Die Anatomie der Vorwärtsbeuge

443

Beugt man sich im Stehen nach vorne, dann müssen sich die Muskel-Faszienzüge an der Rückseite der Beine verlängern. Nur so geben sie Raum für die Beugung im Hüftgelenk. Ziehen sich dieselben Muskel-Faszienzüge wieder zusammen, dann strecken sie das Hüftgelenk und ziehen uns aus der Vorwärtsbeuge zurück in den Stand.

Lange Muskeln, geschmeidiges Bindegewebe
Ein Muskel-Faszienzug setzt sich, wie der Name schon sagt, aus Muskelzellen und umhüllenden Faszien, also weichen Bindegewebsstrukturen, zusammen. Die ausschlaggebenden Elemente für die Bewegung der Muskelzellen, die so genannten kontraktilen Elemente innerhalb der Zellen, sind Aktin und Myosin (Strukturproteine und Motorproteine). Gleiten diese aneinander vorbei, so wird die Muskelzelle länger. Die umhüllenden Faszien sind elastisch. Sie können der Längenänderung des Muskels folgen. So sinkt man beispielweise mit länger werdendem Muskel-Faszienzug an der Beinrück-seite sanft in eine Vorwärtsbeuge.

(…)

Gestresste Faszien
Gerade bei Menschen, die bereits eine längere Zeit Dehnhaltungen praktizieren, tritt aber auch der gegenteilige Effekt auf: Sie haben gelernt, die gedehnte Muskulatur weitgehend zu entspannen, daher wird die Kraft vollständig von den Faszien getragen. Langes, statisches Zerren an diesen Fasern kann zu einer Überreizung führen, vor allem dort, wo die Sehnen in den Knochen einwachsen. Bei ständiger Wiederholung über Wochen und Monate entsteht eine Entzündung der Sehne beziehungsweise der Faszienzüge. Auf die Vorwärtsbeuge bezogen zeigt sich das meist dadurch, dass der Ursprung der Muskulatur am Sitzhöcker zu schmerzen beginnt. Zunächst kann das Sitzen auf einer harten Unterlage unangenehm werden. Dann wird die Vorbeuge vom Muskelursprung her zunehmend schmerzhaft. Das chronisch gestresste Bindegewebe wird allmählich brüchig. Diese vorgeschädigten Sehnen sind empfindlich für Zerrungen oder gar Risse.

Überdehnen führt zu Entzündung
Am besten sie lassen es erst gar nicht so weit kommen. Wenn Sie bemerken, dass die Muskulatur der Beinrückseite völlig locker ist und Sie den Zug eher oben am Sitzbein (Tuber Ischiadicum) spüren, dann zeigt das, dass Sie in den Faszien hängen. In diesem Fall gehen Sie ein wenig aus der Dehnung zurück und aktivieren die gedehnte Muskulatur leicht. So kommen die Muskelzellen wieder in Funktion und können einen Teil der Spannung übernehmen. Der Zug verteilt sich harmonischer über den gesamten Muskel-Faszienzug. So verhindern Sie ein chronisches Überdehnen und eine Entzündung. Mehr Flexibilität kann in einem gesunden Muskel-Faszienzug ganz harmonisch entstehen.

Mit der Dehnung statt gegen sie
Dieses anatomische Wissen hilft, die Dehnung besser zu verstehen und achtsamer wahrzunehmen. Verkrampfen die Muskelzellen und arbeiten sie gegen die Dehnung? Oder sind die Zellen schlaff und der Muskel hängt in seinen Faszien? Über ein gezieltes Entspannen im ersten Fall und ein sanftes Anspannen im zweiten Fall können Sie eine angenehme und sichere Dehnung entwickeln. Viel Freude beim Üben!

Den gesamten Text von Ronald Steiner finden Sie im Heft 2/2015.