dort unterbringen, zum Üben.
Dona gibt nur noch Teacher Trainings. Fünf Lehrer betreiben in ihrem Namen die Centered Yoga Dona Holleman Association – eine rein bürokratische Angelegenheit, ein Schirm, der die Schüler schützt, Versicherung und so weiter. Kein Dogma, kein Guru, keine Community. „Das Wichtigste, was man angehenden Yogalehrern zeigen muss, ist, wie sie die Asanas ausführen, wie sie Hilfestellung geben und wie sie die Asanas unterrichten können.  Dazu brauchen sie mehr Anatomie- als Philosophiekenntnisse“, sagt Dona. „Ich unterrichte und lasse die Schüler sich dann entwickeln. Ich glaube fest an Freiheit.“

Die Zeit mit Iyengar
Wir sind an dem kleinen Haus angekommen. Spartanische Einrichtung, funktional, ordentlich. An den Wänden einige Fotos: Dona im roten Dress auf einer Alpenwiese. „Das ist lange, lange her“, sagt sie. „Sechzigerjahre“, und dann erzählt sie, wie sie mit B. K. S. Iyengar in ihrem VW-Bus von London bis Rom gefahren ist zu Vanda Scaravelli. „Wir haben eine Menge Spaß gehabt“, sagt sie. „Iyengar hat Fußball gespielt, wir haben Yoga gemacht, mitten in den Schweizer Bergen, verrückte Sachen – dabei sind auch diese Bilder entstanden.“ Sie hält einen Moment inne. „Ich glaube nicht, dass er tatsächlich ein Guru sein wollte. Iyengar war ein sehr einfacher Mensch. All diese Menschen, die später vor ihm auf die Knie gingen – Guruji hier, Guruji da, das war zu viel für ihn. Entweder hatte er nicht die Kraft oder die Intelligenz, oder er war zu ehrgeizig, um die Manipulationen zu erkennen, die um ihn herum passierten. Ich glaube, er fühlte sich gefangen.“ Und wieder hält sie inne: „Auf eine Weise lag er richtig: Iyengar Yoga wird mit ihm sterben. Das hat er öfters gesagt. Und das ist in Ordnung. So ist der Lauf der Dinge. Die Gruppe wird auseinanderfallen, wie in einem Bürgerkrieg.“ Wann sie ihn das letzte Mal gesehen habe? „1994, in London.“ Doch der Ablösungsprozess habe sehr viel früher stattgefunden. Es ging um Zertifikate, die Gründung einer Association und manch anderes. Das war ihre Sache nicht. Sie ging.
Warum sie sich nicht als Iyengar-Yogalehrerin bezeichne, wo sie doch einen Senior-Status habe? „Ich mache kein Iyengar Yoga“, sagt Dona.

„Es gab nur einen einzigen Menschen auf der Welt, der Iyengar Yoga machen konnte, und das war Iyengar selbst. Also kein Iyengar Yoga, sondern Yoga „taught by Iyengar“: Wie er es unterrichtet und ich es von ihm gelernt habe, in den 1960er-Jahren, als ich zweimal bei ihm war, zusammen mit seiner Familie gewohnt habe, zuletzt 1969 neun Monate lang. Er hat mir alle Asanas gezeigt. Danach habe ich 40 Jahre lang weitergeübt, geforscht, entwickelt, 4 Stunden am Tag. Beim Praktizieren lernst du – von deinem eigenen Körper.“

Den gesamten Artikel, mehr über Dona Holleman und das Centered Yoga finden Sie im Heft 06/15.