Wir sind Tiere
30.10.2009
Jörg Küster
Schauplatz: Die Yoga Conference Köln. Im Saal “Belvedere” des Pullman Hotels hält Jivamukti-Yogalehrer Patrick Broome einen Vortrag über Yoga und Psychologie. Das Thema ist spannend, die Stimmung konzentriert. Während einer Denkpause ertönen aus dem Nebenraum plötzlich Schreie und langgezogene Grunzlaute. Ein Notfall? “Nein, das ist Duncan”, sagt Broome. Der nächste Programmpunkt ist also Duncan Wongs Workshop “Yogic Arts – Core Jump & Flow Mechanics”: Eine scheinbar frei assoziierte Sequenz wilder Yoga- und Martial Arts-Bewegungen zu heißer Musik. Sehr schnell und sehr sexy. YOGA JOURNAL traf den Gründer des “Yogic Arts”-Systems, dessen Performances Sharon Gannons Statement “Yogis sind nicht normal” eine neue Dimension gibt.
Interview: Tobias Frank
YOGA JOURNAL: Du unterrichtest einen Stil, der sich Yogic Arts nennt. Was verbirgt sich dahinter?
Duncan Wong: Yogic Arts ist eine Synthese aus Yoga, Martial Arts und Massage. Es ist Hip‑Hop, Kickboxen und Vinyasa Yoga. Eine echte Bewegungstherapie! Als alter Ashtangi und auch Jivamukti ist es mein Anliegen, die traditionelle Lehre von Krishnamacharya weiterzugeben – eine intensive therapeutische Technik, um Körper und Seele, den Körpertempel, zu erwecken.
YJ: Es gibt heutzutage eine Menge unterschiedlicher Yoga-Stile. Was unterscheidet Yogic Arts von ihnen?
DW: Was es für mich einzigartig macht, ist, dass es meine eigene Praxis ist, meine Kraftquelle. Für mich ist dieser Stil deshalb ganz besonders, weil in ihm Yoga, Martial Arts und Massage zusammenfließen. Jeder, der Martial Arts praktiziert, braucht Yoga. Jeder, der Yoga und Martial Arts ernsthaft praktiziert, braucht eine gute Massage. Da ist es nur logisch, dass sich diese Disziplinen ergänzen – nicht nur energetisch, sondern auch in der Technik. Grundlage sind beispielsweise die Kriegerhaltungen und Mudras, durch die ein Fluss, eine Verbindung entsteht. Das fängt bei den Standhaltungen an und umfasst die Techniken des Vinyasas, wie man sich bewegt, springt, fliegt. Möglich wird das durch richtige Ausrichtung und die Kontrolle der Körpermitte, der sogenannten Bandhas.
YJ: Was haben Yoga, Martials Arts und Massage gemeinsam?
DW: Es sind meine unmittelbaren Erfahrungen aus der Praxis, die mir sagen, dass diese Techniken zusammengehören: Buddha war ein Yogi. Und die Yogis waren immer so etwas wie die spirituellen Krieger. Massage ist ein ganz natürlicher Aspekt von Yoga und Martial Arts. Es geht um ein Wissen, das noch weiter geht und auch Medizin und Schamanismus umfasst. Die Berg-Position oder Affenhaltung oder was auch immer – bei ihnen geht es darum, Natur zu sein, mit der Natur in Harmonie zu koexistieren. Der Grundgedanke ist Einheit: Wir essen die Tiere nicht, wir sind die Tiere!
YJ: Wie hast du Yoga entdeckt?
DW: Ich wuchs als Straßenkämpfer auf und stieg später als Kickboxer in den Ring. Yoga stand nicht wirklich auf dem Plan, ich bin einfach mit dem Fluss des Lebens gegangen. Um es kurz zu machen: Ich habe Yoga zufällig entdeckt und hatte die Gnade und das Glück, in San Francisco meinen ersten Yogameister kennen zu lernen: Tony Sanchez, einen der ersten Schüler von Bikram. Später entdeckte ich Ashtanga-Vinyasa, kehrte dann aber wieder zu Martial Arts zurück. Dann kam die buddhistische Heilkunst des Kuk Sool Won dazu. Das war der tiefere buddhistische Aspekt der Praxis. Später begann ich zu verstehen, dass die Bewegungen, die den Tod des Gegners beabsichtigen, auch Bewegungen werden können, um zu heilen. Wenn man Kampftechniken wie Schläge, Tritte oder Blöcke verlangsamt, können diese Techniken zu einer Physiotherapie wandeln. Bemerkenswert ist außerdem, dass die Zielpunkte, die Punkte, an denen wir sehr verwundbar und schmerzempfindlich sind, zugleich Akupressurpunkte sind. Es hängt alles von der Intention ab, mit der wir einen anderen Menschen berühren: Wollen wir ihn verletzen oder heilen?
YJ: Wie wurdest du Lehrer?
DW: Gute Frage – das ist schon so lange her. Es ergab sich einfach: Ich war 19 Jahre alt und die ganze Zeit im Studio, um zu üben, aufzuräumen und sauberzumachen. Ich hatte nichts anderes zu tun, und ich liebte es. Mein Meister hatte mir von Anfang an versprochen: Wenn du jeden Tag übst, die ganze Zeit übst und dich um das Studio kümmerst, kannst du umsonst trainieren. Als Teenager, der von der Straße kam, dachte ich: Wie cool! An einem Punkt sagt er dann: „Du übernimmst das Studio. Du unterrichtest.“ Und seitdem unterrichte ich.
YJ: Zur Zeit gibt es erstaunlich viele Yogalehrer. Es werden immer mehr. Auch du unterrichtest bald ein Teacher-Training in Deutschland. Was macht für dich einen guten Lehrer aus?
DW: Ein guter Lehrer ist ein guter Schüler. Heutzutage gibt es schon fast mehr Lehrer als Schüler. Wieviele von ihnen sind auch gute Schüler? Tja. Jeder hat Raum zu wachsen. Wir sind immer genauso erleuchtet, wie wir sein sollten. Und es gibt immer noch Möglichkeiten, sich zu verbessern, auf dem Pfad weiterzugehen.
YJ: Was ist dann ein guter Schüler?
DW: Ein großartiger Schüler ist derjenige, der es verstanden hat, aufmerksam zu sein und einen offenen Geist hat. Es gibt immer nur einen Lehrer – derjenige, der gerade vor einem steht. Einem neuen Lehrer sollte man völlig offen gegenüber treten, und zwar unabhängig davon, was man schon gelernt hat oder meint, gelernt zu haben. Außerdem ist ein guter Schüler immer pünktlich: Er kommt pünktlich und geht spät.
YJ: Mir persönlich hat dein Workshop auf der Yoga Conference gefallen, dein Unterricht, die Musik. Ein paar Leute sind aber zwischendurch rausgegangen…
DW: War wohl zuviel für sie!
YJ: Böswillige Leute könnten sagen: Dein Unterricht ist gute Unterhaltung, aber ist das Yoga, was du unterrichtest? Was würdest du ihnen sagen?
DW: Was ich ihnen sagen würde? Wenn du bewusst atmest, bist du präsent gegenüber der wahren Form. Und wenn du zu steif, zu angespannt bist, läufst du Gefahr, dich zu verletzen. Mir geht es nicht um Perfektionismus – den perfekten Schüler, den perfekten Unterricht, ständig perfektes Alignment zu haben. Ich möchte nicht in ein paar Jahren auf mein Leben zurückblicken und sagen müssen: Oh, mein Gott – ich habe vergessen, Spaß zu haben! Das wäre traurig.
YJ: In der heutigen Welt scheint jeder extrem beschäftigt und ununterbrochen unter Spannung zu stehen, besonders in den Großstädten. Wie lässt sich da das Leben eines Yogi leben?
DW: Wie lassen sich die alten Lehren umsetzen, die wahre Form finden, Erleuchtung erlangen? An diesen Jahrtausend alten Fragen hat sich wenig geändert. Meine Meinung ist: Wir sind lebende Tiere! Daran kann auch die Technisierung nichts ändern. In Großstädten entfernen wir uns von unserer natürlichen Lebensform. Wir wollen zur Natur zurückkehren. Physisch durch einen Spaziergang im Park oder einen Ausflug ins Grüne, aber auch zur Stille unseres eigenen Atems. Körperlich still zu werden und den Atem zur Ruhe zur bringen, ist eine unglaubliche Kraftquelle. Das ist das mächtigste Werkzeug, das wir haben, um zu unserer wahren Natur zurückzukehren.
YJ: Was war deine größte Herausforderung auf deinem Weg als Schüler und als Lehrer?
DW: Jetzt wird es aber persönlich! Es ist offensichtlich, dass ich Künstlerblut in meinen Adern fließen habe. Mein Vater war ein Schauspieler. Von ihm habe ich eine Menge gelernt und in meinen Unterricht übernommen. Ich benutze meine Persönlichkeit als ein Werkzeug, um Menschen zu inspirieren. Dabei gibt es eine Sache, die für mich sehr kraftvoll war, die mir mein erster Lehrer des Buddhismus und Martial Arts beigebracht hat. Eines Tages sagte mein Meister zu mir: „Duncan!“ Ich sage: „Yes, Sir?“. Er sagte: „You don’t need to impress someone. You just need to be impressed“. Den tiefen Sinn seiner Worte habe ich erst nach Jahren richtig verstanden: Wenn es dein Job ist, Leute zu inspirieren, musst du selber inspiriert sein. Beispielsweise von einem Sonnenuntergang in der Natur. Als Lehrer müssen wir niemanden beeindrucken. Wir müssen lediglich beeindruckt sein – von den vielen kleinen und großen Dingen des Lebens!
Duncan Wong hat einen Yogastil geschaffen, der sein Leben widerspiegelt. Bereits während seiner Teenagerzeit reiste er durch Indien und liess sich in Schwertkampf und Kampfkünsten ausbilden. In seiner Familie gibt es traditionell eine besondere Verbindung zum Thema Heilen und Helfen, unter anderem durch Akupunktur und als Zenmeister. Inzwischen lebt der in Kalifornien aufgewachsene Wong hauptsächlich im japanischen Kyoto, wo er die Meditationstechnik Zazen studiert und Budo Kampfkunst unterrichtet. Neben seinen Studios und Communities in Kalifornien, New York, Miami, Shanghai, Tokio und Kyoto unterrichtet Wong regelmäßig in Europa. www.yogicarts.com
Im Juni 2010 findet in Zusammenarbeit mit dem Yogaloft Berlin das erste Yogic Arts-Teacher Training in Deutschland statt. Infos gibt es unter www.yogaloft-berlin.de.



