Anatomie: Beweglichkeit im Hüftgelenk

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Kaum eine Yogastunde, in der nicht einige „hüftöffnende Übungen“ vorkommen. Das ist auch gut so, denn Entspannung in den Muskeln rund um die Hüfte verhilft zu einer balancierteren und freieren Sicht auf die persönliche Welt.

Viel Gefühl in den Hüften
Unser emotionales Erleben wird erst durch die Wahrnehmung der körperlichen Reaktion auf die Umwelt lebendig und tief. Aus der psychologischen Körpertherapie wissen wir, dass jede noch so subtile Änderung in der Muskelspannung Einfluss auf das Empfinden hat. Die Wahrnehmung der Umgebung, der eigenen Person bzw. der persönlichen Welt hängt also wesentlich vom Zustand des Körpers ab.

Diese Tatsache mag nachdenklich machen, wenn man bedenkt, dass die Hüfte durch die einseitige, überwiegend sitzende Lebensweise ihren natürlichen Bewegungsspielraum verliert. Die Muskeln, welche die Hüfte umhüllen, verkrampfen zunehmend. Wenn nach einer intensiven Yogastunde diese Muskeln wieder locker sind, hat man nicht nur mehr Bewegungsfreiraum im Hüftgelenk, man findet auch Zugang zu einem entspannten geistigen Freiraum.Huefte_Yogajournal_anatomie

„Hüftöffnende Übungen“ könnten eine Lockerung und Weite im Hüftgelenk in jede denkbare Bewegungsrichtung einschließen. Normalerweise spricht man jedoch nur dann von „Hüftöffnung“, wenn der Oberschenkel bei gebeugtem Knie- und Hüftgelenk nach außen rotiert.

Ein Nussgelenk
Der Hüftgelenkskopf sitzt kugelig in einer runden Gelenkpfanne, die ihn als Nussgelenk zu über 50 Prozent umhüllt. Dadurch kann der Gelenkkopf in alle denkbaren Richtungen rotieren. Der mögliche Bewegungsspielraum wird allerdings wegen der starken knöchernen Führung von der anatomischen Form der Knochen und der Gelenkstellung bestimmt – und zwar so deutlich wie bei kaum einem anderen Gelenk. Die Ausrichtung der Gelenkpfanne relativ zur Rumpfachse bestimmt, in welche Richtungen der Oberschenkel weisen kann, bevor die Bewegung des Gelenkkopfes vom Pfannenrand begrenzt wird.

Seitneigung der Gelenkpfanne
Die Hüftgelenkspfanne öffnet sich am Becken schräg seitlich nach unten. Der „Lanz-Winkel“, definiert diese Neigung relativ zur Körpermitte (Sagittalebene) – er beträgt im Durchschnitt 42 Grad. Steht die Gelenkpfanne flacher, also stärker nach unten geöffnet, bekommt der Oberschenkel bei einem um 90 Grad gebeugten Hüftgelenk mehr Raum für die Außenrotation. Diese Ausrichtung der Gelenkpfanne ermöglicht in einigen der im Yoga so beliebten „hüftöffnenden Übungen“ eine größere Bewegung. Insbesondere sinken die Oberschenkel im Sitzen, beispielsweise beim gebundenen Grätschsitz (Baddha Konasana), weiter nach außen. Auch der Lotossitz (Padmasana) kann leichter eingenommen werden, ohne dass die Knie dabei überlastet werden.

Gerade und gegrätschte Vorbeugen
In einer geraden Vorbeuge dagegen ist die flachere Gelenkpfanne eher ein Hindernis. Je steiler sie steht bzw. je kleiner der Lanz-Winkel ausfällt, desto weiter kann sich der Oberschenkel nach vorne beugen (Flexion), ohne dabei nach außen rotieren zu müssen. So wird für sitzende Vorbeugen wie Pashchimottanasana ein weiterer Bewegungsumfang möglich. Diese Stellung der Gelenkpfanne ermöglicht auch ein weiteres Abspreizen (Abduktion), bevor die Bewegung des Oberschenkelkopfes vom Pfannenrand begrenzt wird. So kann man beispielsweise in stehenden Positionen wie Trikonasana (Dreieck) die Beine weiter grätschen.

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Den gesamten Artikel lesen Sie im Heft 01/2015


Dr. Ronald Steiner ist Arzt für Sportmedizin und zählt zu den bekanntesten Praktikern des Ashtanga Yoga. Sein Unterricht baut eine Brücke zwischen angewandter Anatomie und lebendiger Philosophie, zwischen präziser Technik und praktischer Erfahrung. Mit Präzision und Praxisnähe unterrichtet er bei Aus- und Weiterbildungen Anatomie, Alignment und Yogatherapie.

www.AshtangaYoga.info