Berlin 101801

18.02.2010

Datta_Puja_Fire

Der letzte Eintrag ist über einen Monat her – und dieser hier kommt nicht aus dem fernen exotischen Indien , sondern aus dem kalten und verschneiten Berlin. Die Logbuch-Einträge in Indien versiegten aufgrund eher schicksalhafter Ereignisse und werden jetzt rückblickend wieder aufgenommen.

Die angebliche Malaria an der Henning erkrankt war, stellte sich nach einigen Tagen doch als ein ausgewachsenes Dengue-Fieber heraus. Der zuerst behandelnde Arzt war ein Scharlatan und komplett unfähig. Nachdem das Fieber beständig auf 40°C beharrte und Hennings Zustand trotz Medikation täglich schlechter wurde, entschieden wir uns für einen Krankenhausbesuch. Dort einmal eingeliefert stellte sich sehr schnell heraus, dass es mehr als ratsam war auch erst einmal dort zu bleiben. Indische Krankenhäuser sind , wie man sich vielleicht schon denken kann, mit nichts so schnell vergleichbar. Von den hygienischen Zuständen, die eigentlich noch gingen, wollen wir gar nicht erst anfangen. Viel beeindruckender waren auch hier wieder die Menschenmassen, die hier im Wartesaal, auf Bänken vor dem Gebäude, in den Fluren und eigentlich überall auf ihren Aufruf in eines der vielen Arztzimmer warteten, deren Türen um den Wartesaal rundherum abgingen. Um in eines der begehrten Zimmer zu gelangen, muss man sich an einer wiederum von vielen Indern belagerten Rezeption anmelden, ein Anmeldeformular ergattern und dieses dann ausgefüllt wieder abgeben – zusammen mit einer bestimmten Summe Rupien. Dann warteten auch wir in der großen Wartehalle. Zum Glück ging es relativ schnell und wir konsultierten eine, wie sich herausstellte, sehr kompetente Ärzten. Eine kräftige Inderin, die mir mit ihrer tiefen Stimme sofort Vertrauen einflößte. Wir mieteten ein Einzelzimmer im Krankenhaus, mit TV. Henning musste sofort für die nächsten Tage an den Tropf, Sodiumchloridlösung non-stop. Wie sich nach einigen Bluttests herausstellt, hatte sich Henning das Dengue-Fieber eingefangen, in diesem Gebiet Indiens eine weit verbreitete Krankheit, wie die Malaria. Aus den modrigen Sümpfen kommt es heraus gekrochen und verbreitet sich über fiese Moskitos. Es gibt vier verschieden Arten von Dengue, gegen keine gibt es Impfstoffe oder eine wirkliche Medikation. Die einzige Chance zu überleben ist das frühzeitige Erkennen und identifizieren der Krankheit sowie das Zuführen von Flüssigkeit, wie nun der unversiegbare Tropf der Rettung. Der Virus greift die roten Blutkörperchen an und zerstört die „Platelets“ platelet [physiol.] das Blutplättchen thrombocyte [physiol.] darin – das sind Bestandteile, die für die Blutgerinnung im menschlichen Körper zuständig sind. Führt man dem Körper rechtzeitig massenhaft Flüssigkeit zu, unterstützt damit die Nieren und das „Durchspülen“, gibt es eine hohe Chance, die Krankheit unter Kontrolle zu bringen, solange die Werte der „Platelets“ nicht unter eine bestimmte Grenze fallen. Meistens fällt dieser Wert dramatisch im Sturzflug, was zum Glück bei Henning nicht der Fall war. Hier fiel der Wert sehr langsam und er war dadurch wieder in den Griff zu bekommen. Fällt er weiter, beginnen die Patienten zu bluten – aus den Augen, der Nase, den Ohren, dem Mund und dann aus dem ganzen Körper. Dann ist es allerdings zu spät. Die meisten Erkrankten kommen zu spät, weil sie aus weit abgelegenen ländlichen Gebieten kommen, das Krankheitsbild nicht kennen und so auch nicht wissen, was zu tun ist. Wir hatten großes Glück und alles ist gut gegangen.Wahrscheinlich aufgrund des guten Immunsystems des Yogis Henning!

Im Krankenhauszimmer geht es zu wie im Taubenschlag. Alle Stunde (so kommt es mir jedenfalls vor) kommt irgend jemand herein: Schwestern bringen Medikamente, Cleaning Ladies kurven mit dem Feudel neugierig durchs Zimmer, die Augen mehr auf uns als auf den Boden gerichtet, andere bringen Essen, zwei andere Putzmänner kreuzen auf, der eine ist für das auf- und zumachen der Tür zuständig, der andere wischt irgendwie nicht ganz nachvollziehbar über die Polster der Möbel, wedelt an der Gardine rum und sprüht irgend ein Spray hinein, dann verschwinden sie. Dann kommen wieder zwei und schauen, ob im Bad alles abläuft. Und so weiter. Ich denke mir, dass das bestimmt ein besonderes Programm ist, zur Vollbeschäftigung einer Milliarde Inder. Vielleicht sollte unser Arbeitsminister einen längeren Indienaufenthalt einplanen und Hospitationen in verschiedenen Institutionen und Unternehmen einbauen! Da geht auf jeden Fall noch was…

Ich sitze Tag und Nacht am Krankenbett und verlasse das Zimmer aller höchstens, um in der Krankenhauskantine einen Tee zu trinken. Und ein Masala Dosa zu essen. Henning und ich werden in den ersten Tagen von Lakshmi, einer liebenswerten und bezaubernden Devotee vom Gurujii mit Essen versorgt. Sie kocht für uns und kommt dann mit einem Henkelmann voller Reis, Gemüsecurries und Leckereien ins Krankenhaus, wartet geduldig, bis wir aufgegessen haben, um dann die leeren Schüsseln wieder mit nach Hause zu nehmen. Als ich sie zum Tee in der Kantine einlade, kommen wir ins Gespräch, werden allerdings unterbrochen, von einer schönen alten Inderin. Sie schaut mich an, legt ihre Hände in Namaste und sagt irgend welche Dinge. Ich frage Lakshmi, was hier gerade passiert und sie antwortet: „She´s praysing You!“ Ich verneige mich vor der schönen alten Inderin, wir schauen uns kurz in die Augen und weg ist sie. Lakshmi erzählt mir in ihrem gebrochenen Englisch, wie sie zum Gurujii gefunden hat und wie wichtig die Spiritualität in ihrem Leben ist. Wir sitzen in der spärlichen, engen Kantine auf harten Stühlen und schlürfen heißen, süßen und würzigen Chai aus kleinen Plastikbechern. Später kommt noch ihr Mann zu Besuch ins Krankenhaus, einfach, um Hallo zu sagen. Er ist erfolgreicher Ingenieur, hat mit Spiritualität nichts am Hut. Lakshmi freut sich, dass er sie einfach das machen lässt, was sie möchte. Sie sagt:“His WORK is his GOD.“ Am nächsten Tag fährt mich sein Chauffeur durch die Gegend. Das erleichtert mir meine Erledigungen zu schaffen.Sonst nehme ich Rikshas, was jedes Mal scharfe Vorverhandlungen über den Fahrpreis mit dem Fahrer bedeutet, ebenso wie eine ziemliche Nähe am indischen Straßenverkehr und Hustenanfälle vom Staub und von den Abgasen.

Habe in der Zwischenzeit einige Kilos verloren. Da ich ansonsten auch nichts zu zusetzen habe und meine Hosen anfangen zu schlackern, kommen schon meine indischen Freunde und fordern mich auf, mehr zu essen. Ich denke mir, dass müssen DIE gerade sagen, selber solche „Hungerhaken“ – mache mir dann aber doch Gedanken, versuche mehr zu essen. Die Schärfe, immer Reis und Gemüse nützen nichts, es bleibt einfach nichts hängen und so richtig viele Kalorien beinhalten die Gerichte dann auch nicht…Ich sehe meine Rettung in einer tollen indischen Bäckerei – dort verschlinge ich fast unanständig ein Riesenstück Schwarzwälderkirschtorte!

Henning schläft viel und wenn er wach ist, leisten wir uns ganz großen Luxus und gucken TV! Dazu kommen wir ja in Deutschland immer nicht und jetzt gibt es nichts anderes zu tun. Unser Lieblingsprogramm ist die sogenannte Homebox. Hier werden immer Spielfilme gezeigt, mit unfassbar langen Werbepausen. Es gibt ungefähr fünf Werbefilme und die werden in unterschiedlichen Kombinationen wiederholt, was sich irgendwie schnell erschöpft. Mein neuester Lieblingskultfilm ist jetzt auf jeden Fall „Speedracer“ und ich nehme mir ganz fest vor, zu Hause das Computerspiel – dass es einfach geben MUSS – zu kaufen – am Besten mit Flatscreen und Luxuskonsole. Sehr unyogisch zugegebener Maßen. Doch es gibt in mir so ein paar Schattenseiten, die wollen einfach nicht belichtet werden. Ich gehe z.B. auch in Thailand immer ins Stadion zum Thaiboxen und stehe, wenn erlaubt, spätestens nach dem 3. Kampf vorne am Ring, völlig außer Rand und Band…Damit das auch mal geklärt ist…

Henning geht es von Tag zu Tag besser. Er steht auf und geht zum Fenster – ein ziemlich gutes Zeichen. Beginnt wieder zu essen und über Szenen in „Kung-FU Panda“ zu lachen. Das macht mich glücklich und wir liegen zusammen gequetscht auf seinem Krankenbett und freuen uns. Die Schwestern scheuchen mich immer wieder runter, wenn sie herein kommen, eigentlich wissen sie, dass ich sobald sie draußen sind, sowieso wieder dort liegen werde. Nachts schlafe ich auf einer kleinen, harten Pritsche, ohne Decke. Aber ich habe ein großes Tuch, dass ich tagsüber über meiner indischen Tunika trage. Es ist riesig und so kann ich mich nachts damit zudecken.

Noch ein paar Tage und wir können raus hier – ich kann es kaum erwarten.

Inzwischen ist mein Nervenkostüm ein wenig angekratzt. Ich hoffe, dass sich das wieder legt. Überall sind Inder, ständig werde ich angegafft, angesprochen und kann nie unbeachtet irgend etwas machen…..normaler weise steckt man so was weg, ich schaffe das nicht im Moment. Möchte mich unsichtbar machen, ungesehen sein und einfach meine Sachen machen. Aber nein, keine Chance. Trotz Tunika, Tuch um den Kopf und Sonnenbrille….

Text+Bild: Eva Maria Moog

Yoga Shala