Yogaphilosophie: Anbindung und Präsenz

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Die traditionelle Yogaphilosophie unterstreicht, dass ein Ort, eine Person oder eine Aktivität nur dann echte Zuflucht sein kann, wenn sie uns auch mit etwas verbindet, das größer ist, zeitlos und ewig, etwas wie die Weltseele oder das höhere, innere Selbst.

Weisheitslehren aus der Bhagavad Gita
Vorbild für all das ist die Lehre, die der Gott Krishna seinem Schüler Arjuna in einem der beliebtesten Texte des alten Indien erteilt, der Bhagavad Gita. In dieser epischen Erzählung fungiert Krishna in Gestalt eines Wagenlenkers als Arjunas Lehrer und Ratgeber. Die Lage ist verzwickt: In einer großen Schlacht um den Erhalt seines Königreiches soll Arjuna gegen seine Verwandten und Freunde antreten. Er zweifelt, ob es richtig ist, zu kämpfen, und fragt Krishna um Rat. Dieser unterweist ihn in den Prinzipien des Yoga der Handlung. Seine Lehre gipfelt in dem Satz: „Nimm deine Zuflucht allein bei mir“ (18.66). Die Tatsache, Zuflucht zu etwas Höherem zu nehmen, kann Arjuna also von der Angst befreien, Unrecht zu tun. In der Yogaphilosophie wird oft gesagt, dass der Dialog zwischen Krishna und Arjuna für die ewige Auseinandersetzung zwischen individuellem Selbst und höherem Selbst steht, wobei für „höheres Selbst“ auch Begriffe wie „innere Quelle“ oder „innerer Geist“ stehen könnten. Der mythische Charakter Krishnas verkörpert hier die höhere innere Weisheit, die grundlegende schöpferische Kraft, die im Kern der gesamten Realität verborgen liegt.

Mit dem wahren Selbst verbinden
An einer anderen Stelle der Bhagavad Gita sagt Krishna nämlich auch: „Ich bin das Selbst, das im Herzen aller Geschöpfe wohnt“ (10.20). Dabei bezieht er sich auf eine der tiefsten Weisheiten der Yogatradition: Es handelt sich um die Lehre, dass man sich in jedem Körper über jenen subtilen Kern, den man oft als Herz bezeichnet, mit dem wahren Selbst verbinden kann, mit jenem Teil also, der nicht verwirrt wird und sich nicht fragt, worum es im Leben eigentlich geht. Dieser Kern ist es, den Krishna meint, wenn er sagt: „Nimm Zuflucht bei mir“. Denn hier liegt die Quelle jeder echten Zuflucht. Diese besondere Energie, den subtilen Kern, das höhere Selbst, die Weltseele oder den allem innewohnenden Geist möchte ich ganz allgemein „Präsenz“ nennen.

Präsenz als Zuflucht
Der indische Mystiker und Poet Kabir spricht von dieser Präsenz als dem „Atem im Inneren des Atems“. Damit zeigt er: Es liegt viel näher, als man denkt. Wenn man gelernt hat, sich damit zu verbinden, hat man eine Zuflucht, die einem jederzeit offen steht, selbst inmitten eines stressigen Meetings oder bei einem Streit mit dem Partner. Eine Methode, um sich unmittelbar mit der Präsenz zu verbinden, besteht darin, sich auf den Raum in und um den eigenen Körper zu konzentrieren. Man atmet ein und aus und spürt dabei, wie man mit jeder Einatmung den umgebenden Raum in sich aufnimmt, und wie man ihn mit jeder Ausatmung wieder loslässt – und zwar nicht nur durch die Nase, sondern durch jede Pore und jede Zelle. Mit der Zeit beginnt man, eine subtile Energie wahrzunehmen, die sowohl innerhalb als auch außerhalb des Körpers vorhanden ist. Das ist die Präsenz, von der ich hier spreche – sie ist einem zu jedem Zeitpunkt nahe.


Den gesamten Artikel mit dem Titel „Rückzugsorte für die Seele” finden Sie in Heft 02/2015.